Lust auf Krimi? Bitte lesen Sie meinen Krimi 'Zeit der Buße' und teilen Sie mir Ihre Meinung mit. Oder mögen Sie es harmloser und humorvoller? Im Tomus Verlag erschienen sind meine Geschichten 'LIEBER PAPA!'.

Stirb schön, Liebling!

Kurzgeschichten, in denen meist einer der Partner auf der Strecke bleibt...

Inhalt:

  • 1. Geschichte: Der schönste Tag
  • 2. Geschichte: FEMKILL
  • 3. Geschichte: Einmal zuviel...
  • 4. Geschichte: Für immer und ewig

Einleitung

Bevor ich mit meinen kleinen Bosheiten beginne, erlaube ich mir ein paar Hinweise zur Motivation, Sie hier mit meinen Texten zu konfrontieren.

Die Zeit der ewigen Liebe ist schon lange vorbei.

Vorbei die Vorstellung von jungen Pärchen, die sich unsterblich ineinander verlieben, sich ewige Treue schwören, heiraten, sich noch immer liebend, Kinder bekommen, sich noch immer liebend, älter werden, sich noch immer liebend, durch dick und dünn gehen, sich noch immer liebend, den langweiligen Alltag meistern, sich noch immer liebend, Enkelkinder verwöhnen, sich noch immer liebend, gemeinsam alt werden, sich noch immer liebend, keine Minute ohne den Anderen ertragen können, sich noch immer liebend, eines Tages voneinander Abschied nehmen müssen, weil die Zeit nun mal von uns allen irgendwann gnadenlos ihren Tribut fordert.

Und dann, wenn einer von Beiden für immer gegangen ist, bleibt ein Partner zurück, der sich nach dem Tod sehnt, weil ein Leben ohne sein zweites Ich nicht mehr lebenswert erscheint.

Aus und Vorbei!

Heute werden 36 Prozent aller Ehen vor Ablauf von fünf Jahren geschieden. Weitere fünf Jahre später erhöht sich die Quote auf knapp 50 Prozent. Die meisten der verbleibenden 50 Prozent lassen sich wahrscheinlich auch irgendwann scheiden oder gehören zu den etwa 17 Prozent der Verheirateten, die dem Partner im Lauf der Ehe von Herzen den Tod wünschen und selbst sogar insgeheim Mordgedanken hegen.

0,08 Prozent hegen diesen Wunsch nicht nur, sondern setzen ihn in die Tat um…

Während ich nun zu lesen beginne, können Sie ja schon einmal im Stillen über Ihren Lebensabschnittspartner oder zeitlich limitierten Ehepartnerrechts oder links von Ihnen nachdenken und sich ganz leise fragen, ob zwischen Ihnen...

...wirklich noch alles in Ordnung ist?


 

1. Geschichte: Der schönste Tag

Was für ein herrlicher Sommertag!

Ich bin versucht, diesen 13. Juli zum schönsten aller jemals von mir erlebten Sommertage zu erklären, denn es sind nicht nur die Vögel, denen ich vergnügt lauschen kann, es sind auch die Grillen, die mich diesen traumhaften und langsam zur Neige gehenden Tag mit ihren vergnügten Zirpen genießen lassen und mir das Gefühl vermitteln, ein überaus glückliches Leben vor mir zu haben.

Hier in meinem kleinen aber feinen Garten, in dem ich mich nun auf den Sonnenuntergang freue, wo ich einen bequemen Liegestuhl aufgebaut habe und mit Ehrfurcht an die Wunder der Natur denke, scheint mir der richtige Ort zu sein, um einen arbeitsreichen Tag zu reflektieren, der wohl mein Leben für alle Zeiten verändert hat.

Irgendwo in einem der Nachbargärten spielen Kinder. Ich liebe es, Kinderlachen zu hören, denn das Lachen der Kinder ist für mich ein Beweis dafür, dass alles, was auf diesem Planeten geschieht, einen höheren Sinn hat. Eltern lieben sich, bekommen Kinder, erziehen sie nach bestem Wissen und Gewissen und kümmern sich um sie, bis die Kinder schließlich selbst eigene Wege gehen, die Liebe kennenlernen und mit ihrer Liebe für die dauerhafte Existenz der Menschheit sorgen. Dieser Kreislauf ist es, der mich lächeln lässt und mich immer daran erinnerte, niemals zu verzweifeln.

Zwar verhindert die mannshohe Hecke um mein Grundstück, dass irgendjemand sehen kann, wie ich hier liege und genieße, aber alleine der Gedanke daran, von Leben umgeben zu sein, auch Leben hören zu können und morgen für einen neuen, bestimmt ebenso schönen Tag bereit zu sein, erfüllt mich mit tiefer Befriedigung.

Alle Pflanzen sind beschnitten und gegossen und das exakt eineinhalb Meter tiefe Grab, in dem meine Frau nun ruht, ist jetzt wieder ordentlich mit Erde bedeckt und frisch gesäter Rasen wird dafür sorgen, dass Marianne sich, wenngleich sie es auch nicht verdient hat, recht wohl fühlen wird.

Fast drei Stunden habe ich für das Ausheben des Grabes benötigt.

Als Mann von knapp siebzig Jahren kann ich wohl mit Fug und Recht behaupten, mich ganz gut geschlagen zu haben, denn wenn ich auch kräftig geschwitzt habe, so konnte ich doch fröhlich vor mich hin pfeifend und ohne eine einzige Pause, meine Arbeit erledigen.

Jetzt, wo Marianne ihren letzten Ruheplatz gefunden hat und wo ich mich ein wenig auf dem Liegestuhl erhole, möchte ich lauthals den Grillen und Vögeln zurufen:

Sie ist endlich tot, Ihr lieben Tierchen! Ihr müsst keine Angst mehr haben!“

Doch niemand darf mich hören, denn der Umstand, dass ich Marianne umgebracht habe, wie auch die Tatsache, dass Grillen und Vögel wohl kaum verstehen würden, was ich ihnen zurufe, lässt mich schweigen und im Stillen genießen, was eigentlich die ganze Welt erfahren sollte.

