Verzweifelung, Angst und Unsicherheit: das sind die Gefühle, die mich seit Kindheit an begleiten. Verzeifelung, weil ich mich immer schneller einem Zeitpunkt nähere, der sich 'Tod' nennt. Angst, weil ich fürchte, eines Tages zu sterben, ohne bewusst gelebt zu haben. Unsicherheit, weil ich nicht weiß, ob meine 'Amnesie', oder was auch immer es ist, nicht irgendwann von Altzheimer überholt wird und ich dann kein Langzeit- und kein Kurzzeit-Gedächtnis mehr habe.

Mein Leben ohne mich

Versuch einer gerafften Autobiografie

 

Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor:

 

Sie sind fast sechzig Jahre alt, in Ihrer Familie sind fast alle Familienmitglieder im Alter zwischen 45 und 59 Jahren verstorben und bei Ihnen kommt langsam eine gewisse Panik auf, weil Sie sich nur an etwa 10% Ihres eigenen fragmentierten Lebens erinnern können.

Sie stehen also morgens vor dem Badezimmerspiegel, sehen in Ihr eigenes Gesicht und könnten schwören, eigentlich erst 20 oder höchsten 30 Jahre alt zu sein, bis Ihnen Ihr Spiegelbild mit brutaler Härte und Grausamkeit die Wahrheit offenbart.

Sie sind seit 38 Jahren verheiratet, glücklich verheiratet, haben zwei erwachsene Kinder, einen Sohn und eine Tochter und drei Enkelkinder. Eigentlich ist alles optimal. Normal. Irgendwann werden Sie in Rente gehen, werden den verbleibenden Rest Ihres Lebens hoffentlich mit Ihrer Frau verbringen.

Kommen die Kinder und Enkel zu Besuch, werden Sie alle gemeinsam vorm Kamin sitzen und werden, wie es sich für einen Großvater gehört, herrlich lustige Episoden aus Ihrer Vergangenheit erzählen…    

 

Bis hierhin. Stopp.

 

Das morgendliche Spiegelbild lügt nicht. Der Kerl, der mich ansieht, hat eine lange Vergangenheit, die sich zwar sehr deutlich in seinem Gesicht findet, aber in seinem Gehirn so gut versteckt ist, wie ein vergrabenes Sandkorn am längsten Sandstrand der Welt.

Nun ist es zwar ganz schön, sich geistig jung zu fühlen, aber es ist eine pervertierte Grausamkeit, ein Mensch zu sein, der seinen Tod vor Augen hat und sein gelebtes Leben nur fragmentiert erinnert.

Stellen Sie sich bitte weiter vor, dass Sie bei den Geburten Ihrer Kinder dabei waren, dass Sie bei der Geburt eines Enkelkindes dabei waren, dass Sie den Tod Ihres dritten Kindes bei der Geburt mit Ihrer Frau gemeinsam verkraften mussten, dass Sie eine Schulzeit, eine Kindheit, eine Jugend und ein Leben bis zum 60. Lebensjahr gelebt haben…

 

…und das fast alles in diesen sechzig Jahren Vergangenheit unauffindbar verschwunden ist.

 

Selbstverständlich denkt jeder in einer ähnlichen Situation rechtzeitig daran, einen Arzt aufzusuchen. So wie ich in meinem Fall auch.

Dass ich diese verschwommene Amnesie, dieses kontinuierliche rückwärtige Auslöschen bestimmter Ereignisse bereits einige Jahre nach meiner Hochzeit, also etwa in der Mitte meines 20. Lebensjahres, bemerkt habe, war für mich der Grund, mich gründlich medizinisch durchchecken zu lassen.

Alle damals ausgewerteten Daten waren in Ordnung. EEG in Ordnung. Computertomographie in Ordnung.

Für die Medizin in Weiß war ich somit uninteressant.

Den Weg zu Therapeuten wollte ich damals, so jung und so abgelenkt von meiner jungen Ehe, meiner Tochter und allerlei beruflichen Eskapaden, noch nicht gehen.

Zumindest habe ich, wohl auch aufgrund einer noch nicht allzu langen Vergangenheit, das drängende Bedürfnis nicht verspürt, jenem Phantom auf die Schliche zu kommen, das mir bis zum heutigen Tag unheimlich und angsteinflößend erscheint.

Heute sehe ich alles vollkommen anders und bestimmt auch unter dem immensen Druck, nicht sterben zu wollen, bevor ich mich an mein Leben erinnern kann.

