Liebe Leser,

nachfolgend ein Krimi, der im heutigen London spielt.

 

Der Yard ist nervös. Ein Serienmörder scheint ohne erkennbare Zusammenhänge Morde zu begehen. Es gibt Verdächtige, zu denen sogar der Chief-Inspektor zählt. Lange ist nichts so, wie es scheint. Wem darf man trauen und wer weiß mehr, als er verrät? Lügen alle oder liegt die Wahrheit außerhalb des Begreifbaren?

 

Dieser Krmi ist hier nicht vollständig zu lesen. Wer Lust und Laune hat, die Auflösung kennen zu lernen, schreibt mir einfach eine Mail oder meldet sich im Gästebuch. Selbstverständlich freut es mich auch, eine Resonanz auf diesen Krimi zu erhalten, denn natürlich ist das Feedback lebenswichtig für einen Autor...

Zeit der Buße, Teil 1

PROLOG

Zwölf steinerne Stufen, deren Kanten längst von der Witterung abgerundet waren und die an mehreren Stellen bereits zu bröckeln anfingen, führten zu seiner Haustür. Hier, in diesem weißgetünchten Backsteinhaus, das von einem wild wuchernden Garten umschlossen war und dessen einst grün lackierte Fensterläden nun wie modrige Flicken auf einem schmutzigen Leinentuch wirkten, war sein Zuhause.  

Er zählte die Stufen. Er zählte sie, seit er als kleines Kind das erste Mal mit seinem Vater die Stufen herabging, um im Garten die Strafe für seinen Ungehorsam zu empfangen. Zwölf Stufen, dann siebzehn Schritte bis zum kleinen Geräteschuppen, der allerdings keine Gartengeräte beinhaltete, sondern lediglich ein schmales Brett, das von zwei Böcken gestützt wurde. Er versuchte, das Geräusch zu überhören, wenn Vater den schweren Ledergürtel aus der Hose zog, die beiden Enden mit der rechten Hand festhielt und dann, wie zum Testen der Schlagkraft, den Ledergürtel mit aller Wucht auf das Brett sausen ließ.

„Hose runter!“

Er gehorchte wortlos, bettelte nicht, beugte sich über das Brett und erwartete die Schläge seines Vaters, die wie immer die ganze brutale Kraft des Mannes spüren ließen.

Nachdem die zwölfte Stufe überwunden war, steckte er den Schlüssel in das von einer rostigen Umrandung gehaltene Schloss, drehte den Schlüssel zweimal herum und stieß die Tür auf. Den Geruch von Tod und Verwesung nahm er schon lange nicht mehr war, denn beides gehörte schon seit Ewigkeiten zu ihm.

Kapitel 1

Arthur Fendish versuchte, nicht daran zu denken, wie langweilig sein Leben von nun an sein würde. Er, der stets ruhelose und überaus engagierte Inspektor beim Yard, oder, wie man die legendäre Polizei richtigerweise nennt ‚New Scotland Yard‘, hatte Jüngeren Platz machen müssen, wenngleich er sich selbst keineswegs für ‚zu alt‘ hielt. Schon 1967, als die alte Institution in eine Seitenstraße der Victoria Street im Londoner Stadtteil City of Westminster umzog, war Fendish bereits beim Yard, wenngleich er damals nur ‚zur Probe‘ von der Polizei zum Yard bestellt wurde. Lyndon Fendish, Arthurs Vater, hatte dafür gesorgt, dass sein Sohn einen der begehrten Plätze erhielt, in denen sich einige junge Polizisten bewähren durften und Arthus hatte diese Chance mit Bravour genutzt.

Nun, im Alter von sechsundsechzig Jahren, half Arthur Fendish auch seine sonst so geschätzte Erfahrung und auch sein Einfühlungsvermögen bei besonders verzwickten Kriminalfällen nichts mehr. Wohl oder übel musste er sich damit abfinden, zum ‚alten Eisen‘ zu gehören, dem man bestenfalls einmal im Jahr eine Grußkarte mit langsamen immer weniger Unterschriften seiner Kollegen aus der alten Abteilung zusandte.

Fendish war in seiner aktiven Zeit, selbst dann, als er mehrfach für seine Aufklärungsquoten belobigt wurde, kein Inspektor, der aufgrund seines Charismas in die Geschichte des Yard eingehen würde. Der Inspektor war eher dieser bescheidene, unauffällige und dennoch überaus erfolgreiche Beamte, den die jungen Polizisten bewunderten, ohne in ihm ein mystisches Genie zu sehen, der jeden Kriminellen überführte, weil er schon vor der Tat wusste, wer der Täter sein musste. Inspektor Fendish löste seine Fälle unspektakulär, mit viel Fleiß und jener Zielstrebigkeit, die er selbst allerdings bei den meisten seiner jungen Kollegen vermisste.

Jetzt aber war es an der Zeit, nicht mehr zurück zu blicken. Jetzt musste es ihm egal sein, wie Betrüger, Mörder und Erpresser überführt wurden. Das alles war nun nicht mehr seine Sache und auch das Nachdenken über die letzten schönen Jahre beim Yard konnte ihm bestenfalls ein paar Monate trösten, bis dann das schleichende Gift der Einsamkeit wirkte und seinen Tribut in Zipperleins und rheumatischen Beschwerden fand. 

Heute, am 12. April des Jahres 2006, näherte sich der Abschied vom aktiven Dienst dem ersten vollen Monat. Ein Monat ohne den täglichen schlecht schmeckenden Tee aus der Kantine, ein Monat ohne die Plaudereien mit Kollegen, das Fachsimpeln über alte und neue Ermittlungsmethoden und ein Monat ohne diesen typischen Geruch in Fendishs‘ Büro, der jeden Besucher eigentümlich in den Bann zog. Mittlerweile dürfte dieser Geruch einem sterilen Nichts gewichen sein, denn an seinem letzten Arbeitstag hatte Fendish die in einem Bücherregal versteckten Lavendel und Pfefferminze Kräuter entsorgt, die mehr als nur einmal mit ihrer entspannenden Wirkung Verhöre mit Verdächtigen zum gewünschten Erfolg brachten.

Langsam, ganz langsam setzte die Wirkung der Abstinenz von der Arbeit ein. Der gewohnte Rhythmus, die morgendliche kurze Fahrt mit dem Bus und der abendliche Spaziergang nach Hause, auf den Fendish selbst dann, wenn es junge Katzen vom Himmel regnete, nie verzichtete; das alles musste nun einem neuen, wenig spannenden Tagesablauf weichen.

Arthur Fendish freute sich kein bisschen darauf, endlich ‚ausspannen‘ zu können, wie es ihm Kollegen zum Abschied gewünscht hatten. Mit jedem Tag, der seitdem vergangen war und mit jedem Blick in seinen Badezimmerspiegel, wurde ihm bewusst, wie öde und trist sein restliches Leben verlaufen würde. Auch ‚Abigail‘, seine knapp 16jährige Katzendame, die tagsüber die Wohnung des Inspektors hütete und abends die Rolle der schnurrenden Gesellschafterin einnahm, schaffte es nicht mehr, Fendish aufzuheitern. Überdies war sich der Inspektor nicht wirklich sicher, ob das nun an Abigails gesegnetem Alter oder einfach nur am Instinkt der alten verwöhnten Dame lag, der ihr verriet, dass jeder Annäherungsversuch doch nur mit Ignoranz bestraft würde.

Kapitel 2

Normalerweise brauchte Arthur Fendish keinen Wecker. Er, der in all seinen Dienstjahren nicht ein einziges Mal zu spät im Büro erschienen war, konnte sich immer auf seine innere Uhr verlassen, die ihn an jedem Tag, egal ob Wochentag oder Wochenende, pünktlich um 06:00 Uhr weckte.

An diesem Tag hätte Fendish verschlafen. Das allererste Mal in den vergangenen vierzig Jahren wäre der Inspektor, der mittlerweile ein Inspektor außer Dienst war, nicht rechtzeitig aus den Federn gekommen.

So war es dann das Telefon, das Arthur weckte und unsanft aus dem Schlag riss.

„Insp… Fendish, ja bitte?“

Arthus Fendish erhielt in letzter Zeit sehr selten Anrufe. Es gab keine Verwandten, zumindest keine, die ein Interesse daran hatten, sich mit dem alten Mann einfach mal so zu unterhalten. Auch die Kollegen vom Yard meldeten sich kaum noch und Fendish wurde bewusst, dass offenbar das Leben beim Yard auch ohne ihn weiterging.

„Guten Morgen, Inspektor. Hoffe, Sie nicht geweckt zu haben, aber es ist wirklich dringend! Ich stehe vor Ihrer Haustür, habe es schon ein paarmal mit der Klingel versucht, aber offenbar ist das Ding irgendwie defekt Muss ein Wackelkontakt sein, Sir!“

Fendish wusste sofort, wer der Anrufer war. Diese kurze präzise und immer wenig freundlich klingende Stimme gehörte unverkennbar zu Chief-Inspektor Robert Lengly, der einen Monat vor Fendishs Pensionierung den Posten des Chefs ergattert hatte. Fendish mochte ihn nicht sonderlich, schätzte aber dessen Fähigkeit, schnell und logisch zu kombinieren.

„Ich habe die Klingel abgestellt, Lengly! Sie wissen ja, dass diese chinesischen Bengels sich einen Spaß daraus machen, alte Männer wie mich zu quälen, oder? Warten Sie einen Moment, ich ziehe mir nur was an und öffne dann die Tür. Aber achten Sie ja darauf, dass Abigail Sie nicht auffrisst… !“

Kapitel 3

Fendish wusste genau, wie wenig Lengly Katzen mochte. Und dass der Chief-Inspektor, der über die Mitbewohnerin informiert war, dennoch den Mut fand, Fendish persönlich aufzusuchen, ließ nichts Gutes ahnen.

„Hallo, Robert. Ich muss doch nicht Chief-Inspektor sagen, wie? Tee? Dauert allerdings einen Augenblick. Scheint so, dass ich heute zum ersten Mal in meinem Leben verschlafen habe! Sie können ja Abigail ein wenig streicheln, wenn Sie am frühen Morgen besonders tapfer sind…!“

Chief-Inspektor Lengly, den man im Büro, wenn alle sicher waren, dass er nicht mithören konnte, nur ‚Long Lilly‘ nannte, hätte jederzeit als ‚Sherlock Holmes‘ beim Fernsehen oder im Theater mitspielen können, wenn denn Aussehen das einzige Entscheidungskriterium bei der Rollenvergabe wäre. Seine fast zwei Meter Körpergröße, seine extrem hagerere Figur und diese riesige Adlernase, das alles zusammen ließ jeden Betrachter unweigerlich denken, dass Mr. Watson ganz in der Nähe sein musste. Der Blick Lenglys stach aus tiefliegenden Augenhöhen jedem Verdächtigen mitten ins Gewissen, sofern denn der betreffende Verdächtige über ein solches verfügte.

„Schön, dass Sie einen Augenblick Zeit für mich haben, Fendish. Es gibt da nämlich ein Problem, bei dem Sie uns helfen könnten…!“

Vollkommen untypisch für Lengly, dachte sich Fendish, der vom Chief-Inspektor nur kurze, knapp formulierte und präzise Sätze kannte.

„Also keinen Tee?“ versuchte Fendish, die irgendwie gespannte Atmosphäre aufzulockern.

„Danke, keinen Tee. Lassen Sie mich nur gleich zur Sache kommen, denn Sie haben bestimmt wichtigere Dinge zu erledigen, als sich meine Sorgen anzuhören, Fendish!“

Da war er wieder, der kurzangebundene Lengly.

„Dann erzählen Sie mal, wie ein alter Mann Ihnen behilflich sein kann!“

Vom Herrchen hatte Abigail keinerlei Nettigkeiten zu erwarten, also blieb der schnurrenden Seniorin nur der Versuch, sich bei diesem unbekannten Besuch einzuschmeicheln. Unbemerkt von Lengly kam die Katze immer näher an den Chief-Inspektor heran, bis Lengly plötzlich an seiner Hand etwas Haariges fühlte, das er überhaupt nicht mochte.

„Bitte, Fendish, nehmen Sie das Vieh weg, ja? Ich habe doch eine Katzen-Allergie und mir tränen jetzt schon die Augen. Gleich fange ich an zu niesen, dann bekomme ich überall Ausschlag im Gesicht, bevor schlussendlich einen Asthmaanfall erleide, an dem ich jämmerlich ersticken werde. Also bitte, bester Fendish, tun Sie mir den Gefallen!“

Der Inspektor rief Abigail zu sich, der es vollkommen egal war, wer ihr ein wenig Aufmerksamkeit schenkte.

„Sie erinnern sich an Jake Underbuck, Inspektor?“

„Underbuck? Jake Underbuck? Meinen Sie etwa den Underbuck, den ich vor… vor… ich glaube, es waren… vor knapp zwanzig Jahren festgenommen habe? Jake Underbuck, der Killer ohne Motiv?“

„Genau der, Fendish! Der Killer ohne Motiv! Underbuck hatte absolut wahllos gemordet, er hat nie etwas zu seinen Motiven gesagt und trotz intensivster Ermittlungen wurde niemals irgendein Zusammenhang zwischen den Taten oder eine Beziehung zwischen den Opfern festgestellt. Eben diesen Underbuck meine ich, Inspektor. Vor drei Wochen wurde Jake Underbuck vorzeitig entlassen, weil ein Gutachten dem Mann ‚sehr gute Resozialisierungs-Chancen‘ einräumte.“

Fendish blieb ganz still, während Chefinspektor Lengly weiterredete.

 „Vorgestern landete ein Brief beim Yard. Zu Ihren Händen, Fendish. Aber Sie wissen ja noch genau, dass unsere Poststelle nichts unkontrolliert lässt, sobald sich kein Absender auf dem Brief befindet.“

Fendish nickte. Mit einer heftigen Handbewegung scheuchte er Abigail weg, die sofort begriff, dass die Zeit der Nettigkeiten vorerst vorbei war.