Aber hätte die Welt denn Verständnis für das, was sich getan habe? Bin ich nicht in den Augen der Justiz nur ein Ehemann, der seine Ehefrau erschlagen hat? Interessierte es die Polizei, den Richter und auch die Medien, dass ich wirklich keine andere Wahl hatte? Konnte irgendjemand nachvollziehen, dass Marianne jedes Recht auf Leben verwirkt hatte, weil nach meinem Verständnis nun mal Rechte auch mit Pflichten verbunden sind und sich niemand, auch nicht Marianne, von diesen Pflichten freimachen durfte?

Wenn ich Glück habe, mich ein wenig schone, also nicht jeden Tag ein Grab aushebe, dann habe ich durchaus Chancen, vielleicht noch zwanzig Jahre leben zu können. Werde ich jedoch verhaftet und verurteilt, sterbe ich im Gefängnis und Mariannes Tod hat zwar den Vögeln und Grillen geholfen, aber mir jede Hoffnung auf ein paar schöne Jahre zum Ende meines Lebens genommen.

Vielleicht mache ich jetzt ein kleines Nickerchen. Die Wolldecke auf meinen Beinen wird verhindern, dass ich mich erkälte, wenn die Sonne sich in Bälde zur Ruhe begibt und dem Mond den Himmel überlässt, bis am Morgen wieder eine ausgeruhte Sonne für wohlige behaglich Wärme sorgt.

Meinen Nachbarn habe ich gesagt, dass Marianne für drei Jahre zu ihren Verwandten nach Australien gereist ist. Jeder, der Marianne kennt, weiß, dass Marianne an einer seltenen Krankheit leidet und mein Hinweis, dass es in Perth eine Klinik gibt, die auf diese Krankheit spezialisiert ist und auch sehr gute Erfolge bei der langwierigen Behandlung nachweisen kann, macht es nachvollziehbar, dass Marianne für lange Zeit nicht mehr gesehen wird.

Himmel, was hat Marianne für ein Gesicht gemacht, als sie begriff, was ich vorhatte! Für einen Augenblick hat sie mich angestarrt, dass ich fast dachte, sie versteht, was mich zu dieser Tat treibt. Aber dann, als sie, ihrem Naturell getreu, nach einem Stein griff und ihn mit aller ihr eigenen Bosheit nach mir warf, der Stein mich aber um Längen verfehlte, verstand sie, dass ihr Ende unausweichlich gekommen war.

Gnade Dir Gott, wenn Du das tust...!“ keifte sie mir entgegen und versuchte gleichzeitig, ihre Hände schützend vors Gesicht zu halten, wenngleich dies für den Hammer in meiner Hand kaum eine nennenswerte Barriere darstellte. Ein letztes Mal ertönte ihr schriller Schrei voller Zorn und Hass und dann schwieg Marianne für alle Zeiten.

Ausgerechnet Marianne sprach von der 'Gnade Gottes'! Ausgerechnet sie, die mit Gnade wirklich wenig am Hut hatte, wagte es, dieses kostbare Wort in den Mund zu nehmen. Und was war bitte mit den Vögeln in unserem Garten, die Marianne immer dann mit Steinen bewarf, wenn sie sich wieder einmal vom Zwitschern der kleinen Glücksbringer gestört fühlte? Was war mit den Grillen, die ständig in Angst leben mussten, weil Marianne jede Grille, die sie fand, mit den Füßen zerquetschte? Ließ Marianne auch nur ein einziges Mal Gnade vor Recht ergehen oder scherte sie sich einen Dreck um diese süßen Lebewesen, wenn sie deren fröhliche Musik nicht mehr ertrug?

Dreiundvierzig Jahre habe ich Marianne ertragen, Dreiundvierzig Jahre habe ich alles getan, sie zu einem besseren, tierliebenden und gerechten Menschen zu machen. Ich habe gebettelt, argumentiert, habe sie angefleht, daran zu denken, dass alle Tiere Geschöpfe Gottes sind, doch Marianne hat meine Versuche stets ignoriert und einfach so getan, als ginge sie das alles nichts an.

Das sind nur beschissene nervtötende Viecher und ich glaube, dass ich mir in meinem Alter etwas Ruhe verdient habe! Wenn Du also nicht dafür sorgst, dass diese Quälgeister verschwinden, werde ich das eben tun!“

So war Marianne. Eiskalt und rücksichtslos. Und diese brutale Einstellung zu Tieren lag ebenso wie die seltene Krankheit, an der Marianne litt, in ihrer Familie. Ihre Schwester Gerda war kein bisschen besser. Für das Ausheben von Gerdas Grab habe ich vor drei Jahren noch zwei Stunden länger benötigt. Mariannes zweite Schwester, Hildegard, lag zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem halben Jahr in unserem Garten und bei Hildegard konnte ich sehr gut üben für die Arbeit, die noch vor mir lag.

Es gibt noch einen Bruder Mariannes, der mich im nächsten Monat besuchen wird, um mehr über die Klinik in Perth zu erfahren. Ich werde sehen, wie er auf das Zwitschern der Vögel und das Zirpen der Grillen reagiert. Für ein Grab ist noch Platz in meinem Garten und glücklicherweise gibt es keine Nachkommen, die mich, im fortgeschrittenen Alter, nicht zur Ruhe kommen lassen würden, weil sie garantiert die Krankheiten und Bosheiten ihrer Mütter geerbt hätten.

Auf keinen Fall darf ich vergessen, noch einige Apfelstückchen auf dem Rasen zu verteilen und ein paar Schalen mit frischem Wasser aufzustellen. Meine Vögelchen lieben Äpfel und für die Grillen gibt es nichts schöneres, als im Wasser zu plantschen. Sie wissen ja, dass ich nicht nur heute, am wohl schönsten Tag in meinem Leben, für das Glück meiner Tiere wirklich alles tun würde, oder?

Jetzt bin ich müde und möchte ein wenig schlafen.

Sie entschuldigen mich bitte, ja?

 

2. Geschichte: FEMKILL


Welche Ehefrau hat nicht schon einmal daran gedacht, sich endgültig von ihrem Mann zu trennen? Und welche Ehefrau hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, dass 'endgültig' auch wirklich 'endgültig' bedeuten müsste, weil das, was ihr von ihm angetan wurde, keineswegs mit einer lapidaren Scheidung aus der Welt geschafft wird, bei der er wahrscheinlich alles daran setzen wird, seine Noch-Ehefrau in den finanziellen Ruin zu stürzen?