Heute gehe ich den mühsamen und oftmals erfolglosen Weg zahlreicher Therapiegespräche bei zahlreichen Therapeutinnen und Therapeuten, weil ich mit dem permanenten Damoklesschwert eines auslösenden Traumas lebe und es loswerden will!

Lassen Sie mich zuerst berichten, wie der momentane Status aussieht:

Seit knapp zwei Monaten bin ich in psychotherapeutischer Behandlung bei einer Therapeutin, die Erfahrung mit Trauma-Patienten hat und der ich inzwischen nahezu alles aus meinem Leben berichtet habe, an das ich mich erinnere oder mich zu erinnern glaube.

Wie auch einige Anlaufversuche vor ihr, meint auch diese Therapeutin, dass das Unterbewusstsein immer sehr gute Gründe hat, etwas so fest und sicher zu verschließen, dass es kaum wieder geöffnet werden kann.

Von der ‚Büchse der Pandora‘ ist immer wieder die Rede und davon, dass es vielleicht besser wäre, dahingehend zu therapieren, mit dem Erinnerungsproblem so umzugehen, als sei es eben ein Teil von einem, das akzeptiert werden müsse.

Dieses Therapieziel ist aber nicht mein Ziel. Mein Ziel ist es und muss es sein, auf gemacht Erfahrungen, gute wie schlechte, wunderschöne und monströs grausame, zurückblicken zu können, wie man eben auf die meisten Dinge im Leben zurückblickt:

 

Man lernt aus ihnen, man baut darauf auf, man lernt, andere vor eigenen Erfahrungen zu schützen und man will auch jene Erlebnisse endlich so verarbeiten können, wie es zu einem ‚normalen‘ Leben dazu gehört. Denn erst, wenn Trauer ihren Freiraum erhält, kann Trauer enden.

 

Meine persönliche Trauerzeit begann wohl mit dem viel zu frühen Tod meines Vaters, der starb, bevor er das 50. Lebensjahr erreicht hatte. Mein Vater ließ mich, seinen damals sechsjährigen Sohn, meinen fünf Jahre älteren Bruder und meine Mutter zurück, die mit dem Tod ihres Mannes vollkommen überfordert war.

Heute denke ich oft, dass sie auch mit uns beiden Kindern vollkommen überfordert war, denn alles, was sie tat, um uns aus ihrer Sicht richtig zu erziehen, erwies sich als fürchterliches Possenspiel aus menschlicher Schwäche und tiefer Sehnsucht nach Halt und Stärke.

Ob ich mich noch an meinen Vater erinnere?

Nein, das tue ich nicht. Ebenso wenig erinnere ich mich an meine damalige Kindheit, an meine Mutter, wie sie damals war und an meine Kindergarten- und frühe Schulzeit.

Nun mag man vielleicht sagen, dass es nicht so völlig ungewöhnlich ist, wenn sich ein Mensch nicht an die Zeit seines sechsten Lebensjahres erinnert. Aber wenn das so ist, was ist dann mit meinem siebten, achten, neunten, zehnten, elften, zwölften, dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten, sechszehnten und siebzehnten Lebensjahr?

Was ist daran noch normal, die komplette Kindheit, mit Ausnahme einiger verschwommener Fragmente, vergessen zu haben? Was ist daran normal, bis zum heutigen Tag nahezu alles irgendwie emotional Bewegende in meinem Leben, vergessen zu haben?

Was ist daran normal, dass ich mir heute noch problemlos unzählige PIN-Nummern und Bankverbindungen merken kann, dass ich heute noch die Autokennzeichen von Firmenwagen kenne, die ich vor zehn, zwanzig und sogar dreißig Jahren gefahren habe, oder mir Gesichter von Menschen merken kann, die vor vielleicht zwanzig Jahren eine völlig unbedeutende Rolle in meinem Leben gespielt haben?

Wieso merke ich mir oftmals den allergrößten Scheiß, während ich gleichzeitig wahnsinnig werde, weil ich es nicht schaffe, mich an den Tod unseres dritten Kindes zu erinnern?

Meine Therapeutin ist davon überzeugt, dass es wohl einige Traumata in meinem Leben gab, die zu dieser Reaktion führten.