„Und woher wissen Sie, dass Underbuck…?“

„…den Brief geschrieben hat? Nun, Inspektor, es gab zwar keinen Absender auf dem Umschlag, aber den Brief hatte Underbuck schön artig unterschrieben, wie sich’s gehört.“

Der Inspektor außer Dienst wunderte sich über Lenglys umständliche Satzbildung, die er so nicht von ihm kannte.

„Sie sind aber nicht so früh am Morgen bei mir, weil Sie mir den Brief persönlich überbringen wollen, oder?“ machte sich Fendish ein wenig lustig, obwohl er ahnte, dass diese Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt war.

„Natürlich nicht, Fendish.“ Lengly sah sich im Wohnzimmer des Inspektors a. D. um. Es war das erste Mal, dass er den ehemaligen Kollegen besuchte und für einen winzigen Augenblick beschlich ihn so etwas wie ein schlechtes Gewissen.

„Underbuck mordet wieder, Sir. Es gibt zwei Leichen, von denen er im Brief schrieb. Wir haben, aufgrund seiner Angaben, die Leichen gefunden, Inspektor. Aber das eigentlich verrückte an diesem Brief kommt ja noch…!“

Fendish bemerkte, wie der Chefinspektor unruhig auf dem Hosenboden herumrutschte. Offenbar machte ihm seine Katzenallergie mehr zu schaffen, als er gesagt hatte.

„Ich merke schon, dass es länger dauert, Chefinspektor. Was dagegen, wenn wir in den Garten gehen? Abigail bleibt hier und wie beiden können uns ein bisschen an der frischen Luft unterhalten.“

„Sie haben einen Garten, Inspektor?“ Lengly war offensichtlich heilfroh, dass Fendish ihm diesen Vorschlag machte.

„Zu meiner Wohnung gehört ein kleiner, wirklich sehr kleiner, aber immerhin sehr hübscher und von mir persönlich gepflegter Garten, lieber Chefinspektor. Ich denke, dort haben wir die perfekte Umgebung für ein ausgiebiges  Gespräch! Nur eines noch, bevor wir nach unten gehen, Lengly: Sie sind offenbar sicher, dass Underbuck der Killer ist?“

Der Chefinspektor hatte sich schon erhoben, setzte sich aber noch einmal hin, als er sagte: „Nun ja, wir haben tatsächlich die Leichen an den Stellen gefunden, die Underbuck beschrieben hat, aber…“

„Aber?“ Auch Fendish hatte sich wieder gesetzt.

„…aber Underbuck behauptet in seinem Brief, dass nicht er der Mörder ist!“

„Oh, ein Mörder, der vorgibt, unschuldig zu sein? Das ist ja mal eine ganz neue Geschichte!“ Fendish setzte ein Grinsen auf, das Lengly nicht erwiderte.

„Er teilte in dem Brief sogar mit, wer der Mörder ist. Und er schrieb auch, dass dieser Mörder alle Morde, die man ihm, Underbuck zur Last gelegt hatte und für die er zwanzig Jahre in Wandsworth  gesessen hat, kein geringerer als Sie sind, Inspektor Fendish…!“

Die Mimik des Inspektors veränderte sich nicht. Er behielt sein belustigtes Grinsen bei und sah den Chefinspektor dabei fest an.

„Und nun sind Sie hier, um mich festzunehmen, ja? Ist’s okay, wenn wir zuvor einen Tee im Garten trinken, der bei weitem besser schmeckt, als die Brühe, die Sie aus der Kantine gewohnt sind? Die Sache fängt langsam an, mich überaus zu interessieren, zumal ich mich auch frage, was Ihr Besuch eigentlich zu bedeuten hat. Für Sie und mich ist’s doch nicht neu, dass sich ein Mörder nach seiner Entlassung an dem Mann rächen will, der ihn ins Gefängnis geschickt hat.“

„Natürlich, Sir. Sie wissen das und ich weiß das auch. Und wenn Sie mich nach dem eigentlichen Sinn meines Besuches fragen, kann ich Ihnen keine Antwort geben, weil ich diese Antwort nicht kenne! Vielleicht wollte ich Sie nur informieren, wollte Ihnen mitteilen, was Underbuck von sich gibt. Vielleicht ist es auch so, dass ich mir dachte, ein erfolgreicher Inspektor, der bis vor Kurzem eine feste Größe beim Yard war, kann mir hier und da einige Tipps geben, weil er ja diesen Underbuck besser kennt, als irgendein anderer Ermittler?!“

„Erfolgreich, ja? Nun, es ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ab und an hatte ich schon den richtigen Riecher, Chefinspektor. So, jetzt ist’s aber genug! Ab in den Garten mit uns, damit Abigail aufhört, Sie so liebebedürftig anzusehen!“

Kapitel 4

Shoreditch, Ortsteil des Stadtbezirks Hackney, im nordöstlichen London.

Diese Gegend, die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hin- und hergerissen wurde, lange Zeit als ‚schlimmste asoziale Nische‘ Londons galt und mittlerweile, dank der so genannten Gentrifizierung, stetig ‚entarmt‘ wurde, bot noch immer etlichen üblen Typen ausreichend Gelegenheiten, sich vor der Polizei zu verbergen.

Mittlerweile gab es immer mehr betuchte Investoren, die Immobilien erwarben, um sie gewinnbringend an die ‚bessere Gesellschaft‘ zu vermieten. Diese Vertreibung armer Bevölkerungsteile nannte dann frech  ‚Neu-Sozialisierung‘ und nahm dabei in Kauf, dass sich andernorts noch größere und auch gewaltbereite Ghettos als neue Brandherde sozialer Konflikte bildeten.

Jake Underbuck hatte, trotz der zwanzig Jahre Knast, gute Kontakte nach Shoreditch, denn hier wuchs er auf, hier waren seine Eltern begraben und hier kannte er eine Menge Kumpels, die ihm sicheren Unterschlupf gewährten. Einer wie Underbuck konnte problemlos ein paar Monate untertauchen, ohne befürchten zu müssen, verpfiffen zu werden. Aber Underbuck wollte gar nicht untertauchen. Er wollte sich nicht wie eine Maus in irgendeinem Loch verkriechen, damit die Maus ihn nicht fängt.

Ganz im Gegenteil!

Der Brief, den er dem Yard geschickt hatte, war nur der erste Schritt. Natürlich dachte man nicht daran, ihm, dem verurteilten Kriminellen und Mörder, zu glauben. Sein Wort stand gegen das des legendären Inspektor Fendish. Keine Frage, wer der Lügner war. Und trotzdem! Er, Jake Underbuck, würde Mittel und Wege finden, dieses Abbild eines vorbildlichen Inspektors beim Yard in ein Abziehbild niederträchtiger Verlogenheit umzuwandeln. Immerhin waren es zwanzig Jahre seines Lebens, die Underbuck wegen Fendish verloren hatte. Zwanzig Jahre! Zwanzig Jahre…

Kapitel 5

„Donnerwetter, Fendish! Ich hatte gedacht, dass Sie mich in einen kleinen mickrigen Garten führen würden. Vielleicht ein Tisch und zwei Stühle, hier und da ein paar Sträucher. Mit einem kleinen Tomatenbeet hatte ich gerechnet. Aber das hier, das hier ist ja mit Abstand der schönste Garten, den ich jemals gesehen habe, wenn man einmal von den Sissinhurst Gardens absieht…!“

„Zu viel der Ehre, bester Chefinspektor. Es gibt einige Gärten in Kent, die mich faszinieren, aber mein kleines bescheidenes Idyll ist im Vergleich dazu doch eher ein lächerliches Fleckchen Erde mit ein paar ganz netten Blümchen. Dennoch freue ich mich sehr über das Kompliment, zumal ich wirklich jeden Handgriff hier ohne fremde Hilfe erledigt habe.“

Chefinspektor Lengly war tatsächlich tief beindruckt von der Pracht, die er in diesem kleinen Hinterhof-Garten nicht erwartet hatte. Zwar wusste er schon seit langem, dass Fendish diesen ‚Spleen‘ hatte, oder, wie man es wohlwollender ausdrückte, dass er ‚mit seinem grünen Daumen auch Steine zum Blühen bringen konnte‘, aber dass der ehemalige Inspektor ein solches Genie der Gartenkunst war, überraschte ihn doch ein wenig.

Konnte ein Mann, der so viel Liebe in einen Garten investierte, der seit Jahrzehnten einen makellosen Ruf beim Yard genoss und der auch bei allen Kollegen als stets freundlich und ehrlich eingeschätzt wurde, wirklich ein Killer sein? Steckte in diesem blütenweißen Fendish ein rabenschwarzer Charakter?

Blödsinn! Lengly wollte diesen Gedanken auf keinen Fall zu Ende denken, wenngleich…

„Es gibt – und bitte nehmen Sie mir das nicht übel, bester Fendish – ein paar Hinweise in Underbucks Brief, die mir und den Kollegen heftige Bauchschmerzen bereiten.“

„Hinweise? So? Also werde ich jetzt doch verhaftet?“

„Sie müssen verstehen, dass mir der Besuch bei Ihnen etwas peinlich ist, Inspektor! Da erhalten wir einen Brief dieses verurteilten Mörders, der Sie, seinen offensichtlichen Todfeind, beschuldigt, alle Morde begangen zu haben, für die man Underbuck eingebuchtet hatte. Und dann werden weitere Morde begangen, die exakt in das Schema der ersten Mordserie passen. Wenn dann dieser Underbuck schreibt, dass Sie ein Verhältnis mit einem der letzten Opfer hatten, zwingt mich das dazu, Ermittlungen einzuleiten, falls Sie mir nicht hoch und heilig versprechen…“

Fendish nippte an seinem Tee, während Lengly den Inhalt seiner Tasse scheinbar kalt werden lassen wollte.

„Ich weiß, ich weiß, Chefinspektor! Solche Anschuldigungen müssen eben abgearbeitet werden, damit keinerlei Zweifel an meiner Integrität besteht, nicht wahr? Mir ist doch bewusst, dass Sie mich nicht wirklich verdächtigen. Also? Um wen handelt es sich? Wer war die Frau, mit der ich ein Verhältnis gehabt haben soll?“

Lengly druckste herum. Die Situation war ihm sichtlich unangenehm und selbst er, der sonst für seine klaren Worte und seine direkten Formulierungen bekannt war, hatte offensichtlich Probleme, Fendish mit dem Namen zu konfrontieren.

„Keine Frau, Fendish. Es war ein Mann. Underbuck behauptet, dass Sie ein Verhältnis mit einem Mann hatten!“

Während er diesen Satz aussprach, beobachtete er jede Regung im Gesicht des Inspektors. Konnte er irgendeine verräterische Mimik entdecken? Wurde Fendish wenigstens ein kleines bisschen unruhig? Irgendein Indiz dafür, dass etwas Wahres an der Anschuldigung war?

„Ein Mann? Ich soll schwul sein? Ich? Aha! Na, das ist mal was ganz Neues, lieber Lengly! Aber weiter im Text: Wer ist der Betreffende? Wie heißt dieser Kerl, mit dem ich’s gerieben haben soll?“

Da war nichts. Nichts, das auch nur den geringsten Zweifel an Fendishs Glaubwürdigkeit aufkommen ließ und eben dieser Umstand irritierte den Chefinspektor. Da war kein Flackern der Augenlider, kein kurzes, kaum sichtbares Aufblitzen der Augen, da war kein Mahlen mit den Kieferknochen und da war auch kein bisschen Schweiß auf Fendishs Stirn zu sehen. Nichts! Einfach nichts. Selbst ein Unschuldiger hätte irgendwie reagiert. Er wäre zornig geworden, hätte sich mokiert. Vielleicht hätte er seine Entrüstung gezeigt. Aber Fendish zeigte nichts, wenn man einmal von seiner stoisch gleichgültigen, etwas arroganten Art und seinem kalten Blick absah.

„Der Mann, die Leiche, also der Betreffende, der mit Ihnen…“

„Nun sagen Sie’s schon, Chefinspektor!“ Fendish blickte Lengly starr an.

„Sein Name war Paul Lester. Ein einunddreißigjähriger Mann, der in der Londoner Schwulenszene bekannt war. Als wir seine Leiche aufgrund der Angaben von Underbuck fanden, stellten meine Kollegen einen Zettel in seiner Jacke sicher, Sir. Auf diesem Zettel hatte Lester eine Telefonnummer notiert. Ihre Telefonnummer, Inspektor Fendish!“

Kapitel 6

Patty Lester konnte sein Gequatsche nicht mehr ertragen! Sie hasste diesen Idioten, wie eine Frau, die viel zu lange mit einem Versager wie Paul verheiratet war, nur hassen konnte. Selbst in diesem Moment, wo sie sich ins Bad zurückgezogen hatte, hörte sie das Jammern ihres Mannes und wünschte sich, er möge an seinem Selbstmitleid ersticken.

„An mir liegt es nicht, wenn die uns nächste Woche den Strom abstellen werden, Pat! Was soll ich denn noch alles tun, hä? Ich renne schon alle zwei Wochen aufs Amt, während Du den ganzen Tag nichts zu tun hast. Mir fällt es weiß Gott nicht leicht, weil ich wegen meinem Fuß noch nicht zum Arzt konnte, aber das kümmert Dich ja kein bisschen, nicht wahr, Pat…?“

Dieser Idiot! Warum, in Gottes Namen, hatte sie ihn nur geheiratet? Hätte ihr damals, vor zehn Jahren, nicht auffallen müssen, dass es Männer gab, die ihr Leben lebten und andere Männer, oder besser gesagt ‚Männchen‘ wie Paul, pissten sich schon in die Hose, wenn der Briefträger klingelte.

