Zeit der Buße, Teil 2

 

Forsetzung ...

 

Kapitel 21

Es wurde Zeit!

Der Mann, der die letzte Stunde im Bad vor dem Spiegel zugebracht hatte, um Arthur Fendish zu werden, warf einen letzten kritischen Blick auf sein Spiegelbild.

„Gut siehst Du aus, mein alter Freund! Und? Bist Du bereit, Deinen Job zu machen? Schließlich wollen wir doch, dass Dein Konterfei bald auf jeder Titelseite als ‚die Fratze des Cutters‘ abgebildet wird, oder?“

Tatsächlich war die Ähnlichkeit verblüffend.

Die Körpergröße passte nahezu auf dem Millimeter. Fendish wog zirka einhundertdreißig Pfund und auch der Mann, der sich selbst betrachtete, entsprach diesem Gewicht. Kurze graue, an der Stirn gelichtete Haare, noch keine Halbglatze, eng anliegende kleine Ohren. Spitze Nase. Gezupfte Augenbrauen. Schmales Gesicht, blaugraue Augen, ein kleines Muttermal unterhalb des rechten Ohrs. Alles in Allem eine überaus gepflegte Erscheinung. Seriös. Vertrauenserweckend. Typischer älterer Herr, der ebenso Bankdirektor, Großvater und Werbeträger für Haftcremes dritter Zähne sein konnte. Einer, dem man sein Hab und Gut anvertraut.

Einer von den Guten.

Das Pendant von Fendish zupfte sich ein letztes störendes und abstehendes Haar aus den Augenbrauen, griff nach dem perfekt gebügelten schneeweißen John James-Hemd für einhundert Pfund und schlüpfte hinein.

„Gott, bist Du ein arrogantes Arschloch, Arthur. Arthur, das Arschloch.“

Genau das war es, was ihm besonders schwer fiel. Er war nicht wie Arthur. Er musste sich zwingen, so auszusehen, so zu wirken, musste sich seine Gesten aneignen und musste dieselbe Arroganz ausstrahlen, wie Fendish. Der große Fendish. Der allseits beliebte Fendish. Der Typ, der letztendlich nur ein popeliger Inspektor war. Nicht mal Chief-Inspektor. Nur Inspektor. Okay, er war wohl so etwas wie eine Legende beim Yard, aber was hieß das schon? Und durften Legenden sich benehmen, als ständen sie über den Dingen? Durften sie sich kleiden, als würden sie dem Königshaus angehören, obwohl sie nur lächerliche Angestellte einer lächerlichen Polizeibehörde waren?

Arthur, das Arschloch.

Er wiederholte die Beschimpfung leise, summte sie vor sich hin, wurde lauter, bis es sich anhörte, wie der nervige Singsang eines Kindes, das sich über ein anderes Kind lustig macht.

Arthur, das Arschloch, Arthur, das Arschloch...

Perfekt!

Zeit für einen letzten Blick in den Spiegel.

Krawatte saß. Perfekte Bügelfalte in den Hosenbeinen. Schwarze Lloyd-Schuhe auf Hochglanz. Dunkelblauer Blazer. Nun noch den dunkelblauen Kaschmirmantel und den Kaschmirschal.

Er gefiel sich nicht, aber diesen leicht beeinflussbaren Idioten würde es gefallen. Gutgläubige Schwachköpfe, die sich von teurem Zwirn, manikürten Fingernägeln und einem aufgesetzten Lächeln einlullen ließen.

Der Mann, der nun Arthur Fendish nahezu perfekt glich, verließ das Bad zufrieden mit seiner Verwandlung. Wenn er sich auch nicht wie Arthur Fendish fühlte, sich niemals so fühlen wollte, so war er sich absolut sicher, dass er die vor ihm liegende Aufgabe grandios meistern würde.

Noch Zeit für einen Kaffee. Das eine Mal, als ihn seine Rolle zwang, Tee zu trinken, musste er gegen aufsteigende Übelkeit ankämpfen. Er verabscheute Tee. Fendish liebte Tee. Idioten mochten Tee. Dekadente pensionierte Polizeibeamte mochten Tee. Aber Männer, die wussten, wie das Leben läuft, tranken Kaffee. Schwarzen Kaffee.

Rabenschwarzen starken Kaffee.

Was würde Arthur wohl sagen, wenn er sich in dieser Küche seinen Tee zubereiten müsste? Der Mann, der wie Fendish aussah, lächelte in sich hinein. Er wusste genau, was Fendish sagen würde. Er wusste, dass der Lackaffe noch nicht einmal einen Fuß in die Küche setzen, geschweige denn, irgendein Trinkgefäß an die Lippen setzen würde.

Der Mann griff nach einer schmuddelig aussehenden Tasse, schüttete aus einem nicht minder schmuddeligen Behälter etwas Pulverkaffee in die Tasse und ließ aus dem Wasserhahn heißes Wasser hineinlaufen, bis der Tasseninhalt überschwappte. Er goss etwas von der schwarzen Brühe ab und kümmerte sich nicht darum, dass er dabei auf den gefliesten Boden der Küche kleckerte. Stattdessen verwischte er die Kaffeeflecken mit dem rechten Schuh, bis aus den vielen kleinen Flecken ein einziger großer Fleck wurde, der sich mit unzähligen weiteren Flecken zu einem großen Ganzen vermischte.

„Das gefällt Dir ganz und gar nicht, Arthur, oder? Und weißt Du was, Inspektor? Das geht mir so was von kalt am Arsch vorbei!“

Nachdem er die Tasse geleert und dabei darauf geachtet hatte, dass er nicht auf den Mantel kleckerte, wurde es Zeit, mit der Arbeit zu beginnen. Alles war bis ins letzte Detail geplant, denn immerhin war das zehnte Opfer so etwas wie ein Jubiläum, das ganz besondere Aufmerksamkeit verdiente.

Genau genommen müsste die alte Dame jubilieren, weil sie in diesem Spiel eine kleine Hauptrolle spielen durfte. Andererseits gab es für Freudensprünge kaum einen wirklichen Grund, denn das, was auf die gute Frau zukommt, würde überaus blutig enden und auch bei den Leuten vom Yard blanken Hass gegen das ‚Monster Fendish‘ produzieren.