Nun, Mord ist natürlich kein Allheilmittel gegen unglückliche Ehen, wenngleich Mord andererseits durchaus als Mittel verstanden werden kann, radikal konsequent durchzugreifen. Mord am Ehegatten ist zwar in den Köpfen der Ehefrauen ein probates Instrument, um langfristigen Hass aufzubauen, aber in dem Moment, in dem aus Wunschtraum Realität wird, bekommt das Wort 'endgültig' plötzlich eine erschreckende unwiderrufliche Bedeutung, nicht wahr?

Wir von 'FEMKILL' wissen um dieses Problem und lösen es für Sie, sofern Sie nicht vorhaben, den Rest Ihres weiblichen Lebens im Frauengefängnis zu verbringen. Wie von 'FEMKILL' kennen Ihre geheimsten Wünsche und Gedanken und wissen, was zu tun ist, damit Sie wieder von allen quälenden Lasten befreit, durchatmen können!

Ihr Mann erkennt Ihre Hausarbeit nicht an? Sie hören niemals ein lobendes Wort von ihm? Er kommt wieder einmal viel zu spät von der Arbeit nach Hause und speist Sie mit der Erklärung ab, eine Reifenpanne gehabt zu haben? Sein Hemd riecht eindeutig nach ordinärem Parfüm und er will Ihnen weismachen, dass er nur versehentlich eine wildfremde Frau im Fahrstuhl gestreift hat? Schnarcht er? Hassen Sie es, nicht einschlafen zu können, weil er wieder einmal sabbernd und röchelnd neben Ihnen im Bett liegt? Lässt er Sie nicht mit seinem Wagen fahren, weil er Ihnen nicht zutraut, den Wagen wieder heile in der Garage abzustellen? Trinkt er? Raucht er? Versagt sein Deodorant des Öfteren? Liest er beim Mittagessen die Tageszeitung, ohne sich nur einmal für das köstliche Mal zu bedanken, das Sie ihm mit Liebe zubereitet haben? Hat er Ihren Hochzeitstag vergessen? Verhindert sein Bierbauch, das er noch einmal das Jackett trägt, in dem Sie ihn kennengelernt haben? Liegt er ständig vor der Glotze und nimmt Sie überhaupt nicht mehr zur Kenntnis?

Tragen Sie sich nur mit dem Gedanken – wir von 'FEMKILL' verfügen über ausreichend Erfahrung mit derartigen Notsituationen und helfen schnell und unbürokratisch, damit Sie, das eigentliche Opfer, nicht zum Opfer einer von Männern infizierten Justiz werden!

Beauftragen Sie 'FEMKILL' und überweisen Sie mit dem beliegenden Zahlschein unser Honorar. Dann, irgendwann, wenn Sie vielleicht schon denken, 'FEMKILL' habe Sie vergessen, ist es ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder auch ein unglücklicher Sturz von der Kellertreppe, ein Badeunfall oder ein zufällig vom Dach fallender Ziegelstein, der Sie zur wunschlos glücklichen Witwe macht und Sie künftig ein Leben in Freiheit genießen lässt!

'FEMKILL' ist seriös, diskret und zuverlässig.

Sofern Sie unsere Dienstleistung annehmen möchten, füllen Sie bitte den Überweisungsträger aus und lassen Sie ihn bitte, ebenso wie eine Einverständniserklärung, aus rechtlichen Gründen von Ihren Mann unterschreiben.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr 'FEMKILL-TEAM'!

 

 

3. Geschichte: Einmal zuviel...

 

Juliette ist eine überaus leidenschaftliche Frau und ich war mir sicher, dass ihr emotionaler Vortrag, den sie mir über Treue und Ehrlichkeit hielt, nicht so dramatisch zu bewerten war, wie er sich anhörte.

Solltest Du jemals fremdgehen, Albért, werde ich Dich töten! Du weißt, dass ich das nicht nur so dahin sage, sondern es wirklich ernst meine...?“ Juliettes Stimme überschlug sich förmlich, ihre Augen blitzten und ihre langgliedrigen Finger zitterten, während sie aufgeregt in unserem Wohnzimmer hin und her flitzte.

Dieses eine Mal will ich Dir noch glauben, mein Lieber, aber wenn ich herausfinde, dass da eine andere Frau...!“

Es hatte mich alle Mühe gekostet, ihr eine halbwegs plausible Erklärung für das Damen T-Shirt zu liefern, das Juliette in unserem Wagen gefunden hatte. „Ich hab's auf der Straße gefunden und dachte mir, dass es Dir gefallen könnte. Wenn Du es in die Waschmaschine steckst, sieht es anschließend wieder aus wie neu, oder? Wenn es Dir nicht gefällt, wirf es doch einfach weg, Schatz...!“

Wir haben es natürlich nicht nötig, getragene Klamotten von der Straße aufzuheben, denn sowohl Juliette, als auch ich verdienen genug, um uns immer gut und teuer einkleiden zu können. Andererseits weiß Juliette, dass ich diesen Spleen habe, hin und wieder Dinge mit nach Hause zu bringen, die andere Leute achtlos wegwerfen oder einfach an den Straßenrand stellen, weil sie keine Verwendung mehr dafür haben.

Juliette, die durchaus logisch und plausibel denken kann, bemerkte natürlich, dass es sich bei dem Marken T-Shirt um ein recht teures Kleidungsstück handelte, das keine Frau der Welt eben mal 'auf die Straße wirft', weil es ihr nicht mehr gefällt. Auch die langen braunen Haare, die sie auf dem Shirt fand und der Umstand, dass es sich um eine überaus schlanke junge Frau gehandelt haben muss, die sich des Shirts entledigt hatte, machte Juliette sehr misstrauisch.

Sag's lieber jetzt, wenn Du was mit einer anderen Frau hast! Ich werde zur Furie, wenn Du mich belügen solltest, Albért!“

In den vier Jahren meiner Ehe mit Juliette habe ich reichlich Gelegenheiten gehabt, solche Situationen zu trainieren und ich wusste sehr genau, wie ich auf ihre Anschuldigungen eingehen musste, um Juliette relativ schnell den Wind aus den Segeln zu nehmen.