„Ich scheiße auf Deine Füße, Blödmann!“ wollte sie ihm schon zurufen, als sie daran dachte, wie Paul darauf reagieren würde. „Jetzt lässt Du mich auch noch im Stich, Pat! Was soll nur aus mir werden? Haben wir uns nicht mal ewige Liebe geschworen?“ wären seine zittrigen Worte, weswegen sie lieber ihren Mund hielt.

Tatsächlich hatten Paul und Patty vor zehn Jahren ein paar ganz nette Augenblicke zusammen erlebt. Patty fand damals, als Mädchen vom Land, das eine Stadt wie London nie gesehen hatte, jeden Mann interessant, der ihr schöne Augen machte. Paul hatte schöne Augen, die aber ganz schnell ihren magischen Glanz verloren hatten, als sie und Paul ungefähr einen Monat verheiratet waren.

„Die haben mich einfach rausgeworfen, Pat…!“

Dieser Satz leitete das Elend ein, das mittlerweile seit zehn Jahren anhielt und das von Tag zu Tag unerträglicher für Patty wurde, zumal sie inzwischen erfahren hatte, dass es gute Gründe gab, die zu Pauls Rauschmiss führten.

„Ich weiß wirklich nicht, wieso…!“

Klar wusste Paul, wieso man ihn vor die Tür gesetzt hatte. Er musste sogar froh sein, dass die Geschäftsführung Aufsehen vermeiden wollte und deshalb die Polizei nicht einschaltete. Als Patty seinerzeit die Kündigungsvereinbarung in Pauls Manteltasche fand, hätte ihr klar sein müssen, was für einen verlogenen, verweichlichten und kümmerlichen Schwachkopf sie sich geangelt hatte. „Ist ein Fisch zu klein, wirft man ihn wieder ins Wasser!“ dachte sie sich. „Aber was macht man, wenn der Fisch einfach  zu blöd ist? Und woran erkennt man das, bevor man ihn  aus dem Wasser zieht“

Gestern Abend war dann ihr Geduldsfaden endgültig gerissen, nachdem ihr Paul kleinlaut gebeichtet hatte, das Haushaltsgeld für die nächsten zwei Wochen verspielt zu haben.

„Wie konnte ich Dich bloß heiraten, Paul Lester! Du bist es gar nicht wert, eine Frau wie mich zu haben. Nächste Woche gehe ich zum Scheidungsanwalt, was ich schon vor neun Jahren und zehn Monaten hätte tun sollen!“

Statt wie ein Derwisch zu toben, statt Patty anzubrüllen und ihr irgendwelchen Scheiß vor die Füße zu werfen, packte Paul sein Bettzeug aus dem Schlafzimmer, schlich damit zur Couch im Wohnzimmer und schlief ein paar Minuten später leise vor sich hin schluchzend, ein.

Das gleiche Gejammer wie an dem Tag, als man sich seiner bei Jefferson entledigte. Patty wurde wieder einmal bewusst, dass sie nicht das geringste Mitleid mit dem Schwachkopf hatte. Mit einem, der seinen Kollegen anbietet, ihm einem zu blasen, hatte eine Frau kein Mitleid. So einen Mistkerl schießt man einfach in den Wind, nachdem alle finanziellen Fragen geklärt sind.

Aber genau das war das Problem…

Vier Stunden später wachte Paul Lester auf.

Er musste jetzt unter Leute. Er musste jetzt einfach einen klaren Kopf bekommen, denn wenn Patty wirklich Ernst machte und sie die Scheidung einreichte, würden ein paar überaus unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht kommen, die Paul lieber im Dunkeln ließ.

‚Porkey’s‘ war jetzt genau das richtige. Andy würde ihm garantiert noch ein bisschen Kredit einräumen, wenn er ihm hoch und heilig versprach, den Betrag mit den restlichen Schulden zusammen bis Ende des Monats zurück zu zahlen. Und da heute Montag war, trafen sich wieder die Jungs aus Oldtown zum allwöchentlichen Pokern. Genau die richtige Ablenkung.

„Willst Du weg?“ hörte Paul seine Frau aus dem Schlafzimmer rufen. Er wunderte sich, dass sie noch nicht schlief und ärgerte sich zugleich, dass sie nun ahnen würde, was er vorhatte.

„Nur mal um den Block gehen, Patty. Mir spukt im Moment so wahnsinnig viel durch den Kopf. Bin in einer halben Stunde wieder da, okay?“

„Mir doch egal. Aber ich schwöre Dir bei Gott, dass ich Dir ein Messer in den Rücken ramme, wenn Du wieder unser letztes Geld verspielst!“

„Keine Sorge…!“ antwortete Paul, in dem eine kleine Hoffnung aufkeimte, dass Patty ihn doch nicht verlassen würde. „Ich liebe Dich, Patty!“

Das war gelogen und Patty wusste das. Aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte Paul diesen Satz ausgesprochen. Vielleicht ein kleines bisschen schlechtes Gewissen? Unsinn! Es war nur eine leere Floskel, die rein gar nichts zu bedeuten hatte.

Kapitel 7

„Nicht einen einzigen Cent, Paul! Bevor Du nicht Deine Schulden bezahlt hast, gibt’s noch nicht mal `n Glas Wasser von mir, klar?“

„Aber ich verspreche…“

„Scheiß drauf! Erst zahlen, dann zocken!“

„Kann ich irgendwie behilflich sein, Gentlemen?“

Den Mann, der dem Wirt und Paul diese Frage stellte, passte nicht in das Lokal. Abgesehen davon, dass er zu gut und zu teuer gekleidet war, roch er auch nicht wie alle anderen Gäste hier nach Schweiß, sondern nach einem Parfüm, das nicht mit den billigen Wässerchen von Paul und Konsorten zu vergleichen war.

„Bitte verzeihen Sie meine Frage…“ sagte der Mann nun direkt zu Paul. „Ich hatte heute einen überaus erfolgreichen Tag und irgendwie möchte ich Sie daran teilhaben lassen. Also? Wie viel Geld benötigen Sie, junger Freund?“

Paul sah den Mann abschätzend an. Er schätze ihn auf ungefähr fünfzig Jahre, vielleicht etwas älter. Sehr gut gekleidet, gut riechend und auch seine Stimme klang überaus vertrauenserweckend. Ob es tatsächlich sein konnte, dass es sich um einen Geschäftsmann handelte, der heute einen richtig dicken Deal abgeschlossen hatte? Und wenn’s so war, wieso sollte Paul nicht ein klein wenig vom Glück abbekommen?

„Ich kann aber doch nicht…“

„Doch, Sie können, mein Bester! Einfach frei raus damit. Wie viel brauchen Sie, hm?“

„Nun ja, ich habe normalerweise immer etwas Geld bei mir, aber ausgerechnet heute hat meine Frau…“

„Wie viel also?“

Pauls Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Er wollte keine zu hohe Summe nennen, aber andererseits wollte er auch die Gunst der Stunde nicht ungenutzt lassen.

„Könnten Sie mir denn vielleicht fünfhundert Pfund…?“

„Sagen wir eintausend Pfund Sterling? Und im Gegenzug tun Sie mir einen winzig kleinen Gefallen, mein Bester?“

Paul Lester hätte stutzig werden müssen. Ein Mann wie dieser Gentleman verirrte sich nicht in eine Kaschemme wie ‚Porkey’s‘. Leute wie dieser Striegel verkehrten in den teuersten Pups der Stadt, zahlten immer nur mit ihrem guten Namen und ließen sich nicht auf Gespräche mit abgewrackten Pennern ein, die sich nicht für die Schweißränder unter ihren Achseln schämten.

Aber Paul sah nur das Geld. Eintausend Pfund, das war genau die Summe, die er jetzt brauchte, um mit ein bisschen Glück das Zehnfache daraus zu machen…

„Einen Gefallen, Sir? Sie möchten doch wohl nicht, dass ich jemanden für Sie…“

„Umbringe? Aber nein, guter Mann!“

„Nicht? Aber was wollen Sie dann von mir?“

„Nun, das ist, sagen wir mal, eine etwas anrüchige Bitte. Aber ich dachte mir sofort, als ich Sie sah, dass Sie der Richtige wären.“

„Der Richtige? Und wofür der Richtige?“

„Wissen Sie, ich habe Geld, mache gerne gute Geschäfte und bin zurzeit etwas einsam, wenn Sie verstehen, was ich meine!“

„Sie suchen eine Frau? Ich soll Ihnen eine Frau besorgen? Ist’s das, was Sie von mir wollen?“

„Nein, das ist es nicht, Lester!“

„Sie wissen, wie ich heiße, Sir?“

„Man sagte mir, dass ich hier einen Mann finde, der so aussieht, wie Sie, der immer etwas Geld gebrauchen kann und der Erfahrung mit Männern wie mir hat. Sie verstehen jetzt? Und das ist mir eben diese eintausend Pfund wert.“

Lester wurde bewusst, dass es keinen Mann gab, der ihm so viel Geld schenkte, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Nie im Leben hätte Lester daran gedacht, dass dieser Lackaffe auf Männer stand. Niemals! Aber andererseits hatte der Kerl nicht ganz Unrecht, denn das Leben, das er mit Patty führte, diente schließlich nur dazu, unerkannt das tun zu können, was ihm wirklich Spaß machte!

„Ich verstehe!“ sagte Paul Lester mit einem Grinsen im Gesicht. „Eintausend Pfund. Die Hälfte davon gleich und den Rest, nachdem wir uns voneinander verabschieden! Ist das okay für Sie, Sir?“

„Optimal, Lester, oder darf ich jetzt ‚Paul‘ sagen?“

„Ist mir wurscht, Sir. Und? Wohin gehen wir? Zu Ihnen? Ich kenne allerdings auch einen Ort, wo uns niemand stört und wo wir’s uns bequem machen könnten, Mister…“

„Nennen Sie mich einfach ‚Arthur‘, Paul.“

Kapitel 8

„Na und? Er hatte also meine Telefonnummer in der Tasche. Daraus schlussfolgern Sie nun, dass ich sein Mörder bin, Lengly? Habe ich mich geirrt, oder sind die Methoden des Yard qualitativ nicht mehr auf dem Stand von 2006? Wird heute ein Ex-Inspektor als Mörder verdächtigt, weil man seine Telefonnummer beim Ermordeten findet? Lengly? Was soll dieser Unsinn?“

Lengly antwortete nicht gleich. Stattdessen wanderte er ein wenig im Garten umher, schnupperte hier und da an einer Blume, strich mit den Fingern über eine Blüte…

„Bitte lassen Sie das, Chefinspektor! Halten Sie’s mit meinen Pflanzen wie mit jungen Frauen, Lengly, denn Sie sind ja ein glücklicher Ehemann: ansehen ja, aber anfassen nein! Sind alles sehr empfindliche Blumen, die ich hier im Garten züchte und Pflanzen sind ja bekanntlich sensibel!“

„Niemand verdächtigt Sie, Fendish! Aber niemand kennt die Vorgehensweise in solchen Fällen besser als Sie, Inspektor. Es gibt gewisse Regeln, an die wir uns halten müssen. Ich muss Ihnen doch nicht sagen, dass Routine unumgänglich ist, oder?“

„Natürlich nicht, Chefinspektor. Und wissen Sie was? Ich denke, dass es eine hervorragende Möglichkeit gibt, Ihre und meine Erfahrung zu kombinieren, um den Mistkerl noch schneller hinter Gitter zu bringen!“

„So?“

„Binden Sie mich in die Ermittlungen ein, Lengly. Ich habe ein berechtigtes Interesse daran, den Täter zu stellen und könnte Ihnen vielleicht von Nutzen sein!“

Chefinspektor Lengly schluckte.

Er konnte doch unmöglich Fendish noch mehr Informationen zukommen lassen, als er es ohnehin schon getan hatte. Dass er überhaupt hier mit Fendish plauderte, war schon hart an der Grenze des Erlaubten und wenn einige Leute beim Yard erfuhren, wie weit Lengly sich für Fendish aus dem Fenster hängte, hatte er ein echtes Problem.

„Ich werde darüber nachdenken, Inspektor. Und wissen Sie was? Vielleicht erzähle ich meiner Frau, wie traumhaft schön Ihr Garten ist. Linda wird garantiert stinksauer sein, wenn sie erfährt, dass ein Mann mehr von Pflanzen versteht, als sie…!“

Lengly reichte Fendish die Hand. Wenn er ganz ehrlich war, konnte er das Gespräch mit Fendish nicht einordnen. Natürlich verdrängte er jeden geringsten Zweifel an seiner Unschuld, aber irgendetwas war da, das ein flaues Gefühl im Magen hinterließ.

„Ich melde mich umgehend bei Ihnen, wenn ich einen Weg gefunden habe, Sie in die Ermittlungen einzubeziehen, okay? Versprechen kann ich nichts, aber Sie haben mein Wort, dass ich immer offen und geradeheraus zu Ihnen sein werde, Inspektor. Und nochmals vielen Dank für den Tee…!“

Sie schüttelten sich die Hände, Lengly ignorierte dabei den prüfenden, fast stechenden Blick des Inspektors und Fendish nickte seinem gegenüber freundlich zu.

„Sie werden den Kerl erwischen, Lengly! Ich bin mir ganz sich. Machen Sie’s gut, Sir!“

Kapitel 9

Noch vor einer Stunde hätte Jake gewettet, dass er mit seinem Verdacht richtig lag. Verdacht? Unsinn! Das, was Jake Underbuck zwanzig Jahre angetrieben hatte, was ihm half, diese endlos lange Zeit durchzustehen, war viel mehr als nur ein Verdacht. Er hätte sein linkes, ja sogar sein rechtes und, verdammt noch mal, beide Beine darauf verwettet, dass dieses Arschloch von Fendish ihm alle Morde angehängt hatte.