„Sie dürfen sich nun von Jane Kirkillian verabschieden, bester Chief-Inspektor. Ich gehe nun los und besuche Ihre treue Seele.“

Dann machte sich der Mann auf den Weg. Er ging durch den spärlich beleuchteten Flur seines Hauses, lächelte, wie er es immer tat, den vergilbten Fotos zu, auf denen eine scheinbar glückliche Familie zu sehen war. Auf dem ersten Bild sah man eine recht hübsche, freundlich aussehende Frau, die kaum älter als zwanzig Jahre war. Sie hielt ein kleines Mädchen auf dem Arm, schien dem süßen Fratz über das Köpfchen zu streicheln und lehnte dabei mit dem Kopf an einem Mann, der vielleicht zehn Jahre älter war, als sie. Offenbar wurde das Bild im Urlaub geschossen, denn im Hintergrund erkannte man eine Strandszenerie, das Meer und einen kleinen Verkaufsstand, auf dessen Dach ein Schild mit fremdländischem Schriftzug befestigt war.

Insgesamt hingen zehn Bilder an beiden Seiten des Flurs.  Auf dem letzten Bild vor der Tür zum Garten war nur die junge Frau mit dem Mann zu sehen. Keiner von beiden lächelte mehr. Das Gesicht der Frau wirkte nun eingefallen und grau. Sie blickte irgendwie abwesend ins Nichts, hielt zwar die Hand des Mannes, aber selbst auf dem Bild, das jede Farbintensität längst verloren hatte, erkannte der Betrachter die Verlorenheit, die Leere und Resignation einer Frau, deren Körper noch lebte, während ihr Äußeres nur noch Apathie und Todessehnsucht ausstrahlte.

Der Mann an ihrer Seite sah zwar auch verzweifelt aus, aber sein Blick war von jener Härte gezeichnet, die in Trauer geboren und von Erfahrung genährt, den eigenen Tod nicht mehr fürchtet. Das Gesicht drückte den unbändigen Wunsch nach Rache aus, so dass ein Betrachter des Bildes unwillkürlich zusammen zuckte und verängstigt den Blick abwandte.

„Es dauert nicht mehr lange, Liebes…!“

Wie immer ließ sich die Tür nur schwer öffnen. Sie musste geölt werden und der Mann wusste das, aber er kümmerte sich nicht darum Er kümmerte sich um gar nichts mehr, ließ das Haus, in dem er geboren wurde, aufwuchs, in dem er mit Amy, seiner Frau, Samantha zeugte und in dem er alles verlor, was ihm heilig war, langsam sterben, wie er selbst langsam starb.

Ohne seinen heruntergekommenen Garten eines Blickes zu würdigen, verließ er sein Grundstück und ging zu seinem Wagen, den er in einer wenig befahrenen Seitenstraße abgestellt hatte. Er öffnete mit dem Wagenschlüssel die Fahrertür des auf Hochglanz polierten siebenunddreißig Jahre alten Mercedes 250/S. Ein wunderschönes Auto, dezentes Schwarz, Ledersitze und überall Chrom. 130 Pferdestärken. Ein Liebhaberstück, das man in London nicht allzu oft sehen konnte, es sei denn, man hatte das Glück, den ehemaligen Inspektor des New Scotland Yard bei einem seiner seltenen Spazierfahrten zu beobachten.

Der Mann startete den unverwüstlichen Sechs-Zylinder-Motor, der sofort mit einem sanften Blubbern reagierte.

Es war nicht einfach, diesen Wagen zu kaufen. Über eine Internet-Börse für Oldtimer hatte der Mann, der Arthur Fendish zum Verwechseln ähnlich sah, für Fünfzehntausend Pfund das Auto ersteigert, das perfekt zu ihm und seinen Plänen passte.

Arthur, das Arschloch, Arthur, das Arschloch...

Während er mit dem Mercedes langsam zu seinem Ziel fuhr, summte er wieder diese Worte vor sich hin und freute sich auf die Begegnung mit Jane Kirkillian. Jane Kirkillian, die gute Seele des Yard. Jane Kirkillian, das Gedächtnis des Chief-Inspektors. Jane Kirkillian, die Frau, die man in einem wirklich üblen Zustand in Arthur Fendishs Wohnung auffinden würde.

Goodbye, Jane.

Kapitel 22

Was geschah da gerade?

Arthur Fendish versuchte, die Situation zu begreifen, in der er sich befand. Es ging ihm darum, die letzten Tage und Stunden in einem überschaubaren Raster einzuordnen und dort auch die Ereignisse vor zweiundzwanzig Jahren in diesem 10.000-Teile Puzzle zu integrieren. Fendish wollte strategisch vorgehen, wollte Zusammenhänge konstruieren und das Damals mit dem Heute verbinden.

Irgendwo gab es diese Zusammenhänge. Irgendwo in der Vergangenheit. Und diese Ereignisse mussten mit dem ersten Morden des Cutters in Verbindung stehen.

Die ersten Morde. Die ersten Opfer. Carl Grant, Lyndon Greenberg und Alisha Monahan.

Fendish erinnerte sich natürlich. Carl Grant, ein zweiunddreißigjähriger Durchschnittsbürger, keine Auffälligkeiten. Familienvater. Zwei Kinder. Sarah, seine Ehefrau. Die Verwandten, Nachbarn und Freunde bestätigten, dass es eine glückliche Familie war. Finanziell war alles okay. Es gab keine Feinde, Grant war kein Spieler, hatte nichts mit Drogen am Hut und gab sich alle Mühe, sein kleines Haus Monat für Monat pünktlich abzuzahlen. Familienidyll.

Grant wurde die Kehle von einem Ohr zum anderen  durchgeschnitten. Der Mörder trennte den kleinen Finger der linken Hand ab. Kein Familienidyll mehr.

Lyndon Greenberg? Eine komplett andere Situation. Greenberg war geschieden, schaffte es kaum, den Unterhalt für seine Frau aufzubringen und verspielte das bisschen Geld, das er nach Hause brachte, beim Pferderennen. Mitte Vierzig. Ein unangenehmer Zeitgenosse, der im Laufe von zehn Jahren siebzehnmal seinen Arbeitsplatz wechselte.

Mit einem Totschläger, den der Mörder am Tatort zurückgelassen hatte, wurde Greenbergs Kopf bearbeitet, bis der Kopf nicht mehr als Kopf erkennbar war. Auch Greenberg wurde ein Finger abgetrennt, diesmal aber der Mittelfinger der rechten Hand. Außerdem schnitt der Killer Greenberg das rechte Ohr ab.