...und schleppe mir nie wieder so einen gebrauchten Scheiß ins Haus, verstehst Du? Das T-Shirt wandert auf der Stelle in den Müll, wo es auch hingehört. So, ich hoffe, Du hast mich verstanden und begreifst, dass ich nicht mit mir spaßen lasse, oder? Ich will einen ehrlichen Mann, der mir treu ist! Gnade Dir Gott, wenn Du mich hintergehst...!“

Juliette hatte wieder einmal die Kröte geschluckt, wieder einmal habe ich ihren kleinen Ausbruch an emotionaler Weiblichkeit hinter mich gebracht und auch dieses Mal würde sie in spätestens einer Stunde wieder lieb und süß wie ein Kätzchen schnurren, das gestreichelt werden will.

Allerdings muss ich zukünftig noch besser darauf achten, was in meinen Taschen steckt, was in unserem Wagen liegt und dass ich um Himmels Willen nicht in der Öffentlichkeit bei meinen kleinen Amouren beobachtet werde. Irgendwann gehen mir vielleicht die Ausreden aus oder die Beweislage ist so eindeutig, dass selbst ich, der Meister der perfekten Lüge, in ernsthafte Erklärungsnöte komme.

Bitte verstehen Sie mich richtig. Ich möchte Juliette nicht verlieren. Sie ist attraktiv, intelligent und absolut hemmungslos, wenn sie erst einmal in Fahrt kommt. Juliette ist im Grund genommen die ideale Frau für einen Mann, wenn sie nur nicht so verdammt jähzornig wäre.

Dass ich Juliette trotzdem regelmäßig betrüge, liegt einfach in meiner Natur. Ich bin nicht der Mann, der sich mit einer Frau zufrieden gibt, ich brauche die Abwechslung, aber ich brauche auch den heimischen ruhenden Pol und das bildschöne Weib zuhause, das mir eine gewisse Ruhe bietet, wenn ich wieder einmal zu intensiv im Revier gewildert habe.

Am Abend des nächsten Tages war, wie immer, das Thema 'Fremdgehen' kein Thema mehr. Juliette umgarnte mich wie ein Kätzchen, genoss meine Streicheleinheiten und nichts, aber auch gar nichts erinnerte mehr an ihren Wutausbruch des Vortages. Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, dass Juliette nicht nur leidenschaftlich, emotional und jähzornig ist, sondern auch über eine andere, viel gefährlichere Eigenart verfügt, die mir zum Verhängnis werden sollte.

Den bewusste Abend nach dem T-Shirt Streit kann ich wohl als 'neutral' bezeichnen. Wie stritten nicht mehr und schliefen relativ schnell und ohne Austausch irgendwelcher Zärtlichkeiten in unserem Ehebett ein. Dann, am Abend darauf, als Juliette das schnuckelige, liebevolle und zärtliche Kätzchen war, mündete der Abend in einem grandios lüsternen und kraftraubenden Schlussakt, der selbst mir, als erfahrenem Mann, alles abverlangte, bis wir schließlich erschöpft und verschwitzt, eng umschlungen am frühen Morgen einschliefen.

Ich wurde vor Juliette wach. Ein Sonnenstrahl kitzelte meine Nase, mein erster Gedanke galt der traumhaften Nacht, die wir zusammen verbracht hatten und einem ersten Impuls folgend, wollte ich mit der rechten Hand über Juliettes nackten Körper wandern, um sie vielleicht für einen kleinen Nachschlag zu begeistern. Dann, so dachte ich jedenfalls, würde ich warten, bis Juliette sich für die Arbeit fertig gemacht hatte, würde sie mit einem leidenschaftlichen Kuss verabschieden und hinterher winken, wenn sie mit ihrem Wagen zur Arbeit fuhr, um anschließend schnell mit Madeleine telefonieren zu können, die bestimmt schon ihr T-Shirt vermisste. Nach dem schnellen Sex im Wagen war sie nur in Windeseile in ihre Jeans geschlüpft, hatte sich den Pullover übergestreift, ihren Slip in der Handtasche verstaut und ihr T-Shirt unter der mittleren Armlehne auf dem Rücksitz liegen lassen.

Es war mir nicht möglich, Juliette zu streicheln. Ich sah in ihr auch im Schlaf lächelndes Gesicht und registrierte in diesem Augenblick, dass ich meinen Arm nicht bewegen konnte. Ich konnte beide Arme nicht bewegen. Meine beiden Handgelenke und auch meine Beine waren so gefesselt und die Stricke so mit den Bettpfosten verbunden, dass ich nicht den geringsten Spielraum hatte.

Für den Bruchteil einer Sekunde wollte ich glauben, dass es sich um ein Spielchen Juliettes handelte, um vielleicht etwas neues beim Liebesspiel ausprobieren zu wollen, aber dann, als ich in das seltsam lächelnde Gesicht meiner schlafenden Frau sah, erkannte ich ihre wahre Motivation.

Juliette? Juliette? Was soll das denn...?“

Juliette gähnte, lächelte noch immer und sah mich mit zwinkernden Augen an. Sie schien gut geschlafen zu haben und ganz kurz dachte ich, dass ich mich vielleicht doch getäuscht haben musste, als Juliette zu mir sagte:

Sag, wann wolltest Du denn Madeleine das T-Shirt zurück geben? Oder hättest Du ihr ein neues Shirt gekauft? Die Kleine ist ein bisschen schusselig, oder? Lässt nicht nur ihre Klamotten im Wagen liegen, sondern auch noch ihren Ausweis. Bist Du nicht ein wenig zu alt für eine Zwanzigjährige mit Deinen einundvierzig Jahren? Und hast Du mir eigentlich nie geglaubt, was geschieht, wenn ich Dich beim Fremdgehen erwische, Liebling?“

Lass doch diesen Unsinn und mach die Fesseln los, Juliette! Ich kann Dir das alles erklären, wenn Du mich losbindest!“

Ich weiß, dass Du das kannst, Albért! Und ich weiß auch, dass Du bestimmt wieder eine richtig logische Erklärung parat hast, wie immer in der Vergangenheit. Aber weißt Du auch noch, was ich Dir gesagt habe, Liebling? Ich habe das ernst gemeint und nicht einfach nur so dahin gesagt. Ich werde Dich nicht losbinden, zumindest nicht, solange Du am Leben bist! Wir hatten einen Deal und Du hast ihn nicht eingehalten. Jetzt folgt die Strafe, die Dich ja nicht wirklich überraschen kann, oder?“

Ich versuchte, mit ihr zu reden, setzte meine ganze Überzeugungskraft ein und schließlich, als ich in letzter Konsequenz die Ernsthaftigkeit ihrer Absicht begriff, heulte ich nur noch Rotz und Wasser und bettelte um mein Leben, wie ein Delinquent, der bereits den Strick um seinen Hals fühlt.