Was Underbuck nun beobachtete, war allerdings schwer für ihn zu verstehen, denn der Kerl, den er seit fast einer Stunde verfolgte und der noch vor ein paar Sekunden Arthus Fendish zu sein schien, sah ihm zwar verdammt ähnlich,

doch war es nicht der Inspektor…

Der Mann, den Jake verfolgt hatte, der Mann, der nun mit diesem etwas heruntergekommenen Typen in einer nicht weniger heruntergekommenen Kneipe angeregt plauderte, sah aus wie der eineiige Zwilling des Inspektors! Und, was Jake Underbuck noch mehr irritierte, dieser zweite Fendish bewegte sich genauso wie das Original, seine Gestik und Mimik war der des Inspektor zum Verwechseln ähnlich und, da war sich Jake absolut sicher, auch die Kleidung, die dieser Mann trug, musste als zweite Garnitur im Kleiderschrank des Inspektors hängen.

Aber wer, um Himmels Willen, war dieser Mann, wenn es nicht Arthur Fendish war?

Kapitel 10

Paul Lester verschwendete keinen Gedanken mehr daran, dass Patty ihn verlassen würde. „Du kannst mir nicht drohen, dumme Kuh!“ dachte er sich, während er die eintausend Pfund des Mannes in die Tasche stopfte.

Patty hatte vielleicht herausbekommen, welche Vorlieben ihrem Mann besonderes Vergnügen bereiteten, aber Patty war auch scharf auf den Inhalt des Schließfachs, von dem ihr Paul vor zwei Jahren erzählt hatte. Nun, auf diese Art und Weise gab es ein gewisses ‚Stillhalteabkommen‘ zwischen ihr und Paul, das besagte, wenn Paul die Finger von kleinen Jungs ließ, würde er im Gegenzug Patty die zwanzigtausend Pfund schenken, die im Schließfach aufbewahrt waren.

Dass Patty so blauäugig war und tatsächlich dachte, ein Kerl wie Paul hätte so viel Kohle angehäuft, ohne sie gleich wieder jugendlichen Strichern zu überlassen oder sie am Spieltisch zu verzocken, verdrängte Patty wohl, um nicht auch die letzte Hoffnung zu verlieren.

„Ein Hotel?“ fragte der Mann, der sich ‚Arthur‘ nannte. „Hoffentlich eine Absteige, in der man ohne viele Fragen ein Zimmer bekommt?“

Paul grinste breit. „Ich dachte, man hätte mich empfohlen? Wissen Sie, ich stehe eigentlich auf jüngere, sehr viel jüngere Typen, aber Sie sehen wie ein echter Gentleman aus und deshalb werden wir uns ein paar nette Momente bereiten, oder?“

„Gut, aber ich will auf keinen Fall, dass Sie meinen Namen irgendwo erwähnen. Ein Mann in meiner Position…“ Der gutgekleidete Herr sah Paul fragend an.

„Ich kenne Ihren Namen nicht! Und dass Du ‚Arthur‘ heißt, nehme ich Dir sowieso nicht ab. Ist aber egal, okay?“

Paul Lester war zum ‚Du‘ übergegangen und dem Striegel war sehr wohl klar, dass Paul nichts anderes zu tun haben würde, als dem Kerl in der Absteige den Namen ‚Arthur‘ brühwarm mitzuteilen. Ein Stundenhotel, in dem ein Kerl wie Paul offenbar auch für perverse Spielchen mit Jungen ein Zimmer fand, musste auch einen Portier beschäftigen, der nicht nur neugierig war, sondern auch alles über Pauls Umgang wissen wollte.

Nachdem der Mann im teuren Anzug zustimmend genickt hatte, machten sich die beiden überaus unterschiedlichen Männer auf den Weg ins sehr nahe gelegene ‚Hotel Black‘, das diese Namen wahrscheinlich auch trug, weil dort ausschließlich schwarze Seelen verkehrten, aber insbesondere deshalb, weil einem gewissen Angus Black dieser baufällige Schuppen gehörte.

Wie sich’s der Striegel dachte, gab es einen schmierigen Portier, der garantiert beim Leben seiner Kinder schwören würde, niemals einen Paul und einen Arthur gesehen zu haben, es sei denn, man schob ein paar Pfund-Boten über den klebrigen Tresen. Der Portier, ein mickriges Männchen in den Vierzigern, kahlköpfig und  mit lächerlich wirkenden Koteletten, die buschig bis zum Kinn ragten, sagte, so dass der Striegel es deutlich hören konnte:

„So, so, Sie sind also Mr. Smith und Mr. Miller auf Geschäftsreise, ja? Wollen sich mal ein bisschen ausruhen, ja? Hier im wunderschönen ‚Black‘? Und Sie möchten also für die nächsten zwei Stunden ungestört bleiben, ja? Ist okay, Mr. Smith. Zimmer sieben bitte. Und angenehme Ruhe wünsche ich!“

Idiot! Für wen spielte er diesen Mummenschanz? Wen wollte er beindrucken? Hatte er zu viele schlechte Serien im Fernsehen gesehen und meinte nun, sich ‚besonders unauffällig‘ benehmen zu müssen?

Zimmer sieben war dieses typische Durchgangszimmer für stundenweise Vergnügungen, für Männer, die mit gesenktem Kopf, hochgeschlagenen Mantelkragen und knallroten Ohren hinter ihren minderjährigen Begleiterinnen oder Begleitern hinterher schlichen. In Zimmer sieben stank es nach Erbrochenem, Unmoral und Moder; die Vorhänge, oder wie auch immer man diese ausgebleichten Fetzen nennen wollte, verdunkelten das Zimmer, als würden sie alle Ereignisse aus Zimmer sieben einsperren, damit das Licht des Tages nicht vor Scham erlischt.

Paul Lester setzte sich auf das Bett, die uralten Federn der Matratze gaben leidende Geräusche von sich und kleine Staubwolken arbeiteten sich langsam zur rußigen Decke hoch.

„Willst Du nicht zu mir kommen, Arthur? Oder möchtest Du Dich erst einmal ausziehen? Bestimmt willst Du mir jetzt Deinen Schwanz zeigen, oder? Ist er schon steif…?“

Der Striegel, der bis zu diesem Zeitpunkt Paul den Rücken zugedreht hatte, drehte sich langsam um.

„Und wie gefällt Dir dieser Schwanz, Paul…?“

Lester hatte keine Zeit zu reagieren. Der Totschläger sauste mit aller Kraft an Lesters Schläfe, Blut spritzte über die Matratze, die Wand und über eine alte Stehlampe, in der sich keine Glühbirne befand. Der Striegel schlug nochmals und nochmals auf den zuckenden Körper Lesters ein, bis sich der Kopf des Opfers in eine blutige Masse verwandelt hatte.

Kapitel 11

Arthur Fendish dachte intensiv nach.

Lengly verdächtigte ihn nicht, zumindest noch nicht, aber der Instinkt des alten Fuchses Fendish erkannte eindeutig Reaktionen beim Chefinspektor, die einen winzigen, unbegründeten und kaum greifbaren Zweifel offenbarten.

Dieser Jake Underbuck hatte zwanzig Jahre für drei Morde gesessen, die man ihm nachgewiesen hatte. Bei weiteren drei Morden war sich der Yard sicher, dass ebenfalls Underbuck der Täter war, aber man konnte ihm diese drei Morde nicht nachweisen. Fendish hatte sich damals akribisch in den Fall ‚Underbuck‘ rein gekniet, hatte manche Nach in seinem Büro verbracht und ist jedem noch so kleinen Indiz nachgegangen, bis er schließlich genug Beweise zusammen hatte, die Underbuck überführten.

Dass er überhaupt Jake Underbuck verdächtigte, lag an einem anonymen Hinweis, den Fendish telefonisch erhielt, als er wieder einmal den Großteil des Abends, vor Aktenbergen sitzend, in seinem Büro zubrachte.

Bei Prozess hieß es, ein Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, hätte Fendish angerufen, hätte ihm den damaligen Aufenthalt Underbucks genannt und außerdem behauptet, dass man in Underbucks Wohnung Hinweise auf drei der Opfer finden würde.

Sofort ließ Fendish ein Einsatzkommando ausrücken, um die Wohnung Underbucks durchsuchen zu lassen und den Verdächtigen vorläufig festzunehmen. Der Staatsanwalt, ein gewisser Sir Jonathan Pittbill, der in Justizkreisen wegen seines Namens, aber besonders wegen seiner knallharten Vernehmungen ‚Pitt-Bull‘ genannt wurde, ließ der Verteidigerin vor Gericht nicht die geringste Chance. Abgesehen davon, dass der anonyme Informant recht hatte und die Polizei tatsächlich hieb- und stichfeste Beweise in der Wohnung Underbucks fand, die ihn als Mörder von Carl Grant, Lyndon Greenberg und Alisha Monahan überführten, war es das Schlussplädoyer des Staatsanwalts, das auch Underbuck selbst überzeugt hätte, wenn er denn unschuldig gewesen wäre.

‚Pitt-Bull‘ machte keine Gefangenen, der Staatsanwalt hatte noch nie einen Fall verloren und sein Ruf als ‚härtester Ankläger der Krone‘ wurde auch im Prozess gegen Jake Underbuck bestätigt.

Einzig der Umstand, dass man Underbuck die Möglichkeit einräumte, nach zwanzig Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen zu werden, war ein kleiner Makel in der Erfolgsstatistik des Sir Jonathan Pittbill.

Siebenundachtzig Prozent aller ‚Lebenslänglichen‘ sitzen im Vereinigten Königreich nicht einmal zehn Jahre ihrer Strafe ab. Anders als beispielsweise in Deutschland, wo Lebenslänglich Haft im Schnitt achtzehn Jahre Haft bedeutet, kommen somit britische Mörder viel schneller in den Genuss, ihre Straftaten zu wiederholen…

Arthur Fendish war sich sehr wohl bewusst, dass Underbuck den Umstand, nicht längst entlassen worden zu sein, dem ‚Pitt-Bull‘ und natürlich der Anzahl der nachgewiesenen Morde zu verdanken hatte. Wer weiß, ob man Underbuck jemals wieder in die Freiheit entlassen hätte, wenn es Fendish geglückt wäre, diesem eiskalten Serienkiller auch die anderen Morde nachzuweisen. 

Nun aber war eine Situation eingetreten, die Arthur Fendish in eine überaus schwierige Lage brachte, zumal er befürchtete, dass Underbuck ihm weitere ‚Beweise‘ zur Last legen würde, die ihn, den ehemaligen Inspektor des Yard, als einen der schlimmsten Serienmörder Großbritanniens erscheinen ließen.  

In seinem Garten sitzend, war Fendish ein wenig eingenickt. Der Inspektor außer Dienst liebte seinen Garten gerade in dieser Jahreszeit, wenn Astern und Dahlien farbenfroh dem bald schon nahenden Frost entgegen leuchteten. Eine dicke Wolldecke auf dem Schoß hielt die langsam einsetzende Kälte noch gut ab und das Glas Port, das Fendish vor einer viertel Stunde geleert hatte, wärmten ihn noch gut. Auf einem kleinen Beistelltisch, der immer neben Fendishs Gartenstuhl stand, lag ein mobiles Telefon, dessen unangenehm lautes Klingeln Arthur Fendish abrupt aus dem Dämmerschlaf riss.

Etwas benommen griff Fendish nach dem Telefon. Er war es nicht gewohnt, um diese Zeit Anrufe zu erhalten und brauchte einen kurzen Moment, bis er sich meldete.

„Hier Fendish“

„Hallo, Inspektor. Hier ist ein alter Bekannter von Ihnen. Ich denke, wir sollten unbedingt miteinander reden…!“

Obwohl sich der Anrufer nicht mit Namen genannt hatte, wusste der Inspektor sofort, mit wem er es zu tun hatte. Die wohlige Wärme der Wolldecke war innerhalb weniger Sekunden einer eisigen Kälte gewichen, die dem Inspektor Gänsehaut produzierte.  Fendish spürte, wie sich alle Muskeln seines Körpers verkrampften, Übelkeit stieg in ihm hoch und gleichzeitig unendlicher Zorn.

„Sie, Underbuck? Was in Gottes Namen wollen Sie von mir?“

Vielleicht vom Klingelton, vielleicht aber auch von der überaus grimmigen Reaktion ihres Herrchens erschrocken, fauchte Abigail böse, sträubte ihr dichtes braunes Fell und machte einen riesigen Satz, um auf der Decke des Inspektors zu landen. Fendish jedoch stieß sie wieder herunter, woraufhin Abigail sich verstört unter Fendishs Stuhl verkroch.

„Wir müssen reden. Dringend! Ich denke, Sie wissen, wieso, oder?“ Underbucks Stimme, die Fendish schon fast vergessen hatte, brannte sich wieder fest in seinem Bewusstsein ein. Sie war kein bisschen zittrig, klang nicht ängstlich und passte eher zu jemandem, der ganz genau wusste, was er wollte. Und gerade dieses Gefühl der Überlegenheit und Stärke, das Underbuck vermitteln konnte, machte ihn besonders gefährlich, dachte der alte Inspektor.

„Stellen Sie sich meinen Kollegen, denn schon bald wird man Sie erwischen, Jake. Es gibt nichts, das wir zu besprechen hätten. Ich werde jetzt auflegen…!“

Es war dieser kleine Moment, dieser Augenblick des Zögerns, der Underbuck ganz genau wissen ließ, dass Fendish viel zu neugierig war, um aufzulegen.

Nach etwa dreißig Sekunden, in denen keiner der Männer etwas sagte, war es schließlich Fendish, der die Stille unterbrach:

„Was wollen Sie, Underbuck?“

„Ich denke, jemand hat vor, Sie fertigzumachen, Inspektor. Noch vor kurzem hatte ich nichts dagegen gehabt, dieser Jemand zu sein, aber ich hab’s mir anders überlegt. Wir sollten reden, Fendish!“

Fendish war nun wieder hellwach. Er klopfte auf die Schenkel und tatsächlich sprang sofort Abigail auf seinen Schoß, um sich vom Herrchen streicheln zu lassen.