Nachdem mein Vater verstorben war, musste meine Mutter uns beide Kinder irgendwie ‚durchkriegen‘, wie man damals noch sagte. Der Gang zum Sozialamt war für die damalige Generation noch keine Selbstverständlichkeit, was natürlich im Umkehrschluss bedeutete, dass an allen Ecken und Kanten, gerne auch an den Kindern, gespart wurde, wo es nur ging.

Meine Mutter, ohnehin kein Musterbeispiel für Willenskraft und Eigeninitiative, geriet sehr schnell in den Einflussbereich ihrer Schwester, die damals schon eine eifrige, wenn auch geistlose Verfechterin der Zeugen Jehovas war. Da uns diese Tante von mir mit reichlich ‚geistiger Speise‘ aber leider nicht mit materieller Hilfe versorgte, musste meine Mutter, nachdem sie ebenfalls bei den Zeugen Jehovas untergekommen war, selbst für unseren Lebensunterhalt sorgen, indem sie in einer Braunschweiger Blechwaren-Fabrik Schichtdienst arbeitete.

Hier nun gibt es einige ‚Erinnerungswolken‘, wie ich es nenne, das heißt einige Erinnerungen, die vielleicht gar keine sind, aber die sich irgendwie nebulös in meinem Unterbewusstsein wie eine schemenhafte Realität festgesetzt haben.

Mein fünf Jahre älterer Bruder hat mich gehasst.

Wieso das so war, weiß ich nicht, vermute aber, dass mein Vater mich mehr als meinen Bruder mochte. Überdies war ich, so hat man mir erzählt, der kleine süße blonde Jungem, den man einfach lieb haben musste, während mein Bruder angeblich stets der düstere, irgendwie verstörte und sehr schwer nahbare Junge war.

Wie gesagt, mein Bruder hasste mich. Wie sehr er mich hasste und wie sehr er in seiner ja auch noch kindlichen Psyche gestört war, bewiesen die nächsten Jahre, in denen meine Mutter manchmal erst spät in der Nacht vom Schichtdienst kam und in denen ich in dieser Zeit meinem Bruder vollkommen hilflos ausgeliefert war.

Meine Therapeutin wollte wissen, mit welchem Gefühl ich meine Zeit damals beschreiben würde und ich antwortete spontan:

MIT ANGST, UNVORSTELLBARER ANGST!      

Das Verrückte und für einen psychologisch therapeutischen Laien extrem schwer vorstellbare an manchen Erinnerungen ist, das es Erinnerungen gibt, die gar keine Erinnerungen sind.

In der Psychotherapie gibt es verschiedene Formen dissoziativer Störungen, die nur zum Teil auf traumatischen Ursachen beruhen.

So gibt es unter anderem die strukturelle Dissoziation. Hiernach werden bei sehr schweren und kontinuierlichen Psychotraumatisierungen, insbesondere in der Kindheit, die symptomatischen Empfindungs- und Verhaltensmuster dauerhaft unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen zugeordnet. Einige Autoren hierzu vertreten die Hypothese, dass die entsprechenden Verhaltensweisen, Empfindungen und Einschätzungen auch im späteren Leben, unabhängig von traumatisierenden Situationen, kaum vermieden werden könnten.

Auch gibt es eine Dissoziative Amnesien. Bei der dissoziativen Amnesie fehlen der betreffenden Person ganz oder teilweise Erinnerungen an ihre Vergangenheit, vor allem an belastende oder traumatische Ereignisse. Die Amnesie geht weit über das Maß der normalen Vergesslichkeit hinaus, d. h. dauert länger an oder ist stärker ausgeprägt. Das Ausmaß der Amnesie kann jedoch im Verlauf schwanken.

Glauben Sie mir bitte, wenn ich sage, dass das menschliche Gehirn mit all seinen Windungen und miteinander gekoppelten Synapsen ein irrsinnig faszinierendes Gebilde ist, dem ich allergrößten Respekt zolle.

In Fällen, in denen ein Trauma-Therapeut vor der Aufgabe steht, einen Menschen zu therapieren, der beispielsweise einziger Überlebender eines Flugzeugabsturzes ist oder der furchtbare Kriegserlebnisse verarbeiten muss, ist – und das meine ich wirklich nicht abwertend – vor eine klar definierte Aufgabe gestellt.

Das Problem ist zeitlich eingrenzbar, die Situation ist beschreibbar und die Notwendigkeit einer Therapie ist eine somit logische Folge eines oder mehrerer definierter Ereignisse.