Für die Ermittlungsbeamten und natürlich auch für Arthur Fendish, war der Anblick der Leiche von Alisha Monahan ganz besonders schwer zu ertragen. Anfangs hatten die Polizisten auch gedacht, dass es unmöglich ein weiterer Mord des Serientäters war, den damals noch niemand den ‚Cutter‘ nannte. Alisha Monahan war erst vierzehn Jahre alt, als sie ermordet wurde. Beide vorherigen Opfer waren Männer mittleren Alters. Dass der Mörder nun auch nicht davor zurückschreckte, Kinder zu töten, war an sich schon schwer zu ertragen; dass er darüber hinaus aber Alisha Monahan so grausam zerstückelte, wie es nur die Tat eines vollkommen irren Monsters sein konnte, produzierte Abscheu, unvorstellbaren Zorn und Hass bei den Beamten. Der Täter hatte Alisha alle Finger beider Hände abgeschnitten, oder besser gesagt ‚abgetrennt‘, denn wie die Untersuchungen zeigten, hatte der Mörder hierzu eine handelsübliche Kneifzange benutzt. Auch die Zehen beider Füße fehlten...

Arthur Fendish dachte daran, wie er, der damals noch kein Inspektor, sondern einer der Detektives war, den unbändigen Willen verspürte, dem Killer eigenhändig den Hals umzudrehen, wenn er ihn erwischte. Und dass man den ‚Cutter‘, wie der Täter nach dem Mord an Alisha Monahan von der Presse genannt wurde, wirklich fassen würde, stand für Fendish vollkommen außer Zweifel.

Jake Underbuck wurde für die Morde an Greenberg und Grant verurteilt. Den Mord an Alisha Monahan konnte man ihm nicht nachweisen, wenngleich der Richter in seinem Urteil ausdrücklich betonte, dass er persönlich von Underbucks Schuld in allen drei Fällen überzeugt sei.

„Und nun…?“ dachte sich Fendish. „Nun? Nun weiß ich, dass wir alle uns geirrt haben! Nun weiß ich, dass da draußen irgendwo ein Irrer frei herumläuft, der uns seit mehr als zwei Jahrzehnten zum Narren hält und jetzt wieder sein perverses Spiel spielt!“

Vollkommen in Gedanken versunken, wollte Fendish nach der alten Dame Abigail rufen. Es beruhigte ihn immer sehr, wenn er ihr seidiges Fell kraulte und Abigail genüsslich zu schnurren begann. Dann jedoch wurde ihm bewusst, dass er gar nicht in seiner Wohnung war und plötzlich erinnerte er sich wieder.

„Jake? Jake Underbuck? Wo, in Gottes Namen, ist hier der verdammte Lichtschalter…?“

Nach dem Gespräch auf der Friedhofsbank hatte Underbuck ihn zu einem Wagen geführt, in dem ein Mann am Steuer saß, den Fendish nicht kannte und wohl auch nicht kennen wollte. Underbuck verband Fendish die Augen. „Sie verstehen doch, oder, Arthur?“ fragte der Mann, der einmal der meistgesuchte Verbrecher des Königreiches war. „Die Leute, denen ich vertraue und die mir vertrauen, gehen ein Risiko ein, wenn der Inspektor außer Diensten uns begleitet. Kann gut sein, dass ein paar Jungs dabei sind, die ein gestörtes Verhältnis zu Ihnen haben. Aber mein Wort hat dort, wo wir hinfahren, immer noch Gewicht, Mr. Fendish. Vertrauen Sie mir auch?“

„Habe ich eine Wahl, Underbuck?“

Die Augen des Inspektors waren bereits verbunden. Er sah nicht, dass Jake Underbuck breit grinste, als er antwortete:

„Keine Wahl, Sir! Aber Sie haben ab jetzt einen Partner, Fendish. Wird Ihnen gefallen, wieder im Geschäft zu sein!“

Und dann sind sie kreuz und quer durch die Stadt gefahren, haben unzählige Male die Richtung gewechselt, um Fendish zu verwirren und sind vielleicht sogar weit außerhalb Londons an ihrem Ziel angelangt.

Fendish hatte versucht, die Zeit zu schätzen, die sie fuhren, aber nach ungefähr dreißig Minuten gab er diesen Versuch auf. Waren es zwei Stunden? Drei Stunden? Sinnlos, darüber nachzudenken.

Als der Wagen stoppte, hatte Fendish jede Orientierung und jedes Zeitgefühl verloren.

„Wir nehmen Ihnen die Augenbinde ab, sobald wir im Haus sind, okay, Sir?“ fragte Underbuck, wenngleich Fendish schon klar war, dass es keinerlei Alternative gab.

„Machen Sie, was immer Sie wollen, Jake!“

Fendish hörte, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde. Schien ein Sicherheitsschloss zu sein. Das Drehen eines alten Schlüssels hört sich anders an.

„Vorsicht, Sir, zwei Stufen.“

Dann ging es durch einen ungewöhnlich warmen Raum, von dem eine Treppe ins erste Stockwerk führte. Fendish spürte die ganze Zeit links und rechts starke Arme, die ihn führten.

„Gleich geschafft, Inspektor!“ hörte Fendish Underbuck sagen, als eine weitere Tür geöffnet wurde. Sie betraten einen Raum, der noch etwas wärmer zu sein schien.

„Ich nehme Ihnen nun die Augenbinde ab, Arthur. Wundern Sie sich aber bitte nicht über die Hitze hier drin. Wissen Sie eigentlich, dass ich die ganze Zeit im Knast gefroren habe? Seitdem hasse ich Kälte und übertreibe es vielleicht ein bisschen mit dem Heizen. Aber die Heizkosten sind, glaube ich, unser kleinstes Problem, oder, Arthur?“

Fendish hatte sich stundenlang mit Underbuck unterhalten. Sie sprachen über Jakes Zeit im Gefängnis, seine Verzweiflung und diese endlosen Tage und Nächte in der Zelle, in denen sich langsam Verzweiflung in Hass verwandelte. Underbuck erzählte Fendish von seiner Zeit vor den Morden, erzählte von Trisha, seiner damaligen Freundin, mit der er vielleicht heute noch zusammen wäre, wenn nicht irgendein Schweinehund den Verdacht auf ihn gelenkt hätte. Er erzählte von seinem Wunsch, Vater zu werden, davon, endlich ein ‚normales‘ Leben führen zu können, in dem seine Vergangenheit keine Rolle mehr spielt. Die halbe Nacht redete er mit dem Mann, den er zwei Jahrzehnte lang hasste und mit dem er nun in einem kleinen überhitzten Zimmer zusammen saß, als wären er und Fendish seit Ewigkeiten die allerbesten Freunde.