„Sie sind ein Mörder, Underbuck. Sie haben gemordet und Sie morden immer noch. Schon der Umstand, dass ich jetzt mit Ihnen telefoniere, könnte mir Schwierigkeiten machen!“

„So?“ fragte Underbuck. „Und sind es keine Schwierigkeiten, dass Ihnen jemand ‚meine’ angeblichen Morde in die Schuhe schieben will?“

Wieder bekam Abigail einen zarten Klaps und verschwand unter dem Stuhl.

„Und dieser Jemand sind Sie, Jake. Wir beide wissen, dass Sie ein Spielchen spielen wollen, das werden Sie wohl kaum leugnen, oder?“

Underbuck schien am anderen Ende der Leitung zu lächeln, jedenfalls sagte er amüsiert:

„Zugegeben, Inspektor, ich hatte tatsächlich vor, Ihren Job zu machen, um Sie zu überführen. Ich war hundertprozentig sicher, dass Sie der Mörder sind und mich nur eingesperrt haben, weil Sie so ein Bauernopfer präsentieren konnten. Sie, der große Inspektor Fendish fängt den brutalen Killer Underbuck fast im Alleingang. Wow! Sie waren ein Held, Arthur. Keine Sau wäre auf die Idee gekommen, dass es der legendäre Inspektor Fendish ist, der unheimlich viel Spaß am Abschlachten unschuldiger Menschen hat. Keine Sau, Sir, außer… mir!“

Fendish klopfte wieder auf die Schenkel, aber Abigail schien keine Lust zu haben, in Kürze erneut verscheucht zu werden.

„Sagen Sie, was Sie wollen, oder schießen Sie sich jetzt eine Kugel in den Kopf, Jake. Sie würden dem Yard damit eine Menge Arbeit ersparen!“

„Okay, Inspektor, ich werde mich kurz fassen. Bis vor etwa einer Stunde war ich sicher, dass Sie der Killer sind. Mittlerweile ist allerdings etwas geschehen, das meine Meinung geändert hat.“

Jetzt war es Fendish, der spöttisch reagierte.

„Sie scherzen doch, oder? Sie, der Killer, will mir, dem Mann, der Sie verhaftet hat und der Sie für zwanzig viel zu kurze Jahre hinter Gitter gebracht hat, sagen, dass er mich für unschuldig hält? Ist das nicht alles irgendwie abstrus, Underbuck? Verdreht Welt? Ich denke, dass wir jetzt Schluss machen, Jake. Hoffentlich geht’s Ihnen schlecht…!“

Aber Underbuck dachte gar nicht daran, das Gespräch zu beenden.

„Man hat Ihre Telefonnummer in der Tasche des letzten Opfers gefunden, nicht wahr?“

„Weil Sie sie da hineingelegt hatten!“

„Irrtum! Weil jemand, der Ihr Zwillingsbruder sein könnte, den Zettel in die Jacke gesteckt hat, nachdem er Paul Lester den Schädel mit einem Totschläger eingeschlagen hatte.“

Arthur Fendish schwieg.

Die Presse wusste noch nichts von dem Mord an Paul Lester. Dass Fendish über die Umstände des Mordes bis ins kleinste Detail informiert war, lag an den überaus guten Kontakten zum Yard, die Fendish noch immer hegte und Pflegte.

„Dieser Lester war schwul, eine verkommene dreckige Kanaille, die’s auch mit Kindern trieb. Ist nicht schade um den Kerl, Inspektor. Aber ich weiß genau, dass es weitere Hinweise darauf gibt, dass Sie sein Mörder sind! Und? Soll ich auflegen?“

Noch immer keine Reaktion von Fendish.

„So schweigsam, Sir? Wissen Sie, ich müsste Sie hassen wie die Pest! Sie haben mein Leben ruiniert, haben mich um zwanzig Jahre meines Lebens gebracht – und in all den verdammten Jahren im Knast habe ich immer und immer wieder davon geträumt, Ihnen die Kehle durchzuschneiden. Davor aber wollte ich Sie quälen, wie Sie mich gequält haben, denn ich war felsenfest davon überzeugt, dass Sie selbst der Killer sind! Und wissen Sie, wieso ich davon überzeugt war, hm? Nein, Sie wissen es nicht?“

„Sagen Sie’s schon, Jake!“

„Weil ich Sie bei zwei Morden beobachtet habe, Sir! Zuerst haben Sie Alisha Monahan erdrosselt, nachdem Sie ihr den kleinen Finger mit einer Gartenschere abgeschnitten haben. Dieses nette Souvenir fanden Ihre eifrigen Kollegen dann in meiner Wohnung, wie Sie ja wissen. Aber ich habe noch einen Mord beobachtet, Fendish. Zwanzig Jahre später. Und wieder waren Sie der Täter und ich werde stattdessen verdächtigt. Oder werden wir beide verdächtigt? Oder bald nur noch Sie? Und wer war’s nun? Sie? Ich? Ich? Sie? Na? Sagen Sie’s mir, Inspektor Arthur Fendish?“

„Sie waren es. So einfach ist das.“

„Ist es nicht, Inspektor. Ich war es nicht. Sie waren es auch nicht, wenngleich es mir sehr schwerfällt, das zuzugeben.“

Fendish sprach mit einem verurteilten Mörder. Er sprach mit einem Mann, der weiterer Morde verdächtigt wurde und allem Anschein nach auch weiterhin morden würde, wenn man ihn nicht bald wieder festnehmen konnte. Eine verrückte Situation, die dennoch irgendwie Fendish weniger unangenehm war, als er es sich selbst eingestehen wollte.

„Nun, Underbuck, dann sagen Sie mir doch, wer es war! Haben Sie so etwas wie einen Beweis oder ist alles, was Sie mir hier erzählen, das Geschwätz eines gehetzten Mörders, der von sich ablenken will?“

Jetzt war es an Underbuck, eine kleine Pause einzulegen, bis er plötzlich sagte:

„Ich habe den Mörder bei seinem letzten Mord gefilmt, Fendish. Und wenn Sie mein kleines Kunstwerk sehen, werden Sie verstehen, dass man Sie, Inspektor Fendish, für den Mörder von Paul Lester halten wird. Jedes Gericht dieser Welt wird Sie danach verurteilen, zumal es weitere Indizien gibt, die eindeutig Sie als Täter überführen, Sir!“

„Sie haben wohl keine Lust, mich zu Hause zu besuchen, wie?“

„Humor hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut, bester Inspektor. Und nein, ich werde Sie bestimmt nicht zu Hause besuchen. Mir schwebt da ein anderer Treffpunkt vor, falls Sie daran dachten, ein paar Kollegen zu unserem Date mitzubringen…!“

Kapitel 12

Zilla Buka Tahan brauchte mindestens noch eine Viertelstunde, um ihren Bruder von der Moschee abzuholen. Sie hatte ihm versprochen, mit ihm gemeinsam über den Basar in Southall zu bummeln und erhoffte sich dabei insgeheim ein hübsches Halstuch. Mahir, ihr 23jähriger Bruder, war ihr diesen Gefallen schuldig, nachdem sie für ihn gelogen hatte, als ihr Vater eine Erklärung von Mahir verlangte, der wieder einmal zu spät zum Abendessen erschien.

„Mahir hat für mich ein Buch in die Bücherei gebracht, Vater…!“ hatte sie gesagt, um den Zorn ihres Vaters gegen den unzuverlässigen Sohn zu beschwichtigen. „Es ist meine Schuld, Vater! Mahir wäre sonst bestimmt pünktlich dagewesen…!“

Im Londoner Stadtteil Southall beträgt der Anteil ethnischer Minderheiten über 90 Prozent, von denen wiederum 75 Prozent Pakistani, vorwiegend aus dem Punjab stellen. Auch die Familie Zillas lebte bereits in der dritten Generation in Großbritannien und Zillas Vater Rhami hatte die gut Schneiderei seines Vaters übernommen und zu einem kleinen, aber sehr erfolgreichen Betrieb geführt.

Zilla musste nur noch knapp einhundert Meter durch einen kleinen Park laufen, um die Moschee zu erreichen.

Bei nicht einmal einem Meter sechzig wog Zilla gerade mal sechsundvierzig Kilo. Mit ihren fünfzehn Jahren durfte sie, was für ein Mädchen ihrer Religion ansonsten streng verboten war,  regelmäßig ein Fitnessstudio besuchen und Zilla dankte ihrem Vater für diese Freiheit, indem sie neben ihrer Schule, so viel es ging im Geschäft mitarbeitete.

Dass sie sehr sportlich war, half ihr dabei, die Wegstrecke vom Geschäft zur Moschee in nicht einmal einer halben Stunde zu laufen. Und jetzt, wo sie fast am Ziel war, freute sie sich, ein bisschen Zeit mit ihrem älteren Bruder verbringen zu dürfen.

Fast hatte sie das Ende des Parks erreicht. Sie sah bereits die Minarette über den Baumwipfeln in den Himmel steigen und hätte beinahe den Mann, der plötzlich vor ihr stand, über den Haufen gerannt.

„Nicht so eilig, junge Dame…!“ hörte sie die Stimme eines älteren, gut gekleideten Mannes.

Völlig außer Atem und daran denkend, dass ihr nur noch wenig Zeit blieb, die Moschee zu erreichen, stoppte Zilla ihren Lauf, setzte bereits zu einer Entschuldigung an und starb in dem Augenblick, als nur ein paar Meter entfernt, ihr Bruder Mahir mit Freunden scherzend, die Moschee verließ.

Der ältere Mann hatte Zilla lange genug beobachtet, um ganz sicher zu gehen, dass da niemand in der Nähe war, der das, was gleich geschehen sollte, beobachten konnte. Wichtig war ihm, dass niemand ‚in der Nähe war‘, der die Szene beobachtete. Dass man ihn, den älteren und gut gekleideten Herren aus der Distanz sehen konnte, war ihm sogar wichtig, solange sein zuvor festgelegter Fluchtweg ihn gefahrlos in Sicherheit brachte.

Das junge Mädchen mit den rabenschwarzen langen Haaren, die es fast immer zum Zopf zusammen gebunden hatte und den fröhlich braunen Augen, hatte nicht die geringste Chance, zu reagieren. Alles ging viel zu schnell. In dem Bruchteil einer Sekunde, in dem Zilla die Gefahr wahrnahm, wurde ihr hübsches Gesicht von dem schweren Gegenstand zerschmettert, den der Mann fest umklammert hielt. Als Zilla bereits am Boden lag und sich eine riesige Blutlache um ihren Kopf bildete, traf sie der Totschläger zum zweiten Mal und brach dem schon toten Mädchen den Schädel.

Etwa zweihundert Meter entfernt beobachteten Conrad Abel und seine Frau Rachel die grausige Szenerie. Beide schrien und riefen laut um Hilfe, während der Mörder Zillas noch ausreichend Zeit fand, etwas in die Jeanstasche des Mädchens zu stopfen. Dass er dem Mädchen ein Ohr abgetrennt hatte und das blutige Ohr in einer kleinen Plastiktüte verstaute, sahen Conrad Abel und seine Frau allerdings nicht. Anschließend verschwand er hinter einer dichten Baumgruppe aus dem Sichtbereich des Mannes und der Frau und war längst verschwunden, als die Polizei eintraf.

Kapitel 13

„Einen passenderen Ort hätten Sie wohl kaum auswählen können, Underbuck…!“ sagte Arthur Fendish zu dem Mann, der dem Inspektor außer Diensten von hinten auf die Schulter klopfte.

„Sie können mich noch immer riechen, Fendish?“ erwiderte Underbuck, während er sich vor den wie immer gut gekleideten Fendish stellte und gleichzeitig auf eine freie Sitzbank zeigte.

„Von hier haben Sie einen optimalen Überblick über das Geschehen, haben den einzigen Zugang zum Friedhof im Auge und haben, da bin ich mir ganz sicher, einen Fluchtweg geplant, der garantiert nicht von der Polizei beobachtet wird, nicht wahr?“ stellte Fendish fest.

Tatsächlich war die Wahl Underbucks eine gute Wahl, wenn man ganz sicher sein wollte, in kürzester Zeit ins Getümmel der Stadt gelangen zu können, ohne gleichzeitig viele neugierige Blicke auf sich ziehen zu wollen. Dass der Friedhof nur einen einzigen offiziellen Zugang besaß, der vom Platz der beiden Männer optimal einzusehen war, kam Underbuck und vielleicht auch Fendish sehr gelegen.

„Man sagt, dass Charles Dickens hier auch schon gesessen hat. In der St. Johns Kirche soll er gebetet haben. Aber, Inspektor, das wird Sie kaum interessieren. Ich darf doch ‚Inspektor‘ sagen oder ist Ihnen ‚Inspektor außer Diensten‘ lieber? Dachte nur, dass sich das ‚außer Diensten‘ so verdammt nach ‚ausrangiert‘ anhört…!“

Arthur Fendish ging nicht auf Underbucks Frage ein. Stattdessen sagte er:

„Wie lange haben Sie den Friedhof beobachtet? Wahrscheinlich haben Sie stundenlang auf der Lauer gelegen, um zu sehen, ob ich Verstärkung mitgebracht habe, oder?“

Underbuck, der eine graue Wollmütze auf dem Kopf trug, die er weit in die Stirn gezogen hatte und mit einem alten Militärparka und löchriger Jeans bekleidet war, setzte sich als erster auf die Bank

„Nehmen Sie doch Platz, Inspektor! Hier ist der Ort, wo Ruhe und Gelassenheit sich so richtig entfalten können. Wer weiß, ob einer von uns beiden nicht bald schon etwas länger hier ausruhen kann?“

Auch Fendish hatte nun Platz genommen. Ihm wurde bewusst, dass er im teuren, aber der Jahreszeit nicht angemessener Anzug und ohne den dunkelblauen Kaschmirmantel, den er zur Reinigung gegeben hatte, etwas lächerlich wirken musste. Kurz überlegte er, ob es nicht auch an seinem Alter liegen konnte, dass er fror, denn er glaubte gelesen zu haben, dass Menschen über sechzig Jahre Kälte viel extremer empfanden, als jüngere Leute.