Juliette ignorierte mein Geheule und Gejammere. Es beeindruckte sie nicht im Geringsten und ihr Lächeln entpuppte sich nun als das entschlossene teuflische Grinsen einer Frau, die ganz genau wusste, was sie tat.

Vielleicht fragst Du dich, wieso ich mit Dir geschlafen habe, obwohl ich von Anfang an wusste, was Du getrieben hast? Möchtest Du das nicht wissen, Liebling?“

Solange sie mit mir redete, würde sie mich nicht töten. Also nickte ich und wartete auf ihre Erklärung.

Nun, es gibt zwei Gründe, Schatz. Erstens: ich hatte einfach Lust auf Dich, beziehungsweise auf Sex. Zweitens: Ich wollte, dass Du so erschöpft bist, dass Du nicht merkst, was ich gemacht habe, während Du geschlafen hast. Du hast wirklich wie tot im Bett gelegen und Dich ganz artig fesseln lassen.“

Und was willst Du jetzt mit mir machen, Juliette? Du kannst doch nicht ernsthaft...?“

Doch, kann ich. Weißt Du, als ich den Ausweis dieses Flittchens gefunden habe, wollte ich Dich eigentlich gleich umbringen. Du weißt ja, wie jähzornig ich bin, nicht wahr? Ich wollte Dir ein Messer zwischen die Rippen stoßen oder Dir eine Kugel in den Kopf schießen, aber ich war mir nicht sicher, ob ich auch wirklich mit dem Messer Dein Herz treffe. Und was die Kugel angeht, besitze ich ja gar keine Waffe, wie Du weißt. Also habe ich mich zusammen genommen und mich beherrscht. Immerhin hatten wir so noch eine schöne aufregende Nacht zusammen, oder? Unsere letzte gemeinsame Nacht, Albért!“

Meine letzte Chance lag in der Wahrheit. Leugnen hatte keinen Sinn mehr und wenn ich lebend das Bett verlassen wollte, musste ich jetzt alles auf eine Karte setzen.

Es stimmt, Juliette! Ich hatte was mit dieser Madeleine. Aber es war ein Ausrutscher, es bedeutete mir nicht, Liebling! Ich schwöre, dass es nie wieder vorkommen wird! Du musst doch wissen, dass ich Dich liebe, Juliette! Wegen dieses einen Fehlers kannst Du mich doch nicht umbringen! Du musst mir noch eine letzte Chance geben, Du musst einfach...!“

Jetzt verwandelte sich das diabolische Grinsen Juliettes in eine starre grausame Maske und mir wurde im selben Moment bewusst, dass ich einen Riesenfehler begangen hatte.

Ich werde Dich auch nicht nur wegen Madeleine töten, Albért! Ich töte Dich wegen Madeleine, Claire, Sandrine, Annabel, Celia und Janine. Übrigens bin ich sicher, dass diese Liste noch nicht ganz vollständig ist, oder? Du kannst Dir also die Lügen sparen, denn ich bin sie leid! So, und nun verabschiede Dich langsam von Deinem verlogenen Leben, denn ich muss schließlich noch Deine Leiche beseitigen und alles so aussehen lassen, dass man mich nicht mit Deinem Tod in Verbindung bringt!“

Wie, in Gottes Namen, hatte sie das alles wissen können? Und wieso hatte sie bis jetzt gewartet, wenn sie doch über jede meiner Affären Bescheid wusste?

Woher weißt Du...?“ setzte ich an, doch Juliette schnitt mir das Wort ab.

Mach Dir dazu nur keine Gedanken, lieber Albért. Wenn ich Dir das sage, dann geht es Dir auch nicht besser und Deine letzten Minuten im Leben solltest Du mit Dir und mit mir ins Reine kommen. Möchtest Du noch etwas sagen, bevor Du stirbst?“

Bitte verzeih mir...!“

Juliette sah mich an, ich glaubte sogar, ein wenig Mitleid in ihrem Gesicht erkennen zu können und dann sagte sie:

Das kann ich nicht, Albért, aber ich versichere Dir, dass ich nicht vorhabe, Dich zu quälen. Ich werde es ganz schnell beenden, weil ich Dich ja im Prinzip immer noch liebe. Also: Bist du nun bereit zu sterben?“

Gerade wollte ich sie erneut um mein Leben anbetteln, wollte sie anflehen, mich nicht zu töten, als ich das Messer im Juliettes Hand sah, das sie offenbar unter ihrem Kopfkissen versteckt hatte.

Nun, keine Antwort ist wohl auch eine Antwort. Wie Du willst, dann soll es jetzt geschehen. Ich habe mich übrigens entschieden, doch ein Messer zu benutzen. Jetzt, wo Du Dich nicht bewegen kannst, wird es nicht allzu schwer sein, Dein Herz zu treffen. Ich werde mir Mühe geben, dass es schnell geht, Albért; aber wenn ich es nicht gleich treffe, dann brauche ich eben noch ein oder zwei weitere Versuche, bis Du tot bist. Es ist also hilfreich und auch in Deinem Interesse, dass Du absolut still hältst, wenn ich zustoße!“

Ich wollte die Augen schließen, wollte noch einmal schreien und betteln, aber ich bekam keinen Ton heraus und starrte nur wie gebannt auf das lange Küchenmesser in Juliettes Hand. Das war es dann mit meinem Leben. Was für ein beschissenes Ende und ich konnte noch nicht einmal sagen, dass ich nicht selbst schuld daran war.