Irgendwann muss Fendish eingenickt sein. Fasziniert von Jakes Erzählungen, hatte er noch nicht einmal gefragt, wo er denn schlafen solle und wie Underbuck sich die folgenden Tage vorstellte. Arthur Fendish hörte nur zu, bis er einschlief und wachte erst auf, als er etwas Feuchtes an seiner Handfläche spürte. Ein bekanntes Gefühl, beruhigend und vertraut.

„Jake? Jake Underbuck? Wo, in Gottes Namen, ist hier der verdammte Lichtschalter…?“

Es dauerte keine Minute, bis eine Tür geöffnet wurde und jemand einen Lichtschalter betätigte. Fendish kniff die Augen zusammen, das grelle Licht einer ausgesprochen hässlichen Deckenleuchte tat seinen Augen weh und der Inspektor a.D. versuchte, sich langsam im Zimmer umzusehen.

Zuerst fiel sein Blick auf Jake Underbuck, der zufrieden lächelnd, vor der Bettcouch stand, auf der Fendish eingenickt sein musste. Und dann sah er eine gute alte Freundin, von der er dachte, dass sie längst durch den Chief-Inspektor einen Pflegeplatz gefunden hatte.

„ABIGAIL!“ entfuhr es Fendish freudig, die diese Freude erwiderte, indem sie mit einem Satz, den man der sechszehnjährigen Dame gar nicht zugetraut hätte, auf den Schoß ihres Herrchens sprang.

„Wie, verdammt nochmal, haben Sie das bloß hinbekommen, Jake?“

Kapitel 23

Der edel aussehende Mercedes 250/S kurvte bereits seit einer Stunde durch Southwark, fuhr die Lavington Street bis zu Great Suffolk Street, dann über die Surrey Road, die Loman und Pepper Street, zurück zur Lavington Street, wo sich die Wohnung von Arthur Fendish befand. Der Mann am Steuer, der sich alle Mühe gab, von möglichst vielen Leuten gesehen zu werden, nickte hier und da freundlich aus dem Wagen heraus und winkte ab und an Frauen und Männern zu, die interessiert dem schwarzen Mercedes hinterher sahen. Eine ältere Frau, für die er an einem Zebrastreifen hielt, grüßte ihn freundlich mit „Hallo, Mr. Fendish! Geht es Ihnen gut?“

„Mir geht’s blendend!“ erwiderte der Mann am Steuer, denn nun konnte er sich ganz sicher sein, dass es eine zuverlässige Zeugin gab, die ihn eindeutig identifizieren würde.

Nun, bester Laune, parkte der Mann den Wagen fast direkt vor der Wohnung des Inspektors außer Diensten, wobei er davon ausging, dass niemand vom Yard die Wohnung beobachtete. Zum einen hatte er bei seiner Fahrt durchs Viertel niemand ausmachen können und zum anderen wusste er durch seine Quelle beim Yard, dass man Fendish außerhalb der Stadt vermutete.

Irgendwann musste er sich um Marvin kümmern. Marvin war ein Sicherheitsrisiko, je länger er in als Informationsquelle nutzte. Außerdem konnte er sich nicht darauf verlassen, einem pädophilen Mitarbeiter des Yard zu vertrauen, der vielleicht irgendwann die Erpressung nicht mehr ertrug, sich aufhängte oder eine Kugel in den Kopf schoss und in einem Abschiedsbrief alle kleinen Geheimnisse ausplauderte, die niemanden etwas angingen.

„Ich werde Dir bald die Arbeit abnehmen, Marvin!“ dachte sich der Mann im blauen Kaschmirmantel. „Vielleicht schon in ein paar Tagen, mein lieber perverser Freund, dann brauche ich Dich nicht mehr.“

Von Marvin wusste der Mann auch, dass Chief-Inspektor Robert Lengly Jane Kirkillian beauftragt hatte, sich um diese alte Katze von Fendish zu kümmern. Den Nachschlüssel für die Wohnung des Inspektors hatte der Mann bereits vor Monaten angefertigt, so dass es für ihn ein leichtes war, in die Wohnung zu gelangen, um dort auf Jane Kirkillian zu warten.        

Dieser kleine Perverse hatte ihm schon so manchen guten Dienst erwiesen. „Alles eine Frage der Zeit!“ dachte sich der Mann, als er kurz darüber nachdachte, wie einfach es doch war, Marvin O`Brian als idealen Spitzel auszukundschaften. Immerhin hatte der Mann fast fünf Jahre über eine verschlüsselte E-Mail Adresse, die nicht zurückverfolgt werden konnte, mit pädophilen Fotos nach dem richtigen Kerl gesucht, der in sein Klischee passte.

Beim Yard arbeiteten über dreitausend Leute. Die Wahrscheinlichkeit, dass unter ihnen ein Liebhaber pädophiler Schweinereien sein musste, war relativ hoch. Dass dann dieser Marvin O`Brian so blöd war und seine ‚Sammlung‘ in einer Tauschbörse anbot, die über einen Server in der Ukraine betrieben wurde, hätte O`Brian längst in die Fänge cleverer Fahnder getrieben. Nur einer Information des Mannes, der in O`Brian lediglich die Fliege sah, die der Spinne zur Nahrung diente, hatte es der Perverse zu verdanken, noch nicht entdeckt worden zu sein.

„Ich könnte Sie jederzeit auffliegen lassen, Marvin! Stellen Sie sich nur vor, welche Folgen das hätte. Abgesehen davon, dass Sie für ein paar Jahre in den Knast gehen, wird man Sie dort als pädophiles Schwein überaus willkommen heißen! Männern, die auf kleine Kinder stehen, lässt man dort eine ganz spezielle Behandlung zukommen, wie Sie sich vielleicht denken können. Dass es mit Ihrem Job für alle Zeiten vorbei ist, stellt dagegen ein winziges Problem dar, oder, Marvin?“

Trotzdem war es nur eine Frage der Zeit, bis man O`Brian erwischte. Als Fliege hatte er ausgedient, ist gründlich verdaut worden und konnte nun entsorgt werden, nachdem der Job hier erledigt war.