„Ich hatte noch nicht vor, abzutreten, Underbuck. Oder wollen Sie mich umbringen? Immerhin sind Sie ein gesuchter Mörder, und die Wahrscheinlichkeit, dass Sie mich hierher gelockt haben, um mich zu töten, ist nicht von der Hand zu weisen, oder?“

Jake Underbuck zog eine Hand aus der Parka-Tasche und zeigte dem Inspektor eine Pistole, die er locker in der Hand hielt, ohne den Lauf auf Fendish zu richten.

„Sehen Sie, obwohl ich zwanzig Jahre davon geträumt habe, diesen Zustand zu ändern, leben Sie noch immer! Wenn ich’s gewollt hätte, wären Sie bereits tot – und das wissen Sie auch, oder?“

Fendish hatte keine Angst.

Gut, er hatte nicht zwanzig Jahre hinter Gitter damit verbringen müssen, an Rache zu denken. Für ihn war Underbuck nur einer von vielen Mördern und anderen Kriminellen, deren Festnahmen zu seinen Aufgaben gehörten. Und doch war es gerade dieser Jake Underbuck, dieser inzwischen deutlich gealterte Mann im Militär-Parka, der nun wie ein alter Bekannter neben ihm saß und mit ihm plauderte, als ginge es um irgendwelche netten Anekdoten aus der Jugendzeit.

„Ich weiß, dass Sie mich nicht töten werden, Jake. Keine Ahnung, warum ich das weiß, aber ich weiß es nun mal. Und ich weiß auch, dass Sie mit der U-Bahn bis Westboure Park Station gefahren sind, sich auf dem Weg hierher die SUN gekauft haben und sie ohne sie zu lesen in den Mülleimer dort hinten geworfen haben. Wie’s scheint, sind Sie nervöser, als Sie’s zugeben wollen!“

Underbuck lächelte, als er sagte:

„Der große Fendish hat also immer noch seine Spitzel auf den Straßen! Sie hätten doch Lengly nur einen Tipp geben zu müssen. Überlegen Sie mal, was das für Schlagzeilen produziert hätte:

PENSIONIERTER INSPEKTOR FASST DEN MEISTGESUCHTEN VERBRECHER DES VEREINIGTEN KÖNIGREICHS.

Nicht mal in Versuchung gekommen, Fendish…?“

„Lassen Sie uns mit der belanglosen Plauderei aufhören, Jake! Sie haben mir etwas mitzuteilen und das sollten Sie jetzt auch tun. Ich bin zwar pensioniert, aber noch nicht senil! Wenn wir beobachtet werden, können wir uns eine Zelle teilen! Also sagen Sie, was Sie wollen, Underbuck!“

Kapitel 14

Die Detective Constables Nancy Vinnagan und Joe McHadden Waren zuerst am Fundort der Leiche.

Keiner von ihnen hatte schon einmal Mordopfer gesehen und dementsprechend grau gefärbt waren ihre Gesichter, als sie in das furchtbar zugerichtete Gesicht des Mädchens blickten, das vor ihnen auf dem aufgeweichten Boden lag.

Nancy Vinnagan reagierte sofort umsichtig, bat das ältere Ehepaar, das die Polizei verständigt hatte, zurück zu treten und hielt auch weitere Spaziergänger des Parks ab, sich dem Fundort zu nähern. Joe McHadden hingegen musste gegen seine Übelkeit ankämpfen und schaffte es gerade noch, hinter einen etwa zwanzig Meter entfernten Baum zu gelangen, wo er den Inhalt seines Magens erbrach.

„Die von CID werden nicht gerade erfreut sein, Joe…!“ sagte Nancy zu Joe, als er wieder, nun kreideweiß statt grau im Gesicht, zu ihr stieß. „In zwei Minuten wimmelt es hier von ihnen und bis dahin sollten wir versuchen, nicht zu mehr kotzen…!“

„Die Kleine war höchstens zwanzig Jahre alt, vielleicht sogar viel jünger!“ sagte McHadden zu seiner Kollegin. „Welches Schwein macht so etwas nur?“

Nancy Vinnagan sah Joe an. Ihre Augen glänzten feucht und auch sie hatte Mühe, sich nicht übergeben zu müssen.

„Hast Du’s nicht gesehen, Joe? Der Kleinen fehlt ein Finger an der rechten Hand! Es war wieder der ‚Cutter‘…!“

Exakt drei Minuten später waren die Spezialisten des CID am Fundort, sperrten ihn weiträumig ab und errichteten über der Leiche eine etwa zwei Meter hohe Abdeckung aus Kunststoff, damit der gerade wieder einsetzende Regen nicht noch mehr Spuren verwischte. Regen! In diesem Teil der Insel regnete es doppelt so oft, wie auf dem Festland. Und dieser Regen war somit auch der ärgste Feind der Forensiker, gleich nach übereifrigen Constables, die mit ihren Schuhen auf allen Spuren herumtrampelten, die vielleicht zum Täter führen konnten. Dass nun einer dieser Constables nur zwanzig Meter vom Fundort der Leiche seinen Mageninhalt entleert hatte, wo vielleicht die alles entscheidende Spur zum Täter zu finden wäre, steigerte die Sympathie der Spezialisten zu ihren ‚Kollegen auf der Straße‘ keineswegs.

Das Mädchen war inzwischen das achte Opfer des ‚Cutters‘, wie die Boulevardpresse den Killer nannte. In vier Fällen fehlte den Opfern ein Finger. Zweimal hatte der ‚Cutter‘ ein Ohr abgetrennt und zwei männlichen Leichen fehlte der Penis.

Wie es schien, gab es keinerlei auf den ersten Blick erkennbare Systematik bei der Opferauswahl. Zwar waren alle Opfer relativ jung, das heißt, keines von ihnen war älter als vierzig Jahre, aber ansonsten schien es dem Cutter egal zu sein, ob er Männer, Frauen oder auch, wie im letzten Fall, junge Mädchen tötete. Lediglich die abgetrennten Körperteile deuteten auf einen einzigen Täter hin und auch der Umstand, dass es anonyme Hinweise gab, in denen jedes Mal Jake Underbuck als Täter beschuldigt wurde.

Die Suche des Yard konzentrierte sich also auf Jake Underbuck. Aber es gab andere Indizien, die einen anderen Mann verdächtig machten, wenngleich es den ermittelnden Beamten fast unmöglich erschien, dass etwas an diesem Verdacht wahr sein konnte.

In der Jeanstasche von Zilla Buka Tahan fand man einen Papierschnipsel, einen abgerissenen Ausdruck von einem handelsüblichen Tintenstrahldrucker, wie die Forensiker feststellten. Viel weniger wissenschaftliche Qualifikation war nötig, um die Telefonnummer einer Person zuzuordnen:

Arthur Fendish, pensionierter Inspektor von New Scotland Yard! 

Kapitel 15

„Ich denke, dass wir beide, Sie und ich, das gleiche Problem haben, Fendish!“

Jake Underbuck sah an Fendish vorbei in Richtung des einzigen Eingangs zum Friedhof. Eine ältere füllige Dame, mit der rechten Hand eine Gießkanne und in er linken Hand ihre Handtasche tragend, betrat den Friedhof.

„Keine Sorge, Underbuck, die gute Frau gehört garantiert nicht zum Yard; die Mädels beim Metropolitan Police Service sind inzwischen allesamt jung und attraktiv.“

Underbuck grinste.

„Und die alten Knacker werden abserviert, oder?“

„Sagen Sie jetzt, was Sie wollen, Jake. Ist eine verdammt heiße Kiste, hier mit Ihnen zu sitzen.“

Underbuck grinste nicht mehr. Er holte tief Luft und begann zu reden:

„Egal, ob Sie’s mir glauben, oder nicht, aber die Morde, für die Sie mich eingelocht haben, habe ich nicht begangen.“

Fendish sagte kein Wort, aber seinem Gesichtsausdruck, den hochgezogenen Augenbrauen und den leicht spöttisch heruntergezogenen Mundwinkeln war anzusehen, was er von solcherlei Aussagen hielt.

„…ich habe zwanzig Jahre unschuldig gesessen, Fendish! Und in all den Jahren hatte ich Sie in Verdacht, mich bewusst hinter Gitter gebracht zu haben, um von sich selbst abzulenken.“

„Natürlich. Und? Haben Sie noch mehr zu berichten, wo wir schon so freundschaftlich miteinander schwatzen?“

„Ich habe Sie beobachtet, Fendish! Ich habe gesehen, wie Sie diesem Paul Lester den Schädel eingeschlagen haben. Das hatte ich Ihnen schon am Telefon gesagt, oder? Und ich habe den Mord gefilmt! Wenn Sie die Aufnahme sehen, werden Sie selbst glauben, der Mörder zu sein! Dieser Typ kleidet sich wie Sie, spricht wie Sie, nennt sich selbst ‚Arthur‘ und sieht Ihnen ähnlich, wie Ihr Zwillingsbruder!“

Noch hatte Fendish keine neuen Informationen erhalten, die ihn auf Dauer davon abhielten, Underbuck doch noch dem Yard auszuliefern. Natürlich hatte der alte Fuchs vorgesorgt, um im absoluten Notfall nicht ganz alleine mit Underbuck zu sein.

Als hätte Jake die Gedanken seines Gesprächspartners erraten, sagte er:

„Ein Mann von Ihnen kauert hinter dem marmornen Grabstein, etwa dreißig Meter von hier, nahe der Mauer. Ihr zweiter Aufpasser sitzt vor dem Eingang in seinem alten Escort und friert sich wahrscheinlich den Arsch ab. Die beiden waren wohl mal verlässliche Spitzel von Ihnen, was?“

Fendish mochte es ganz und gar nicht, durchschaut zu werden.

„Wieso haben Sie nicht gleich die Polizei gerufen, statt den Mord auch noch zu filmen? Sie wären auf der Stelle entlastet und man hätte den richtigen Täter verhaftet. Ich denke, Underbuck, dass Sie dummes Zeug erzählen!“

„Zu dem Zeitpunkt des Mordes war ich mir noch nicht absolut sicher, dass Sie’s nicht sind! Sie hätten sich irgendwie herausgeredet, hätten vielleicht sogar den Spieß umgedreht und alles so hingestellt, dass ich doch der Killer wäre und am Ende hätte ich mich bis ans Ende meiner Tage im Knast wieder gefunden.“

„Sie haben den Mord tatsächlich gefilmt? Und man sieht einen Kerl, der wie ich aussieht?“

„…und der alles tut, damit jeder Verdacht auf Sie fällt, Fendish!“

„Zeigen Sie mir die Aufnahme, Underbuck!“

Underbuck kramte in seiner Manteltasche, zog einen winzigen Mini Camcorder hervor und hielt ihn Fendish hin.

„Der Film ist auf einer SD-Karte, Fendish. Ist nicht das Original. Ich habe mich natürlich auch abgesichert, falls hier etwas schief läuft, Arthur!“

Fendish nahm den Camcorder in die Hand, sah ihn einen Moment an und gab ihn Underbuck zurück.

„Ich hatte schon immer Probleme mit diesem technischen Schnickschnack. Schalten Sie das Ding an und zeigen Sie’s mir dann, okay?“

Was Fendish dann sah, produzierte zugleich Abscheu, Unverständnis und Unglauben in seinem Verstand. Er wollte nicht glauben, was er sah, er wollte nicht realisieren, dass er sich selbst sehen konnte, aber genau das war es, was seine Augen warnahmen und seinem Gehirn als reales Ereignis offerierte.

„Um Himmels Willen, Underbuck, das ist ja tatsächlich ein Mord. Das bin ja tatsächlich… ich!“

„Könnte man echt denken, wenn da nicht…“

„Wenn da nicht ‚was‘?“

„Wenn da nicht der gute Jake Underbuck zwei Minuten nach dem Mord mit Arthur Fendish telefoniert hätte, der zum gleichen Zeitpunkt wahrscheinlich eine heiße Tasse Tee in seinem Garten getrunken hätte!“

„Verdammt! Sie wissen von meinem Garten?“

„Ich weiß inzwischen wirklich sehr viel über Sie, Inspektor außer Dienst Fendish!“

Angewidert von dem Geschehen, das Fendish auf dem wirklich winzigen Monitor des Camcorders gesehen hatte, wandte er sich ab.

„Vorausgesetzt, Sie binden mir keinen Bären auf, vorausgesetzt, Sie haben diese Aufnahme nicht irgendwie manipuliert; immerhin weiß man ja, dass so etwas wohl relativ einfach zu machen ist; und vorausgesetzt, Sie haben diesen einen Mord wirklich nicht begangen – warum, in Gottes Namen, hat der Täter dann zuerst den Verdacht auf Sie gelenkt? Man hat Beweisstücke in Ihrer Wohnung gefunden! Sie wurden damals als der erste ‚Cutter‘ verurteilt, weil es unumstößliche Beweise gab, die Sie als Täter identifizierten!“

„Der Finger, den man in meiner Wohnung fand? Zwei Quittungen einer Bar, in der auch Annie Jones und Michael Westwood verkehrten? Meinen Sie diese idiotischen sogenannten Beweise, wegen denen ich zwanzig Jahre gesessen habe?“

„Es gab damals auch noch einen zeugen, der Sie bei einer Gegenüberstellung zweifelsfrei identifiziert hat!“

„Natürlich, Fendish. Stellen Sie sich mal vor, wie viele Zeugen Sie als Täter identifizieren würden, wenn man denen meinen Film und ein Foto von Ihnen vorlegt! Jeder würde Stein und Bein schwören, dass Sie, Arthur Fendish, der Mann sind, der Paul Lesters Hirn aus dem Schädel geprügelt hat…!“

Kapitel 16

New Scotland Yard

“Carl Grant, Lyndon Greenberg und Alisha Monahan. In allen drei Fällen wurde den Opfern ein Körperteil abgetrennt, und ich denke, dass es unstrittig ist, wer für diese grausigen Morde verantwortlich war, oder?“

Chief-Inspektor Robert Lengly, ‚Long Lilly‘, sah mit grimmiger Miene in die versammelte Runde. Im Besprechungsraum der eingerichteten Sonderkommission ‚Cutter‘ hatten insgesamt sieben Personen Platz genommen, von denen jeder einzelne Teilnehmer dieser Besprechung mit der Leitung eines ganz bestimmten Ermittlungsablaufes betraut war. 