Juliette hob ihren Arm, um das Messer mit aller Kraft in meine Brust zu rammen. Eine unglaubliche Ruhe setzte in mir ein, weil ich nichts, gar nichts mehr an meinem Tod ändern konnte. Ich würde sterben. Ich würde sterben. Jetzt schaffte ich es auch, die Augen zu schließen und erwartete einen letzten Schmerz...

Albért...?“

War ich schon tot? Das war nicht Juliette, die meinen Namen rief, aber ich kannte diese Stimme irgendwie. Wieder hörte ich 'Albért?' und versuchte, zu begreifen, ob ich lebte oder ob es ein Dasein nach dem Tode gab.

Albért? Du musst aufwachen, ich muss zur Arbeit! Deine Frau wird Dich bald vermissen, wenn Du nicht langsam losfährst!“

Die Stimme gehörte zu Madeleine und als ich meine Augen öffnete, sah ich nicht den drohend erhobenen Arm Juliettes, sah nicht das Messer, mit dem sie mein Herz durchbohren wollte, sondern sah in das Gesicht meiner Geliebten, die sich gerade splitternackt vom Bett erhob und mir in diesem Augenblick die Bettdecke vom Körper zog.

Du musst das Zimmer noch bezahlen, okay? Ich muss jetzt wirklich los. Sehen wir uns am Donnerstag wieder, Schatz?“

Ich begriff!

Madeleine und ich hatten uns ein billiges Hotelzimmer genommen, um ein paar Stunden gemeinsam verbringen zu können, bevor ich anschließend wieder zu meiner Frau Juliette fahren würde.

Es gab kein vergessenes T-Shirt, keinen vergessenen Ausweis und auch keine Juliette, die mich ans Bett gefesselt hatte, um mich umzubringen. Es gab nur dieses Hotelzimmer, in dem ich Juliette mit Madeleine betrogen hatte und es gab einen verdammt realistischen Traum.

Madeleine? Warte noch einen Augenblick, bitte!“

Was ist denn? Ich muss wirklich los!“

Gleich, Madeleine. Wir werden uns nicht wiedersehen. Heute war das letzte Mal. Verstehst Du? Es ist aus und vorbei mit uns.“

Madeleine nickte nur wortlos, griff nach ihrer Umhängetasche und verließ das Hotelzimmer.

Unglaublich erleichtert, dass alles nur ein böser Traum war, kleidete ich mich an und ging zur Hotel-Rezeption, um das Zimmer zu bezahlen. Dann spazierte ich irgendwie befreit und sogar glücklich zu meinem Wagen, fuhr auf direktem Weg zu unserem Haus, in dem Juliette bereits auf mich wartete. Zuhause angekommen, parkte ich den Wagen in der Garage, folgte einem Instinkt und sah auf dem Rücksitz nach, ob dort nicht doch ein T-Shirt und ein Ausweis von Madeleine zu finden war.

Natürlich fand ich nichts.

In dieser Nacht liebten Juliette und ich uns so intensiv, wie nie zuvor in den vier Jahren unserer Ehe und ich schlief unglaublich glücklich neben Juliette ein, weil ich endlich und endgültig einen Schlussstrich unter mein ausschweifendes Leben gezogen hatte.

Am nächsten Morgen wurde ich vor Juliette wach. Ein Sonnenstrahl kitzelte meine Nase, mein erster Gedanke galt der traumhaften Nacht, die wir zusammen verbracht hatten und einem ersten Impuls folgend, wollte ich mit der rechten Hand über Juliettes nackten Körper wandern, um sie vielleicht für einen kleinen Nachschlag zu begeistern,

aber es war mir nicht möglich,

mich zu bewegen...

 

 

4. Geschichte: Für immer und ewig

 

Im Grunde genommen, wusste ich es ja schon lange!

Irgendwann, so etwa zwei Jahre nach unserer Hochzeit, kamen mir die ersten Zweifel an Susannes Treue, die ich aber seinerzeit noch damit abtat, dass es wohl in jeder Beziehung hin und wieder kleine Eifersüchteleien gibt. Insbesondere dann, wenn die Frau, die man liebt und mit der man verheiratet ist, überdurchschnittlich attraktiv ist, muss man wohl als Mann damit leben, sie zumindest mit den Phantasien anderer Männer teilen zu müssen und muss auch damit klarkommen, dass die eigene Frau nicht immer jedem lüsternen Blick ausweicht oder auch ausweichen will. Frauen sollen sich ja positiv motiviert fühlen, wenn sie eben nicht nur vom eigenen Mann mit den Augen verschlungen werden.

Auch Susanne sah und sieht, selbst heute noch, im Alter von einundvierzig Jahren und im neunten Jahr unserer Ehe, noch so verdammt gut aus, dass ich immer dann, wenn wir gemeinsam durch die Stadt spazieren, jedem Arschloch, das Susanne mit den Augen auszieht, den Hals umdrehen könnte.

Vor zwei Jahren habe ich Susanne das erste Mal darauf angesprochen, dass sie doch bitte diesem Typen, der sie von oben bis unten musterte, obwohl ich direkt neben meiner Frau am Bistro-Tisch saß, kein freundliches Lächeln, sondern eher ein vernichtendes Ignorieren schenken solle. „Wenn Du ihn noch ein einziges Mal anlächelst, stehe ich auf und poliere diesem Idioten die Fresse, Susanne...!“ habe ich ihr zugeflüstert und dabei eine Grimasse geschnitten, die auch dem Kerl am Nebentisch Angst eingejagt haben müsste.

Aber wieso soll ich denn nicht freundlich sein, Liebling...?“ erwiderte Susanne und dachte gar nicht daran, ihren Blick von dem Kerl mit den pomadigen Haaren abzuwenden, der seinerseits wenig von meinem bösen Blick beeindruckt war und dreist auf die Oberweite Susannes starrte, als ginge es darum, das Gewicht ihrer Brüste aufs Gramm genau bestimmen zu wollen.

Schon damals hätte ich die nötigen Konsequenzen ziehen müssen. Wenn ich seinerzeit aufgestanden wäre, diesem billigen Italowestern-Verschnitt mit Dreitage-Bart eine Ohrfeige verpasst und mit Susanne das Bistro verlassen hätte, wäre vielleicht nicht passiert, was nun nicht mehr zu ändern ist.