In Fällen jedoch, bei denen es um teilweise Jahrzehnte zurückliegende Vorfälle geht, die nicht einmal bewusst beschrieben werden können, weil sich der Betroffene eben nicht mehr darüber ‚bewusst‘ ist, sondern nur – und hier sei das Wort ‚nur‘ wirklich in Anführungszeichen gesetzt, unter den Folgen einer oder mehrerer Situationen leidet, stehen Therapeuten vor einem echten Problem…

Richtig schwer wird es für Therapeuten, bei einem Patienten wie beispielsweise mir, zu unterscheiden, was ‚verfälschte Erinnerungen‘ und was tatsächliche Erinnerungen sind.

Wieso ich das hier erwähne?

Folgendes:

Ich erinnere mich zwar nicht bildlich, also nicht so, dass ich einige Szenen vor meinem inneren Auge erneut sehe, weiß aber ganz sicher, dass mich mein Bruder schwer misshandelt hat.

Ich weiß, dass ich unglaubliche Angst vor dem Alleinsein mit ihm hatte und dass ich oftmals mitten in der Nach oder spät abends von ihm geweckt wurde, weil er plötzlich von mir verlangte, alle Strophen der Nationalhymne zu singen. Schaffte ich das nicht, musste ich manchmal fünfzig Liegestützen machen oder wurde von ihm mit einem Einkaufsnetz geschlagen.

Ich weiß, dass ich meine Mutter jedes Mal anbettelte, mich nicht mit meinem Bruder alleine zu lassen und dass meine Mutter dennoch das Haus verließ, weil sie Geld verdienen musste.

Ich weiß, dass ich manchmal stundenlang die Bettdecke über die Ohren gezogen habe, weil ich so glaubte, nicht die Aufmerksamkeit meines Bruders zu erregen.

Ich weiß, dass ich viele Jahre Angst hatte, aber ich weiß nicht, ob ich mich daran wirklich erinnere!  

Vielleicht war der Tod meines Vaters das auslösende Trauma. Vielleicht war es die Angst vor meinem Bruder. Vielleicht war es aber auch die gesamte Kindheit und frühe Jugend, die von einer sehr harten Erziehung nach den unsinnigen Regeln der Zeugen Jehovas und einer daraus resultierenden furchtbaren Schulzeit geprägt war.

Für Kinder extrem dogmatisch geprägter und strenger religiöser Eltern ist die Zeit der Schule und der Erziehung, sowie auch das Zusammenleben mit ‚Andersdenkenden‘ ein extremes Problem.

Heute bin ich ein Mensch, der sich als ‚Freigeist‘ bezeichnet, der jede Form religiöser oder auch politischer Manipulation zutiefst verurteilt.

Ich hasse es wie die Pest, wenn Menschen das freie Denken abgenommen wird, selbst dann, wenn es dazu eine gierige Bereitschaft der Betroffenen gibt.

Religionen, hierbei betone ich ausdrücklich, dass ich jede Religion unterschiedlichster dogmatischer Heilsbotschaften meine, sind immer ein unterschätztes Risiko für Menschen, die gerne an einen Gott glauben, weil sie den Glauben an sich selbst verloren haben.

Für mich jedenfalls war die Zeit, in der ich durch die Zeugen Jehovas und durch die Menschen, die sie damals führend vertreten haben, eine Zeit, die mich zu einem verklemmten und kontaktarmen Jungen gemacht hat.

Jeder Kontakt ‚mit der Welt‘ war schädlich, Feiertage außer dem Gedächtnistag an den Tod Christi, waren tabu. Geburtstage mit anderen Kindern feiern war also ebenso undenkbar wie Weihnachten feiern. ‚Laterne gehen‘ durften wir damals nicht, weil es wohl ‚heidnischen Ursprungs‘ sei.

Später, als ich bereits in einem Alter war, in dem man intensiv und heftig an das andere Geschlecht denkt, war dieses Denken ebenso verpönt wie natürlich auch jeder Sex vor der Ehe.

Zum Thema ‚Masturbation‘ gab es zahlreiche Publikationen der Zeugen Jehovas, in denen darauf hingewiesen wurde, wie gefährlich Masturbieren sei, weil es zu ‚unreinen Gedanken‘ und schließlich und letztendlich auch zur Hurerei führe.

Überdies schwebte über meiner gesamten Kindheit und Jugend die furchtbare Drohung der göttlichen Endzeit Harmageddon, vor der nur jene Menschen guten Willens keine Angst haben müssen, die alle Zeit und Kraft in das Predigen der Guten Botschaft investierten.