Wenn O`Brians Informationen stimmten, musste Jane Kirkillian in einer halben Stunde aufkreuzen. Lengly hatte ihr einen Schlüssel für die Wohnung gegeben, was dem Chief-Inspektor keine großen Schwierigkeiten bereitet hatte.

„Sie können das Kätzchen mit zu sich nehmen, oder Sie bringen es in ein gutes Tierheim, okay? Und die Kosten, Jane, übernehme ich. Das bleibt allerdings unter uns beiden, wenn Sie verstehen!“

Jane Kirkillian hatte verstanden. Sie würde die Katze von Arthur Fendish mit zu sich nach Hause nehmen, denn sie liebte Tiere. Ihr eigener Kater ‚Ramses‘ war vor einem Jahr von einem Auto überfahren worden und so kam Jane die Idee des Chief-Inspektors ganz gelegen.

„Sie können sich wie immer auf mich verlassen, Sir!“

Noch fünf Minuten. Der Mann wusste, dass Jane Kirkillian für ihre Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit berühmt war und so hätte er ein Vermögen darauf verwettet, in exakt fünf Minuten zu hören, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde.

„Enttäusche mich ja nicht, Jane!“ dachte der Mann, während er sich im Bad von Fendish im Spiegel betrachtete.

„Perfekt, Arthur, wirklich perfekt!“

Ein paar Minuten später wusste er, dass man sich wirklich auf Jane verlassen konnte. Der Schlüssel drehte im Schloss und die Wohnungstür öffnete sich.

Kapitel 24

Der Mann hatte seinen Kaschmirmantel abgelegt, um beweglicher zu sein. Er versteckte sich im Bad, das sich rechts von der Wohnungstür befand und hielt die Tür nur einen winzigen Spalt weit geöffnet. Eine innere Vorfreude durchströmte ihn, als würde sich gleich sein sehnlichster Wunsch erfüllen. Schnell griff er noch einmal in die Manteltaschen, um sich zu vergewissern, dass seine Arbeitsutensilien griffbereit waren. Totschläger, Kneifzange und, man weiß ja nie, was geschieht, ein Küchenmesser, wie es gleichen Typs auch in der Küche von Arthur Fendish zu finden war. Die rechte Hand des Mannes umklammerte den flexiblen Griff des Totschlägers; er hörte, wie die Wohnungstür zurück ins Schloss fiel und verharrte nun mit erhobenem rechten Arm, um möglichst viel Schwung in seinen Schlag gegen Jane Kirkillians Kopf legen zu können.

Durch den schmalen Spalt erkannte der Mann den etwas altmodischen aussehenden beige- und grüngemusterten Popeline-Mantel, registrierte die halblangen grauen Dauerwellen und dann das markante schmale Gesicht der guten Seele vom Chief-Inspektor. Alle Muskeln im Körper des Mannes spannten sich, bereit zum tödlichen Schlag, bereit, dem Leben von Jane Kirkillian ein Ende zu setzen. In der nächsten Sekunde würde der Schädel der Frau wie eine Melone zerplatzen und ihm, dem Mann, der Arthur Fendish imitierte, Befriedigung verschaffen.

Jane Kirkillian war nun auf gleicher Höhe mit dem Türspalt, hinter dem ihr Schicksal lauerte. Sie freute sich darauf, Abigail mit sich nehmen zu dürfen und hatte extra eine kleine Dose Katzenfutter in ihrer Handtasche verstaut. ‚Wild in Soße für kleine Katzen-Gourmets‘.

„Abigail! Komm, Kleines, ich habe etwas Leckeres für Dich, Du süßes Kätzchen...!“  

Der Mann stieß die Tür auf, legte alle Kraft in den Schlag und ließ den Totschläger heruntersausen, um Jane Kirkillians Kopf mit Wucht zu zerschmettern.

Kapitel 25

„Wenn sie das Katzenvieh ins Tierheim bringt, wenn wir uns alle in Arthur Fendish irren und wenn wir ihm Unrecht tun, wird er doch noch zum Mörder, sofern seiner Abigail etwas zustößt. Man weiß schließlich nicht, was mit der Katze im Tierheim geschieht...!“ sinnierte Robert Lengly, während er die Tasse Tee an die Lippen setzte. Fendish nannte diesen Tee stets nur ‚Yard-Brühe, die keine Sau runterwürgen konnte‘.

Lengly griff zum Telefon und wählte die Durchwahlnummer von Eileen Rogers, die während der Abwesenheit von Jane Kirkillian Lenglys Termine verwaltete.

„Eileen, ich bin für ungefähr eine Stunde außer Haus, okay? Bitte stellen Sie alle wichtigen Anrufe auf mein Handy um. Und, Eileen, vergessen Sie auf keinen Fall, Miss Miller daran zu erinnern, dass ich die Auswertung des Profils von Fendish bis 18:00 Uhr brauche!“

Er würde schnell in die Wohnung von Arthur Fendish fahren und hoffte, dort noch Jane anzutreffen. Auf keinen Fall durfte er zulassen, dass diese alte Katzendame ins Tierheim gebracht wurde und er war sich sicher, die gute Jane davon überzeugen zu können, sich selbst um Abigail zu kümmern.

Kapitel 26

Vielleicht lag es daran, dass Jane Kirkillian sich gerade nach vorne beugte, um nach Abigail Ausschau zu halten. Vielleicht lag es auch am Gespür der  erfahrenen Mitarbeiterin von Robert Lengly, auf jeden Fall sorgte eine plötzliche Bewegung von Jane dafür, dass sie der Schlag des Mannes knapp verfehlte und Jane Kirkillian nur den Luftzug des herabsausenden Totschlägers spürte. Etwas in ihr reagierte instinktiv richtig, obwohl sie niemals in ihrem Leben mit einer auch nur annähernd vergleichbaren Situation konfrontiert war. Im Bruchteil einer Sekunde begriff sie, dass eine tödliche Gefahr lauerte, vor der sie sich schützen musste.

Jane Kirkillian, die gute Seele, die in knapp einem Jahr in Ruhestand gehen würde, dachte gar nicht daran, sich einfach so erschlagen zu lassen. Auch mit zweiundsechzig Jahren hatte sie stets darauf geachtet, sich körperlich fit zu halten, joggte jeden Abend eine Stunde am Themseufer bis zur Erschöpfung und lebte auch ansonsten ein in jeder Beziehung erfülltes Leben, wenn man einmal davon absah, dass sie niemals verheiratet war und auch derzeit keinen Mann an ihrer Seite hatte.