Nach dieser relativ harmlosen, aber wegweisenden Erfahrung im Bistro geschah es dann immer öfter, das Susanne gegenüber den Avancen schleimiger Männer offensichtlich zugänglicher wurde. Es bereitete Susanne offenbar Freude, kürzere Röcke, engere Hosen oder knapper sitzende Blusen zu tragen. Susannes Gang, der eigentlich schon immer lasziv und einladend wirkte, ließ nun selbst für dümmste und einfältigste Betrachter nur den Schluss zu, dass es sich bei meiner Frau um ein jederzeit nutzbares Objekt der Begierde handeln musste, das nur darauf wartete, abgeschleppt zu werden.

Ihre äußere Veränderung wurde durch eine neue Strategie ihrer hormonellen Veränderung zusätzlich gesteigert.

Susanne lehnte es nun häufiger ab, mit mir bummeln zu gehen. Sie hatte so gut wie nie Lust dazu, alte gemeinsame Freunde mit mir zu besuchen und auch unsere einst regelmäßigen Bistro-Aufenthalte wollte sie nicht mehr wahrnehmen. Stattdessen ging sie nun oft alleine aus, besuchte ihre Freundinnen, wobei ich natürlich unerwünscht war und an etlichen Abenden der Woche und sogar an den Wochenenden kam sie erst spät Abends nachhause, legte sich dann sofort ins Bett und schien völlig vergessen zu haben, das ich auch noch existierte.

Als ich dann eindeutig dieses billige Männerparfüm an ihr roch und als mir auffiel, dass Susannes sonst so penibel frisiertes Haar bei ihrer Rückkehr von 'weiß der Geier wo' wild und zerzaust aussah, platzte mir der Kragen und ich stellte Susanne zur Rede:

Du betrügst mich doch, oder? Wieso sagst Du nicht einfach, dass Du mich nicht mehr liebst? Also? Wer ist das Schwein, oder gibt es gleich mehrere Kerle, mit denen Du es treibst...?“

Susanne sah mich daraufhin mit diesem Blick an, mit dem sie auch den Fettfleck betrachtet, bevor sie ihn mit einem Küchentuch wegwischen würde und antwortete gelangweilt:

Ich betrüge Dich, ich liebe Dich nicht mehr, das Schwein hat mehrere Namen, weil es eben mehrere Schweine sind, mit denen ich es treibe! Noch irgendwelche Fragen, Liebling, oder kann ich jetzt endlich schlafen? Ich bin echt erschöpft...!“

An dieser Stelle sollte ich vielleicht anmerken, dass ich nicht gerade der typische Macho bin, der nun seiner Frau ordentlich den Marsch geblasen hätte. Im Grunde genommen bin ich eher ein zurückhaltender, möglichst immer sanfter und nie aufbrausender Typ, der lieber still vor sich hin leidet, bevor er seiner Partnerin gegenüber auf den Putz haut und sie zusammenscheißt, weil sie offenbar ein hinterhältiges, verlogenes und von purer Lust getriebenes Miststück ist. Folglich antwortete ich:

Schade, und ich dachte immer, Du liebst mich...!“

Gute Nacht, Liebling!“ sagte Susanne daraufhin und drehte mit ihren wahrlich zauberhaften nackten Rücken zu.

Im Laufe der Jahre machte sie immer weniger ein Hehl daraus, außereheliche Beziehungen zu pflegen. Manchmal blieb sie gleich für zwei oder drei Tage von zuhause weg und blieb mir jede Erklärung schuldig. Sie tat einfach, was sie wollte und nahm keinerlei Rücksicht auf mich, der in der ganzen Zeit wie ein Hund litt und einfach nicht die Kraft fand, diese Farce zu beenden.

Susanne und ich sind nun neun Jahre verheiratet.

Noch bis vor einem Monat ließ sich Susanne ab und an bei mir blicken, hin und wieder aßen wir sogar zusammen Mittag und in ganz seltenen Fällen bekam ich einen flüchtigen Kuss auf die Wange, wenn ich beim Kochen ihren Geschmack besonders gut getroffen hatte und sie ihre Verzückung auf diese Art zum Ausdruck bringen wollte. Diese wenigen Augenblicke ihrer Nähe genoss ich trotz Susannes kalter und abweisender Art, mit der sie mir jede Hoffnung nahm, sie eines Tages wieder tagtäglich um mich zu haben.

Man mag mich ja für einen ausgesprochenen Schwächling halten. Vielleicht bin ich ja sogar ein Jammerlappen, wie es mir auch Susanne immer wieder versicherte. Einige meiner weniger Freunde, zu denen ich allerdings längst alle Kontakte abgebrochen habe, waren der Meinung, dass es an meinem Beruf liegt, wenn ich so sensibel und weich, statt hart und konsequent auf Susannes Unverschämtheiten reagierte. Sie meinten, dass ich, als Maskenbildner beim hiesigen Staatstheater, zu einer Klientel zähle, die fast ausschließlich mit homosexuellen oder mindestens bisexuellen Vertretern bestückt ist.

Irgendwie gehörst Du doch auch zu diesen etwas tuckigen Weicheiern, die schon einen Weinkrampf bekommen, wenn sie an einem platt gefahrenen Igel vorbeigehen, oder...?“

Nun, es stimmt, ich bin sehr sensibel. Und eben aus diesem Grund hat mir Susannes verhalten viel mehr Magenkrämpfe beschert, als ich vertragen konnte. Selbst dann, wenn Susanne und ich einigermaßen human miteinander umgingen, dachte ich doch in jeder Sekunde an ihren Lebensstil und an ihre unzähligen Liebhaber, zu denen ich schon lange nicht mehr zählte.

Aber selbst beim sensibelsten Weichei platzt eines Tages der Knoten, kocht irgendwann der Topf über und schießt die glühende Lava aus dem Vulkan, wenn das Maß bis zum Bersten voll ist. Und dann, wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, wird aus dem weichsten Weichei und dem sensibelsten Sensibelchen ein unberechenbarer Orkan, der mit seiner Zerstörungskraft jede noch so stabile Mauer der Gemeinheit einreißt und alles vernichtet, das sich dahinter verbirgt!