Meine Mutter heiratete irgendwann erneut.

Vor meinem Bruder hatte ich nun etwas mehr Ruhe, denn meine Mutter musste nicht mehr und konnte auch nicht mehr, arbeiten. Weniger Ruhe hatte ich indes vor meinem Stiefvater, einem Kerl wie ein Baum.

Als er meine Mutter kennenlernte, war er noch Analphabet, trank viel und schlug ganz gerne heftig zu, so dass ich, wenn er richtig wütend auf mich war, durch das ganze Zimmer flog. Ich war vielleicht zehn oder elf, als er bei uns einzog, also ein immer noch kleines Kerlchen, das erst etwas weniger Schläge befürchten musste, als meine Mutter diesen Mann heiratete.

Mein Stiefvater, der mich glücklicherweise nie adoptierte, war auch der Grund dafür, dass meine Mutter aus der, ach so moralisch anspruchsvollen Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas ausgeschlossen wurde. Jemanden heiraten, der ‚nicht in der Wahrheit‘ war, ging gar nicht…

Als meine Mutter es dann geschafft hatte, ihren Mann (was gar nicht so schwer war) zu einem braven strengen Zeugen Jehovas zu machen, wurde sie irgendwann von den so genannten ‚Ältesten‘, also geistig nicht sonderlich flexiblen, aber sehr moralisch engstirnigen Männern, als reumütige Sünderin zurück in die Glaubens-gemeinschaft aufgenommen.

Für mich bedeutete dies, dass ich nun einen Stiefvater hatte, der nicht der Hellste war, der sich ausschließlich an dem orientierte, was andere Männer der Zeugen Jehovas ihm als Richtschnur boten.

Die Zucht mit der Rute oder auch mit der riesigen Hand meines Stiefvaters wurde nun durch die Religion legitimiert.

Ob ich auch nur eine einzige Szene als Bild oder als Film vor mir sehe? Irgendetwas, das ich erlebt habe, müsste doch vor meinem ‚geistigen Auge‘ sichtbar sein, oder?

Da ist nichts, außer der Gewissheit, dass es so war, wie ich es hier beschreibe. Ein fragmentierter Lebenslauf. Tabellarisch, unsortiert und mit hoher Wahrscheinlichkeit prall gefüllt mit hundsgemeinem Nichts, das sich wie ein Puffer zwischen Erinnertes und Erlebtes zwängt.

Ich war Mitte Zwanzig, als meine Tochter Natascha zur Welt kam, man mir nach langer Krankheit die Diagnose Lymphdrüsenkrebs und Tuberkulose mitteilte. Man teilte meiner Frau mit, sie möge sich noch auf etwa sechs Monate einstellen, bis ich sterben würde. Ich verlor in dieser Zeit etwa 30 Kilo Körpergewicht. Als ich noch im Krankenhaus lag, kündigte mir mein damaliger Arbeitgeber wegen Einstellung des Vertriebes; Geld war so gut wie keines mehr vorhanden und ich erfuhr, dass meine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt war und sterben würde.

Die Diagnose Lymphdrüsenkrebs wurde bei mir revidiert. Nun war es also ‚nur‘ eine Sarkoidose und Tuberkulose. Die Diagnose meiner Mutter wurde nicht revidiert und sie starb kurz darauf.

Meine Frau bewies in allen Situationen, die manch andere junge Familie auseinandergerissen hätte, eine unendliche Stärke, von der ich sicherlich sehr oft partizipierte. Allerdings war auch ich ein Typ, der sich auch aus den allerschlimmsten Situationen irgendwie, manchmal auch mit unerlaubten Mitteln, herausmanövrierte.

So schien es mein dauerhafter Lebensweg zu sein, Löcher ohne Boden stopfen zu müssen, ohne zu begreifen, dass stets ich es war, der für immer neue Löcher die Verantwortung trug.

 

...

 

Ich werde, sofern es überhaupt jemanden interessiert, mein erlebtes Leben an dieser Stelle konkretisieren, wobei mir durchaus bewusst ist, dass ich mir selbst damit nicht unbedingt einen Gefallen tue. Insofern bitte ich mich schon jetzt um Entschuldigung, ohne damit zu narzisstisch klingen zu wollen...

 

Klaus-D.Heid

 

 


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