Sie wusste, dass es um Leben oder Tod ging.

Um Distanz zum Angreifer zu finden, ließ sie sich auf den Boden fallen und versuchte, auf allen Vieren kriechend, das Wohnzimmer zu erreichen, das sie vom Flur aus sehen konnte. Sie wollte ihren Kopf schützen, wollte es irgendwie schaffen, unter den schweren Eichentisch zu gelangen, den sie sah, als sie plötzlich eine Hand an ihrem Bein fühlte. „Verdammtes Miststück...!“ schrie eine Stimme und sie registrierte, wie eine zweite Hand nach ihrem Bein griff und die gnadenlos zurück in den Flur zog.

Seltsam, aber jetzt, in dem Moment, als sie fürchten musste, ermordet zu werden, schossen ihr die verrücktesten Gedanken durch den Kopf. Wo war Abigail? Was würde Lengly zu ihrem Tod sagen? Würde er vielleicht ein paar Tränen wegen ihr vergießen?

War Arthur Fendish wirklich der Cutter...

Jane Kirkillian wollte das Gesicht des Angreifers sehen. Sie wollte wissen, wer sie umbringt. Sie zog ihr linkes Bein, das der Mann noch nicht ergriffen hatte, fest an ihren Körper, um es dann mit aller möglichen Kraft in die Richtung zu stoßen, in der sie den Kopf des Mannes vermutete. Gleichzeitig drehte sie sich etwas zur Seite, um das Gesicht des Mörders sehen zu können. In dem Moment, als Jane Kirkillian mit ihrem Fuß den Kopf des Mannes verfehlte, aber dessen Schulter hart traf, durchfuhr sie ein Schock, der furchtbarer kaum sein konnte.

„...Arthur?“ schrie sie laut auf, während der Mann, den Jane für Arthur Fendish hielt, ihr einen schmerzverzerrten und hasserfüllten Blick zuwarf und zum finalen Schlag mit dem Mordinstrument ausholte. „Stirb, Miststück!“ brüllte der Mann mit krächzender Stimme und Jane Kirkillian wusste, dass ihr Leben nicht einmal mehr am berühmten seidenen Faden hing.

Kapitel 27

Lengly war froh, dass Fendish nicht in der vierten Etage dieses Hauses wohnte. Irgendwie war ihm heute so gar nicht nach körperlicher Anstrengung, wenngleich er durchaus in bester Verfassung war. Dennoch sehnte er sich nach einer möglichst langen Erholungsphase, nach Ruhe und nach ein paar stressfreien Wochen, in denen er nicht an Dreckschweine wie diesen Cutter denken musste. Urlaub! Sich drei, oder besser gleich vier Wochen am Stück irgendwo weit ab von Mord und Brutalität die Sonne auf den Bauch knallen lassen. Raus aus diesem nassen ungemütlichen Klima und an nichts Böses denken.

Aber in seiner Position, das wusste Lengly nur zu gut, gab es wohl niemals diese unbeschwerten Urlaube. Wenn er Glück hatte, konnte er sich vielleicht im nächsten Jahr für ein paar kümmerliche Tage freinehmen und konnte endlich seine Schwester Margaret in Deutschland besuchen.

Vor dreizehn Jahren hatte Margaret diesen deutschen Staatsanwalt geheiratet. Einen Staatsanwalt! Einen deutschen Staatsanwalt! Gab’s denn hier keine gutaussehenden, netten und eventuell sogar wohl situierte Staatsanwälte? Musste es ausgerechnet ein Deutscher sein? Robert Lengly lächelte, als er an seine erste und bislang einzige Begegnung mit Alexander Wollschmid dachte. Wollschmid! So heißt doch kein anständiger Mensch, oder?

Zugegeben, dieser Alexander war ihm durchaus sympathisch. Er war humorvoll, was Lengly vor seiner Begegnung mit Wollschmid für vollkommen unmöglich bei einem Deutschen gehalten hatte. Alexander war auf eine sehr angenehme Art freundlich, aufmerksam und überdurchschnittlich intelligent. Er besaß ein wunderschönes großes Haus, was Lengly zu dem Schluss kommen ließ, dass Staatsanwälte in good old Germany deutlich besser verdienen mussten, als die meisten Anwälte, die auf dieser Insel die Interessen des Staates vertraten.

Dreizehn Jahre war es nun also schon her, dass er Margaret und Alexander gesehen hatte. Man schrieb sich zwar regelmäßig und telefonierte viel miteinander, aber die passende Gelegenheit, beide in München zu besuchen, hatte sich nie ergeben.

„Vielleicht im nächsten Jahr“ überlegte Lengly, als er ganz in Gedanken versunken, durch die offen stehende Haustür zu Fendishs Wohnung ging.

Als Robert Lengly gerade an der Klingel läuten wollte, hörte er ein lautes Rumpeln und Krachen, das aus der Wohnung zu kommen schien. Er war, als würden Möbelstücke umgeworfen und kurz darauf rief jemand böse, wie es Lengly selten gehört hatte: „Ich bringe Dich um, Miststück!“. Lengly zögerte nicht lange. Er wusste, dass Jane Kirkillian in der Wohnung sein musste und fürchtete, dass sie einem Einbrecher begegnet war. Ohne Nachzudenken, trat Lengly mit aller Kraft die Wohnungstür ein und stürmte in das Zimmer. Reflexartig hatte er seine Dienstwaffe, die er stets bei sich trug, aus dem Halfter gerissen, sie entsichert und versuchte, ein Ziel auszumachen. Wieder Schrei, diesmal erkannte er Janes Stimme. Lengly sah seine Sekretärin auf dem Fußboden, sah einen Mann, der Janes Bein mit einer Hand umklammert hielt und in der anderen Hand einen schwarzen Gegenstand auf Janes Körper schlagen wollte.