Vor drei Wochen war es dann soweit.

Spät abends rief mich Susanne an und bat mich, sie aus einer dieser schäbigen Kneipen abzuholen, in der sie sich hin und wieder einen meist südländischen Zeitvertreib suchte. Susanne, der ich schon am Telefon anhörte, wie betrunken sie war, lallte, dass sie unmöglich noch fahren könne und dass sie die Nacht gerne bei mir verbringen würde.

Ich bin su breit sum wahren..., holsde mich ab, Süßa...?“

Es war nicht das erste Mal, dass sie mich um diesen Gefallen bat und es war auch nicht das erste Mal, dass sie, kaum hatten wir unsere Wohnung erreicht, zuerst ins Klo kotzte und dann innerhalb einer Minute im Schlafzimmer landete, wo sie laut schnarchend dafür sorgte, dass mir nur die Notlösung Wohnzimmercouch blieb, wenn ich wenigstens ein paar Stündchen Schlaf erhaschen wollte.

Aber nachsichtig, wie ich eben bin, holte ich Susanne dennoch ab, sah zu, wie sie das Klo vollkotzte und beobachtete, wie sie danach laut schnarchend das Schlafzimmer in Beschlag nahm.

Zuerst wollte ich wieder einmal meine Nachtruhe im Wohnzimmer suchen und auf der unbequemen Couch mein Nickerchen machen, dann aber beobachtete ich Susanne eine Weile, wie sie da lag, noch immer und selbst jetzt, in dieser Situation bildschön, und ich kam auf die Idee, etwas zu tun, was ich ganz ehrlich, noch nie zuvor getan hatte.

Ich durchwühlte die von Susanne achtlos aufs Bett geworfene Handtasche. Vielleicht wollte ich mich quälen, um Hinweise auf ihr ausschweifendes Liebesleben zu bekommen? Vielleicht wollte ich auch irgendein Indiz finden, dass ich doch noch eine klitzekleine Rolle in ihrem Leben spielte? Nun, ich weiß es im Nachhinein nicht mehr, was ich wirklich suchte und letztendlich ist es auch scheißegal, was ich mir dabei dachte, denn das, was ich fand, ließ den Krater des Vulkans in mir bersten und spie das tödliche Magma mit einer furchtbaren Eruption aus mir heraus!

Liebster Pietro! Die letzte Nacht war wieder einmal grandios und ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen besseren Liebhaber als Dich gibt! Mein Mann, dieser Volltrottel, hat übrigens immer noch nicht gemerkt, dass ich mit seiner Kohle Deine Wohnung finanziere, in der wir uns so wahnsinnig lieben. In den nächsten Tagen, wenn der Schwachkopf wieder mal für mich kocht, versuche ich, an seine Kreditkarte zu kommen. Ich weiß ja, wie sehr Du Dir diese bildhübsche goldene Cartier wünscht, mein Herz...!“

Sie beendete den Brief mit einem gemalten Herzen und einem aufgedrückten Kussmund.

Als Maskenbildner verdiene ich nicht gerade die Welt, aber im Prinzip arbeite ich auch nur, weil mir die Arbeit Spaß macht und ich so meiner Kreativität freien Lauf lassen kann. Das Geld auf meinem Konto, von dem sich Susanne offenbar reichlich und immer wieder bediente, stammt aus einer Erbschaft und hätte locker ausgereicht, mir und auch Susanne einen angenehmen Lebensabend zu verschaffen, wenn sie es denn gewollt hätte.

Susanne schnarchte mit weit geöffnetem Mund.

Ich drückte ihr mein Kopfkissen so lange aufs Gesicht, bis sie aufhörte zu zappeln und zu strampeln und bis der letzte Rest ihres verkommenen Lebens aus ihr gewichen war. Dann, nachdem ich ein paar Minuten den Anblick meiner nie wieder lügenden Frau genossen hatte, begann ich mit meiner eigentlichen Arbeit.

Unter Aufbringung meiner gesamten Körperkräfte trug ich Susanne vom Schlafzimmer ins Bad, wo ich auch meinen Notfallkoffer für spontane Arbeitseinsätze verstaut hatte. Ab und an kam es vor, dass ich beauftragt wurde, einen unserer Schauspieler vom Bahnhof oder vom Flughafen abzuholen und es blieb dann meist nur wenig Zeit bis zum Beginn des Stückes. In solchen Fällen begann ich, dank meines Notfallkoffers, bereits im Auto damit, den Schauspieler oder die Schauspielerin nach allen Regeln meiner Kunst zu 'maskieren', wie wir Maskenbildner zu sagen pflegen.

Diesen Notfallkoffer nutzte ich also nun, um meine Susanne so zu gestalten, dass sie mir für lange Zeit als sympathisch lächelnde, strahlende und bezaubernd aussehende Ehefrau erhalten blieb.

Vier Stunden brauchte ich für die Maske, trug dann Susanne vorsichtig, ich durfte ja um Himmels Willen nichts verschmieren, ins Wohnzimmer und platzierte sie sitzend auf einem Sessel, auf dem sie sonst nie sitzen wollte, da ihr der Sessel angeblich zu viel von meinem Körpergeruch verströmte. Nun aber war es der lieben Susanne vollkommen egal, wo sie saß, denn sie war mit nichts anderem beschäftigt, als mich anzusehen, wie man es von einer liebenden Ehefrau eben erwartet.

Seit einem Monat sitzt sie bereits im Wohnzimmer und dieser eine Monat ist mit Abstand der wunderbar ruhigste Monat, den ich in meiner Zeit mit Susanne erleben durfte. Susanne meckert nicht, lässt mich nicht alleine und sie verspürt auch nicht das Bedürfnis, sich mit anderen Kerlen, wie mit diesem Pietro, abzugeben.

Auch mein Körpergeruch stört sie nicht mehr, aber nun ist es langsam Susannes Geruch, der kaum noch zu ertragen ist. Ein guter Freund von mir, den ich viel zu lange nicht mehr angerufen habe, ist Tier-Präparator. Ich denke, ich sollte ihn einmal um Rat fragen, damit mir meine Susanne noch etwas länger,

vielleicht sogar für immer, erhalten bleibt.

 

 

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