Im Jahr 2004 wurde im Yard die Homicide Prevention Unit (HPU), also die Abteilung zur Mordprävention, gegründet. Deren Leiterin, die Psychologin Candice Anne Miller, sagte seinerzeit der TIMES, dass es unter anderem die Aufgabe der HPU sei, eine Datenbank aufzubauen, in der auch die einhundert gefährlichsten Menschen der Insel erfasst seien, um Verbrechen viel schneller aufklären zu können oder sie sogar schon ‚vor dem Verbrechen‘ zu verhindern.

„Es gibt einige sehr gefährliche Menschen dort draußen…“ sagte sie, „…die wir kennen sollten, bevor sie anfangen, Morde zu begehen!“

Miller erinnerte an den zweifachen Schulmädchenmörder Ian Huntley, dessen Taten nie geschehen wären, wenn die Datenbank seinerzeit bereits existieret hätte.

„Huntleys psychologisches Profil war eindeutig. Wir hätten ihn niemals in die Freiheit entlassen, nachdem er aufgrund anderer typischer Delikte in Haft war. Aber nach sieben Monaten war er wieder draußen und brachte zwei Mädchen um. Underbuck hätte niemals wieder frische Luft schnuppern dürfen. Es gibt noch unzählige Huntleys und Underbucks da draußen.“

Candice Anne Miller, die überaus attraktive und nicht weniger intelligente Abteilungsleiterin blickte zu Lengly, der ihr mit einem Kopfnicken bedeutete, fortzufahren.

„Der Chief-Inspektor, mittlerweile allerdings auch ich, gehen davon aus, dass die Ermittlungen unserer Kollegen vor über zwanzig Jahren, die zur Festnahme Jake Underbucks führten, von eben jener Person manipuliert wurde, die damals wie auch heute der tatsächliche 'Cutter' war und ist!“

George Brown, Leiter der SO 24, der Spezialabteilung für Sexualdelikte, war sichtlich von dieser Äußerung überrascht. Der bullige Mann mit dem kaum noch sichtbaren Haarkranz und der riesigen breiten Nase, der Mann, der als einziger Farbiger in dieser Runde saß und allgemein als 'harter Hund' verschrien war, machte aus seinem Zweifel kein Hehl, als er sagte:

„Blödsinn, Lady! Bei allem Respekt für Ihre psychologischen Fähigkeiten, aber Underbuck war und ist unser Mann! Was Sie und der Chief-Inspektor da andeuten wollen, ist ein Schlag ins Gesicht der Kollegen, die vor zwanzig Jahren dieses Dreckschwein an den Eiern gepackt haben. Oder gibt es etwa Beweise für Ihre These?“

Auch Craig Bennister, Leiter der Forensik des Yard, schüttelte verständnislos den Kopf.

„Wie Sie alle wissen, war ich bereits vor zwanzig Jahren an den Ermittlungen im Fall 'Cutter' beteiligt, Ladies und Gentleman. Alle uns damals vorliegenden Beweise, alle Spuren und alle Auswertungen ließen keinen Zweifel zu, dass wir mit Underbuck den richtigen Mann im Visier hatten. Gleichwohl muss ich zugeben, dass es keinerlei...“

Der Chief-Inspektor unterbrach Bennister.

„Niemand unterstellt Dir oder den anderen Anwesenden irgendein Versäumnis, Craig. Alle Ermittlungsbeamten, damals wie auch heute, haben ihr Bestes gegeben und geben es noch heute! Aber, wie Miss Miller bereits sagte, es gibt unumstößliche Beweise, die eine andere Person als den 'Cutter' identifizieren.“

Vernon Ascot, Abteilungsleiter beim MPS und Koordinator zu Interpol, stützte sich mit seinen Pianistenfingern auf dem schweren Besprechungstisch ab und erhob sich langsam. Ascot war ein Mensch, von dem eine Aura ausging, die ihn immer ins Blickfeld jeder Gesellschaft brachte. Wenngleich er von mittlerer Größe und mittlerer Statur war und auch ansonsten absolut 'mittelmäßig und unauffällig' aussah, gab es etwas an ihm, das stets Aufmerksamkeit auf ihn lenkte.

Kaum hatte er sich erhoben, hatte noch kein Wort von sich gegeben, verstummte das Gemurmel in der Runde und alle Blicke konzentrierten sich auf Vernon Ascot.

„Jeder von uns weiß es, Robert!“ Ascot war der einzige Mitarbeiter des Yard, der 'Long Lilly' mit seinem Vornamen anreden durfte. „Wir alle wissen, dass Du und jetzt wohl auch Miss Miller, unseren ehemaligen Kollegen Arthur Fendish verdächtigt. Es dürfte auch allgemein bekannt sein, dass ich mit Arthur sehr gut befreundet war und bin und dass es für mich mehr braucht, als ein paar Indizien, damit ich meine Meinung über ihn ändere!“

Lengly antwortete sofort.

„Deine Freundschaft zu Fendish ist einer der Gründe, weswegen Du in dieser Runde sitzt, Vernon. In ein paar Minuten werden alle Fakten zum aktuellen Ermittlungsstand auf dem Tisch liegen. Memo wird gleich verteilt, okay? Miss Miller war so nett und hat für Sie alle die Informationen, die uns auf Arthur Fendish stoßen ließen, zusammengetragen. Und glauben Sie mir bitte, dass es mich ganz besonders trifft, was Sie gleich lesen werden...!“

Lenglys heimliche Herzdame, jeder beim Yard wusste, dass sie es war, begann damit, die Memos zu verteilen.

„Ich lasse Ihnen eine halbe Stunde Zeit, sich mit den Fakten vertraut zu machen, Lady und Gentleman, wobei Miss Miller kaum so viel Zeit brauchen wird, denn schließlich haben wir ihr diese Fleißarbeit zu verdanken. Also, in exakt dreißig Minuten!“

Da Lengly nicht aufforderte, den Besprechungsraum zu verlassen, blieben alle auf ihren Stühlen sitzen. Als die Unterlagen vor jedem der Anwesenden lagen, unterbrach ein stilles Nuscheln und Rascheln die Stille. Niemand sprach laut ein Wort. Niemand stellte Miss Miller Fragen, da ohnehin klar war, dass sie auf die Rückkehr des Chief-Inspektor verweisen würde, der als einziger gegangen war.

Lengly stand vor dem mannshohen Spiegel der Herrentoilette. Seine Gedanken überschlugen sich und ein Blick in sein gegenüber zeigte, dass dieser hagere Kerl, der sonst trainiert und sportlich wirkte, eingefallen und müde aussah. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und schwarze Ränder unter ihnen ließen vermuten, dass es nicht nur die letzte Nacht war, in der er fast gar nicht geschlafen hatte.

Der Chief-Inspektor hielt seine Hände unter den Wasserhahn. Die Sensorautomatik setzte einen angenehm warmen Wasserstrahl in Bewegung und Lengly verfluchte die moderne Technik, die ihm gerade jetzt verwehrte, sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser waschen zu können.

Vor etwa zwei Wochen hatte der Chief-Inspektor Candice Anne Miller gebeten, mit ihm Essen zu gehen und sie hatte abgelehnt.

„Du weißt, wie ich denke, Robert. Ich schätze Dich sehr, ja, ich glaube sogar, dass da noch viel mehr ist, das uns verbinden könnte. Aber sag, Robert, wie sehr unser Verhältnis Deine Autorität beim Yard belasten würde? Vernon Ascot sieht mich auch schon so an, als wüsste er ganz genau, dass da was zwischen Dir und mir läuft, Robert!“

„Da läuft doch noch gar nichts, Candy, oder?“

Sie hatte ihn mit schelmischen Augen angesehen.

„Ich finde, da läuft schon sehr viel, Robert. Und das, was noch nicht läuft, hat sicher Zeit, bis wir den 'Cutter' erwischt haben, oder?“

Das lauwarme Wasser half nicht sonderlich und Lengly machte sich klar, dass Candice absolut Recht hatte. Er machte sich wieder auf den Weg in den Besprechungsraum und er war sicher, dass die folgenden Stunden seine volle Autorität verlangten, denn die Aneinanderreihung von Informationen, Indizien und auch Fakten, die Candice in Bezug auf Arthur Fendish präsentierte, behagte ihm keineswegs...

Kapitel 17

Fendish zitterte.

„Wo können wir hingehen, Underbuck? Es ist verdammt kalt hier und ich glaube, ich brauche jetzt einen heißen Tee und ich habe Hunger. Ist mir ein Rätsel, wie Sie hier sitzen können, ohne sich den Arsch ab zu frieren!“

„Sie glauben mir also?“

Fendish erhob sich. Seine Knie taten weh, er spürte, dass auch seine Nieren schmerzten und er wusste, dass er jetzt auch mit Jack the Ripper Tee trinken gegangen wäre, um vor der Novemberkälte zu flüchten.

„Fällt mir schwer, Jake, aber ich glaube Ihnen. Und dass ich ihnen glaube, hat ernst Konsequenzen für Sie und auch für mich. Sie sind ja bereits auf der Flucht; ich aber habe noch vor einer Stunde geglaubt, ein langsam alternder Pensionär zu sein, der den Lebensabend mit seiner Katze und ein paar Flaschen Portwein verbringt. Und jetzt? Jetzt bin ich ein Gejagter wie Sie, Jake!“

„Kommen Sie, Fendish, ich weiß, wo wir ungestört Tee trinken können. Manchmal ist es ganz hilfreich, wenn man auf der anderen Seite des Gesetzes stand.“

Arthur Fendish sah Underbuck fragend an.

„...stand? Vergangenheit?“

„Nun ja, ich glaube, dass wir zwei wohl auf Verbrecherjagd gehen müssen, wenn wir eines Tages wieder unbeschwert unser Leben leben wollen, Arthur. „

Kapitel 18

Der Besprechungsraum Y3 in der dritten Etage des Yard-Gebäudes war ausschließlich internen Besprechungen vorbehalten. Es handelt sich um einen nahezu quadratischen Raum von zirka achtzig Quadratmetern, wurde von einem riesigen schwarzen Besprechungstisch beherrscht, an denen insgesamt 32 ebenfalls schwarze Stühle aufgereiht waren. An drei Wänden prangten überdimensionierte Kunstdrucke in prallen leuchtende Farben, eingerahmt in schlichtem aber sicher sehr teuren Ebenholz.

Die Atmosphäre, die der Besprechungsraum ausstrahlte, konnte man gut und gerne mit 'weniger ist mehr' und 'mit Schwarz kann man nichts falsch machen' beschreiben. Dieser Raum sollte keineswegs Gemütlichkeit produzieren, sondern diente ausschließlich sachlicher Kommunikation.

Vor ungefähr einer Viertelstunde war Robert Lengly von der Toilette zurückgekehrt. Noch immer fühlte er sich alt und verbraucht und musste sich alle Mühe geben, halbwegs konzentriert zu sein.

Pünktlich eine halbe Stunde nach dem Verteilen der Memos griff Lengly nach einer kleinen Flasche Mineralwasser, klopfte mit ihr an dem Glas, das vor ihm stand und sagte:

„Und? Sind Sie nun auf dem aktuellen Stand?“

Er blickte fragend zu jedem einzelnen der Anwesenden und verweilte zuletzt bei Candice Anne Miller.

„Bitte tragen Sie nun vor, wieso wir davon ausgehen, dass Arthur Fendish unser 'Cutter' ist, Miss Miller!“

Auch Candice Anne Miller ließ einen Augenblick vergehen, in dem sie kurz in die Gesichter ihrer männlichen Kollegen sah.

„Sie werden alle gelesen haben, was vor Ihnen liegt. Lassen Sie mich nun zu den Details kommen, die ich dort beschrieben habe und zu jenen Fakten, die uns erst nach Erstellung des Memo zugespielt wurden, meine Herren. Wenn Sie allerdings zuvor Fragen haben, sollten Sie diese nun stellen, okay?“

Vernon Ascot, der Abteilungsleiter beim MPS, der die allerbesten Kontakte zu europäischen Polizeibehörden hatte und für die Koordination zu Interpol verantwortlich zeichnete, meldete sich zu Wort.

„Ich denke, dass Memo richtig verstanden zu haben, Miss Miller. Und ich habe darin gelesen, dass Jake Underbuck ab sofort als nicht mehr verdächtig gilt. Dies gilt für die aktuellen Morde des Cutters, aber auch für die Morde, für die Underbuck zwanzig Jahre gesessen hat.“

Miss Miller unterbrach Ascot etwas unwirsch.

„Nett, dass Sie uns den Inhalt nochmals vermitteln, aber ich meinte eher, ob es Fragen gibt, die sich aus dem Memo ergeben, Vernon!“

Ascot warf ihr einen verärgerten Blick zu, trommelte ungeduldig mit den Fingern auf der Tischplatte, als gälte es, ihr virtuose Töne zu entlocken.

„Sie sind so lieb und warten mit Ihren Einwänden, bis ich meine Fragen gestellt habe, Miss Miller? Oder interessiert es Sie gar nicht, wie wir alle hier über Ihre Fleißarbeit denken, wie Robert Ihr Memo ja genannt hat, Lady?“

Candice Anne Miller wusste, dass sie einen Fehler gemacht hatte.