„AUFHÖREN, POLIZEI!“ brüllte Lengly, doch der Mann, der mit einem langen Mantel bekleidet war, schien gar nicht daran denken zu wollen. „RAUF MIT IHNEN, ODER ICH SCHIESSE!“. Lengly überlegte kurz, ob er die Waffe zur Seite legen sollte, um den Mann mit beiden Händen von Jane wegzuziehen. Offenbar handelte es sich nicht um einen jungen Drogensüchtigen, der versucht hatte, in der Wohnung Bargeld zu stehlen und dabei von Jane Kirkillian überrascht wurde. Lengly sah, dass es sich um einen älteren Mann handelte, einen Mann, den er zu kennen glaubte.

In diesem Moment hatte Jane erneut nach dem Gesicht des Mannes getreten, der daraufhin ihr Bein losließ, um dem Tritt ausweichen zu können. Er dreht sich nach hinten und starrte dabei mit weitaufgerissenen Augen den Chief-Inspektor an.

„Fendish, Sie verdammter...!“

Alles geschah in weniger Sekunden. Offenbar hatte der Mann verstanden, dass er keine Chance hatte, Jane zu töten. Nun galt es, sich in Sicherheit zu bringen und Lengly daran zu hindern, ihn  festzunehmen.

Überraschend für das Alter des Mannes sprang er vom Boden hoch, versetzte Lengly mit der Handkante einen Schlag gegen den rechten Arm und schaffte es so, dass Lengly die Waffe fallen ließ. Nur einen kurzen Augenblick hatte der Chief-Inspektor einen Blick in Richtung seiner Sekretärin geworfen, doch dieser Moment der Unaufmerksamkeit reichte dem Mann, um Lengly dorthin zu treten, wo jeder Mann extrem schmerzempfindlich ist. Der Chief-Inspektor krümmte sich vor Schmerzen zusammen, wollte noch in der Vorwärtsbewegung versuchen, die Waffe wieder zu erreichen, wurde aber von einem Schlag mit dem Totschläger, der Lenglys Schläfe streifte, niedergestreckt.

Jane Kirkillian, die sich inzwischen unter den Tisch geflüchtet hatte, kroch wieder hervor und hatte schnell eine schwere Vase vom Tisch gegriffen. Wie eine Furie, die keinerlei Angst kannte und sich nicht um die Folgen ihres Angriffs scherte, stieß sie einen Schrei aus, riss die Vase hoch über ihren Kopf und wollte auf den Mann losstürzen.

„Ein anders Mal, Jane...!“ hörte sie den Mann schwer atmend sagen, der Jane noch einen Blick zuwarf, den sie wohl niemals in ihrem Leben vergessen würde. Kalte Augen, in denen das Böse zu wohnen schien, fixierten Jane Kirkillian, als ginge es darum, sie zu durchbohren. Die Gesichtszüge des Mannes, oder besser von ‚Arthur Fendish‘, den Jane ja zu erkennen glaubte, erinnerten sie an einen Dämon, eine Bestie, irgendein Wesen, das nur in furchtbarsten Albträumen wohnte und sich am Leid armer Seelen labte. War dieser Mann wirklich Arthur Fendish?

War er es wirklich?

Jane beobachtete noch, wie der Mann durch den Flur Richtung Treppenhaus stürmte. 

Robert Lengly lag unbeweglich auf dem Boden. An seiner linken Schläfe sickerte Blut aus einer Wunde und Jane Kirkillian, am ganzen Leib zitternd, näherte sich ihrem Chef in der Gewissheit, dass Fendish ihn ermordet hatte.

Kapitel 28

Genau genommen, war alles viel besser als erhofft abgelaufen, wenn man einmal davon absah, dass diese alte Schachtel ihm beinahe einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Und Lengly? Okay, es war knapp, verdammt knapp, dass er entkommen konnte. Und dass Lengly plötzlich auftauchte, hatte er in seinem Plan nicht vorgesehen. Aber andererseits....

Das grauhaarige Miststück von Sekretärin hatte sich als ganz schön zäh erwiesen, aber lebend war sie natürlich eine noch bessere Zeugin dafür, wer sie angegriffen hat! Und Lenglys theatralisches Erscheinen perfektionierte den Umstand geradezu, dass nun keinerlei Zweifel mehr an Arthur Fendishs Schuld bestanden. Überall im Land wird nun Jagd auf Fendish gemacht und, da war sich der Mann ganz sicher, kein verdammter Polizist wird sich sonderlich Mühe geben, Fendish lebend festzunehmen. Ab jetzt hielt man den ehemaligen Inspektor vom New Scotland Yard für einen Serienmörder, einen gewissenlosen Mädchenmörder und eben jenen ‚Cutter‘, der den Chief-Inspektor samt dessen Sekretärin umbringen wollte. So einer verdiente es nicht, zu leben!

Nachdem er aus der Wohnung geflüchtet war, würde es höchstens fünf Minuten dauern, bis ein ganzes Heer von Polizisten eintraf. Weitere zehn Minuten später war dann das gesamte Viertel abgesperrt und bei all diesem Trubel gab’s reichlich Stoff für die Presse, die für eine rasante Verbreitung der Neuigkeiten sorgen würde.

Marvin O`Brian hatte für ein gutes Versteck gesorgt, in dem der Mann den auffälligen Mercedes unterstellen konnte. Er hatte keine Verwendung mehr für diese alte Kiste. Das gleiche galt dann wohl auch für Marvin, seinen Informanten beim Yard, der ebenfalls überflüssig wie ein Kropf geworden ist. Schlimmer noch: Marvin stellte ein permanentes Sicherheitsrisiko dar, das schnellstmöglich beseitigt werden musste!

Der Mann war froh, wieder an dem Ort zu sein, der ihm vertraut und sicher war. Abgelegen war das Haus ohnehin, hohe Hecken und Sträucher des verwilderten Gartens sorgten außerdem dafür, dass keine neugierigen Blicke auf das Grundstück, geschweige denn auf das Haus fielen und selbst dann, wenn es doch jemandem gelänge, sorgten die stets geschlossenen Fensterläden für die nötige Ruhe vor Störenfrieden.

Längst hatte der Mann jeden Blick für Harmonie und Ordnung verloren. Es kümmerte ihn nicht, wie hoch der Staub auf Regalen, Tischen und Schränken lag; er sah nicht mehr die unzähligen Flecke, die alle Muster der Teppiche überdeckten und störte sich nicht am muffigen Geruch, der vom Keller ausgehend, das ganze Haus nach Tod und Fäulnis riechen ließ.

Das Obergeschoss und den Dachboden hatte der Mann seit mindestens einem Vierteljahrhundert nicht mehr betreten. Selbst ihn, dem Menschenleben nicht mehr bedeuteten, als der Dreck unter seinen Schuhsohlen, hinderte die Erinnerung an Menschen daran, die Stufen heraufzusteigen. Erinnerungen? Waren sie es nicht, die sein Handeln bestimmten? Waren es nicht Erinnerungen, die ihn tagein tagaus quälten, sich wie böse Geister in seinem Verstand eingenistet hatten, um ihn niemals zur Ruhe kommen zu lassen?

Erinnerungen...

Zwölf Stufen, dann siebzehn Schritte bis zum kleinen Geräteschuppen. „Hose runter, Bastard!“ Die rauchige Stimme seines Vaters ließ ihn fast mehr zittern, als die Erwartung der Hiebe auf den nackten Arsch. „Ich werde Dich lehren, Du kleiner Lump...!“

Nach den ersten fünf Schlägen, die er mit dem Stolz ertrug, nicht zu schreien, spürte er den Schmerz kaum noch. Längst war sein Hintern von Narben übersät, die sich kreuz und quer ins Fleisch gefressen hatten. Tagelang würde er nicht sitzen oder auf dem Rücken liegen können, es sei denn, sein Vater hatte wieder einmal zu viel gesoffen und musste seinen Lebensfrust am Sohn auslassen, bevor die frischen Wunden halbwegs verheilt waren.

„Du sollst schreien, Bastard...!“ brüllte der Alte wie von Sinnen, doch der Junge biss die Zähne zusammen und ertrug alle Schmerzen, ohne einen Laut von sich zu geben.

Zwei Tage vor seinem sechszehnten Geburtstag geschah es dann.

„Was glotzt Du mich so blöde an, kleine Missgeburt, hm? Brauchst wohl wieder eine Lektion, wie?“

Der Alte war so besoffen, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, doch selbst jetzt, in diesem Zustand, klang seine Stimme noch immer so wie ein Fleischermesser, das sich langsam in ein Schwein bohrte, um es vom Hals bis zum Schwanz aufzuschlitzen. Mittlerweile stand diese furchterregende Stimme allerdings im Gegensatz zur Erscheinung des Alten, die vom vielen Alkohol gezeichnet, keine Furcht mehr beim Jungen produzierte.

„Mitkommen!“ befahl der Alte seinem Sohn, während er schweren Schrittes zur Haustür wankte, sicher gerade noch am gusseisernen Geländer festhalten konnte, das einem half, die abgerundeten Stufen zum Garten ohne Sturz zurücklegen zu können. „In den Schuppen mit Dir und Hose runter!“ lallte der Alte und der Junge, der seinem Vater an Statur und Kraft längst überlegen war, folgte gehorsam!

Der Alkohol hatte dafür gesorgt, dass der Alte nicht schnell genug bemerkte, wie sein Sohn nach der Axt griff, die links neben der Schuppentür, an der Wand, befestigt war. Erst als der Junge das alte rostige Ding hoch erhoben hielt, streckte der betrunkene Vater in einem Anflug plötzlicher Nüchternheit seine Arme nach oben, als könnte er so den Schlag abwehren. Er schrie mit brüchiger Stimme und nun war es Todesangst statt brutaler Härte, die der Junge aber nur mit einem eiskalten Lächeln quittierte.

„Was tust Du da? Du kannst doch nicht...!“

Doch, er konnte!

Die schwere Axt sauste mit aller Kraft, die dem Jungen zur Verfügung stand, mit allem Hass, der sich seit so vielen Jahren aufgestaut hatte und mit dämonischer Befriedigung nach unten, trennte zuerst die rechte Hand des Vaters ab, die er vors Gesicht gehalten hatte, drang dann in den Schädel des Alten ein und spaltete ihn, wie einen morschen Holzscheit.

Erinnerungen. Welchen Nutzen haben sie? Wozu dienen sie? Nun gut, sie nähren den Hass, aber sie verzehren auch und nehmen sich, was immer sie vorfinden, bis schließlich von dem, der hasst, nur noch ein jämmerlicher Haufen Asche übrig ist, den der Wind in alle Richtungen weht.

Kurz überlegte der Mann, wie sein Leben ohne Erinnerungen verlaufen wäre. Ohne Erinnerungen? An irgendetwas erinnerte sich wohl jeder Mensch. Aber die Erinnerungen, die ihn antrieben, quälten und niemals zur Ruhe kommen ließen, waren anders! Sie waren erfüllt von furchtbaren Ereignissen, wegen derer sich andere Menschen längst ein Ende gemacht hätten.

Da waren sie wieder, diese unvorstellbaren Schmerzen in seinen Gelenken! Es war, als würden die Erinnerungen ein Eigenleben entwickeln, als würden sie sich in den Knie- und Schultergelenken einnisten, sich ihren Platz Händen und Fingern suchen, um alle Gelenkflüssigkeit in staubtrockenen Sand zu verwandeln. Sie brachten die Gelenke zum Knirschen, wie grobes Schleifpapier, das auf einer Glasplatte rotiert.

Er ging in die Küche, um die jede Hausfrau mit halbwegs existierendem Ordnungssinn einen riesen Bogen gemacht hätte, öffnete die Tür eines hässlichen braunen Hängeschrankes, wie man ihn selbst in billigsten Secondhand-Läden kaum bekommen würde und holte ein wenig ansehnliches Glas heraus, in dem er seine Pillen aufbewahrte. Zwei der hellgelben Pillen warf er ein, drehte den Wasserhahn etwas auf und hielt seinen Mund unter den Wasserstrahl. In etwa zwanzig Minuten würde das Zeug wirken und das musste es auch, denn er brauchte dringend etwas Schlaf.

Wenn er schlief, würden die Träume zurückkehren. Sie kamen immer, sobald er im Schlaf versank. Erinnerungsträume. Diese verdammten Erinnerungen, die er nicht aus seinem Kopf verbannen konnte und die ihn andererseits am Leben hielten.  

„Du weißt, dass ich das alles nur für Dich und Samantha tue, nicht war, Liebes?“

„Das weiß ich, mein lieber Mann! Aus diesem Grund werde ich auch immer bei Dir sein, ich und auch unsere kleine Sam. Die Zeit der Buße ist endlich gekommen, Liebster. Sam und ich wollen, dass sie büßen, was sie getan haben! Hörst Du? Sie sollen büßen! Und ganz besonders er...!“


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