Ohnehin musste sie um jedes bisschen Akzeptanz viel härter kämpfen, als ihre männlichen Kollegen. Sie musste mehr als einmal ihre spitzen Ellenbogen einsetzen, um schlussendlich das erreichen zu können, wofür Männer oftmals nur einmal kräftig auf den Tisch hauen mussten oder einfach die Kontrahenten auf einen Bourbon in den nächsten Pup einluden.

„Tut mir leid, Vernon, ich stehe wohl auch mächtig unter Strom. Bitte fahren Sie doch fort!“

Ascot nickte verständnisvoll, endete abrupt mit der Trommelei und stellte seine Fragen:

„Also, Lady und Gentleman, ich habe das Memo aufmerksam gelesen und gehe davon aus, dass die Position, die Miss Miller und Robert Lengly vertreten, wohl auf den Informationen beruht, die wir nicht im Memo lesen konnten und die uns jetzt gleich mitgeteilt werden. Das, was ich im Memo las, lässt bestenfalls Zweifel an Underbucks Schuld aufkommen, aber reicht bei weitem nicht aus, zweifelsfrei von Underbuck auf Fendish als Täter zu wechseln. Meine erste Frage lautet somit, ob Du, Robert, Du ganz persönlich, Arthur für den Cutter hältst! Frage Zwei, an Sie, Miss Miller gerichtet lautet: Haben Sie vor, die Ihrer Meinung nach ungerechtfertigte Verurteilung Underbucks, der Presse mitzuteilen? Jetzt, oder zumindest in Kürze, Miss Miller?“

Lengly antworte zuerst, da Ascot ihn auch zuerst angesprochen hatte.

„Ja!“

„Kurz und knapp, wie man Dich kennt, Robert! Okay. Dann muss es wohl Informationen geben, die weit über das bisschen Infomaterial des Memo hinausgehen. Und Sie, Miss Miller? Starten Sie jetzt die 'armer Underbuck-Kampagne', denn die Presse wird sich auf alle stürzen, die seinerzeit an den Ermittlungen gegen Jake Underbuck beteiligt waren!“

Candice Anne Miller, stieg nun ins Gespräch ein:

„Die Presse wird mich und eine Menge anderer Kolleginnen und Kollegen steinigen! Ich kann nur darauf bestehen, dass die Presse erst informiert wird, wenn wir alle, alle die hier versammelt sind, von der Schuld des Inspektors überzeugt sind!“

George Brown, der 'harte Hund' des Yard, den Sexualstraftäter ebenso fürchteten, wie seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, fasste sich an die riesige Nase, holte tief Luft und setzte zu einem Statement an, das jedoch warten musste, weil das einzige Telefon im Raum, das bei Lengly platziert war, klingelte.

„Was ist denn, Jane? Hatte ich nicht gesagt, dass wir nicht gestört werden wollen?“ blaffte Lengly gereizt ins Telefon.

Jane Kirkillian, seit über vierzig Jahren beim Yard und mittlerweile auch jene Person, der Robert Lengly bedingungslos vertraute, antwortete mit fester unbeeindruckter Stimme:

„Dann soll ich also Mr. Fendish nicht durchstellen, Sir?“

Kapitel 19

Er wünschte sich, nicht so verdammt anfällig auf diese Temperaturen zu sein.

Jedes seiner Gelenke schmerzte; jede Bewegung trieb ihm die Tränen in die Augen und schon der Gedanke daran, die kommende Nacht kaum zum Schlafen zu kommen, gefiel ihm ganz und gar nicht. Aber es musste sein! Es musste sein, weil seine Zeit begrenzt war und weil die ihm verbleibende Zeit zu kostbar war, um sie mit Gejammer und Wehklagen zu vergeuden.

Trockenes Wetter. Er wünschte sich trockenes Wetter und nicht diesen nasskalten Scheiß, der sich wie ein Schraubstock um seine Knochen schloss, gleichzeitig Milliarden von Nadeln in seine Nerven stieß und unvorstellbare Qualen verursachte, die jede Minute seines Daseins füllten. In den Mauern seines Hauses steckte überall Feuchtigkeit und zeigte sich als Schimmelpilz an fast allen Wänden. Was er brauchte, um dieser Hölle zu entfliehen, waren entweder diese göttlichen kleinen weißen Pillen, die er Doktor Wyatt abgeschwatzt hatte oder ein paar Tage Florida und Sonne bis zum Abwinken.

Doktor Wyatt hatte im Februar des letzten Jahres wieder mal zu viel gesoffen und verlor irgendwo in der Nähe Glasgows die Kontrolle über seinen Jeep. Während er auf dem Beifahrersitz die Zigarillos suchte, streifte sein Wagen einen jungen Mann auf einem Fahrrad, Wyatt riss das Steuer herum, schaffte es nicht mehr, einem Brückenpfeiler auszuweichen und prallte mit über einhundert Sachen gegen Beton. Auch angeschnallt hätte er keine Chance gehabt, aber er hasste es, den Gurt um seinen viel zu fetten Wanst zu schnallen. Sein Körper flog durch die Windschutzscheibe und verformte sich beim Aufprall zu einem matschigen Etwas.

„Ist vielleicht ganz gut, dass er tot ist...!“ dachte sich der Mann.

Und Florida? Sonne? Strand? Einfach ein Fleckchen suchen, wo die wärmende Sonne alle Schmerzen vertrieb? Arme, Beine und Seele baumeln lassen und sich regenerieren?

Ein böses Lächeln huschte um sein Gesicht.

Später! Erst die Arbeit, dass das Vergnügen. Was er vor zweiundzwanzig Jahren begonnen hatte, musste jetzt zu Ende geführt werden. Und dann, aber erst dann, hatte er Zeit, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Erst dann, erst dann...

Er ging in die Küche, griff nach einem Glas, ließ etwas Wasser aus dem Wasserhahn hinein laufen und kramte zwei Schmerztabletten aus der Hosentasche. Obwohl er ganz genau wusste, dass dieses Zeug ihm allerhöchstens eine Stunde leichte Linderung verschaffte, war er guter Dinge, in der kommenden Nacht gute Arbeit zu verrichten. Gewohnt gute Arbeit, die er sie in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten fast zur Perfektion entwickelt hatte.

Ihm blieben etwa vier Stunden, in denen er sich vorbereiten musste, bis er schließlich der war, den er hasste, den er vor sich her trieb, den er leiden lassen wollte und den er am Ende beim Sterben zusehen würde.

Eine Menge Arbeit wartete auf ihn.

Kapitel 20

„Natürlich sollen Sie ihn durchstellen, Jane. Aber lassen Sie sich einen Moment Zeit...!“

Jane Kirkillian kannte ihren Chef. Sie wusste genau, wann seine Stimme extrem angespannt klang und wann es besser war, nichts zu hinterfragen.

„Selbstverständlich, Sir!“

Dann aktivierte sie wieder die Verbindung mit Fendish, atmete kurz durch und sagte:

„Er ist gleich soweit, Mr. Fendish. Und? Genießen Sie den Ruhestand? Sie ahnen ja gar nicht, wie neidisch ich auf Sie bin, immerhin muss ich noch ein paar Jährchen beim Yard bleiben. Andererseits macht mir die Arbeit noch immer...“

„Liebe Mrs. Kirkillian, bitte sagen Sie dem Chef, dass ich mich später nochmals melden werde. Und richten Sie auch noch aus, wir sind...“

Jane Kirkillian begriff, dass sie nun keine Chance hatte, Fendish hinzuhalten.

„Oh, Mr. Fendish, ich sehe gerade, dass Mr. Lengly aufgelegt hat. Ich werde Sie nun zu ihm durchstellen, Sir!“

Die Zeit hatte Lengly gereicht, der Runde im Besprechungsraum mitzuteilen, dass Fendish in der Leitung hing und Ruhe zu halten, solange er mit ihm sprach.

„Mein lieber Arthur! Eine Überraschung, die mich ganz besonders freut! Geht es Ihnen gut? Was kann ich für Sie tun, Arthur?“

„Hallo, Mr. Lengly. Ja, es geht mir den Umständen entsprechend gut. Was Sie für mich tun können? Nun, Sie können den Leuten, die unser Gespräch mithören, ausrichten, dass sie nicht mehr leise sein müssen. Ich weiß, dass sie mich verdächtigen, der Cutter zu sein.“

„Aber, Arthur...“ Lengly lächelte kaum sichtbar. Er kannte Fendish lange genug, um ihn nicht für naiv zu halten.

„Tja, dann sind Sie ja bestens informiert, Arthur. Und? Sind Sie es? Sind Sie der Cutter? Und waren Sie es schon vor zwanzig Jahren?“

Fendish ließ sich mit der Antwort Zeit.

„Das Gespräch ist nicht zurück zu verfolgen, Sir. Ich sage das nur, damit Sie sich keine Mühe machen!“

„Dachte ich mir gleich, Arthur. Und? Haben Sie uns an der Nase herumgeführt? Ist der beste Mann, den der Yard je hatte, ein Serienmörder?“

„Es gibt Beweise, die das so aussehen lassen, Sir. Und es gibt offenbar eine Person, die möchte, dass Sie alle genau das denken. Es sieht also zurzeit nicht so gut aus für Ihren ehemals besten Mann, Sir. Da wir beide den Ablauf kennen, halte ich es für sinnvoll, mich eine Weile unsichtbar zu machen. Eine kleine Bitte habe ich noch, bevor ich auflege, Sir.“

„Ja?“

„Sorgen Sie bitte dafür, dass es Abigail gut geht, bis ich rehabilitiert bin! Abigail ist meine alte Katze, die mich vermissen wird. Ich gehe davon aus, dass meine Wohnung bereits observiert wird? Nun, egal, ich verlasse mich auf Sie und vertraue Ihnen meine alte Dame an. Sobald ich es für sinnvoll halte, melde ich mich bei Ihnen, Sir!“

Lengly wollte etwas erwidern, wollte wissen, was Fendish nun vorhatte und wollte seinen ehemaligen Mitarbeiter irgendeine verwendbare Information entlocken, aber Fendish hatte das Gespräch bereits beendet.

Keiner der Anwesenden sagte ein Wort. Alle starrten den Chief-Inspektor an und warteten auf seine Reaktion.

„Miss Miller, meine Herren? Sie haben es gehört? Unser Freund Fendish gedenkt, seinen Ruhestand für eine gewisse Zeit zu unterbrechen!“

George Brown, Craig Bennister, Candice Anne Miller und Vernon Ascot hatten es gehört – und sie konnten ihre Verwunderung über Lenglys Gelassenheit kaum unterdrücken. Besonders Craig Bennister, der Forensiker, reagierte empört.

„Und DAS war ein Gespräch mit einem potentiellen Serienmörder, Mr. Lengly? Bei allem Respekt, Sir, aber für mich hörte sich das mehr an wie ein Smalltalk zwischen alten Bekannten! Kann es sein, mit Verlaub, Sir, dass Sie noch die nötige Distanz besitzen, Chief-Inspektor?“

Das saß!

Robert Lengly versuchte, nicht so spontan zu reagieren, wie es eigentlich aus ihm herausschießen würde, wenn man seine Autorität derart anzweifelte. Er atmete kurz durch, erhob sich von seinem Stuhl und sagte, an alle Anwesenden gewandt.

„Für mich gilt die Unschuldsvermutung, bis das Gegenteil bewiesen ist, Mr. Brown! Und ja, ich mache kein Hehl daraus, dass mir der Gedanke nicht behagt, in Arthur Fendish, einem Mitarbeiter des Yard, der über vierzig Jahre im Staatsdienst seine Pflicht erfüllt hat, einen brutalen Killer zu sehen. Überdies hatte ich Sie alle so verstanden, dass Sie die Ankündigung von Miss Miller und mir, wie auch das Memo, mit erheblicher Entrüstung zur Kenntnis genommen haben, oder? Haben Sie nicht alle vor dem Telefonat mit Fendish lauthals protestiert, als wir Ihnen von der neuen Sachlage berichteten? Und jetzt?

Ich bitte Sie, die Distanz und Professionalität an den Tag zu legen, die Mr. Brown mir gerade absprach, Lady und Gentleman! Ich für mein Teil werde tun, was zu tun ist und erwarte hierbei Ihre uneingeschränkte Unterstützung. Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?“

Candice Anne Miller hatte das Gefühl, ihrem Chef zur Seite stehen zu müssen.

„Der Chief-Inspektor hat Arthur Fendish bereits seit dem frühen Morgen observieren lassen. Sie sehen also, dass Schritte eingeleitet wurden, die zur Festnahme von Arthur Fendish führen sollen.“

Und dann stellte George Brown die Frage, deren Antwort Miss Brown nicht kannte und die Robert Lengly äußerst ungelegen kam:

„Das heißt, wir wissen, wo sich Fendish aufhält und der Zugriff kann sofort erfolgen?“

Miss Miller sah Lengly lächelnd an, denn sie hatte keine Ahnung, dass ihr Chef nicht die gewünschte Antwort geben konnte.

„Fendish hat unsere Leute abgehängt. Er muss Helfer gehabt haben, die ein Ablenkungsmanöver inszenierten, bei dem Fendish sich aus dem Staub machen konnte. Das heißt, nein, der Zugriff kann nicht erfolgen. Wie es aussieht, hat unser Inspektor außer Diensten noch immer gute Verbindungen, die ihn vor der Festnahme gewarnt haben. Ab nun, Lady und Gentleman, konzentriert sich unser aller Arbeit ausschließlich auf die Suche nach Fendish. Alles Weitere wird Ihnen jetzt Miss Miller mitteilen. Mich entschuldigen Sie bitte, denn es gibt auch für mich viel zu tun!“

Brown war es, der sich diesen Satz nicht verkneifen konnte.

„Sie kümmern sich persönlich um Abigail, oder…?“

Lengly ignorierte den nicht ernst gemeinten Spruch, nickte allen Anwesenden zu und verließ hastig den Besprechungsraum.


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