Zeit der Buße, Teil 3

 

Fortsetzung...

 

 

Kapitel 29

„Sir? Mister Lengly? Leben Sie noch? Sir? Sagen Sie doch bitte etwas, wenn Sie noch am Leben sind, Sir!“

„Wie sollte ich denn etwas sagen, wenn ich nicht mehr am Leben wäre, Sie verdammt tapfere Miss Kirkillian?“

Robert Lengly war nicht tot. Der Totschläger hatte ihn nur gestreift und eine hässliche, aber nicht lebensgefährliche Wunde an seiner Schläfe hinterlassen. Dass er nicht tot war und sogar zu einem kleinen Späßchen aufgelegt war, erleichterte seine Sekretärin ungemein, denn sie schätze ihren Chef viel mehr und auf eine Art, über die sie niemals, niemals ein Sterbenswörtchen verlauten lassen würde.

„Gott, bin ich froh, Sir! Sie sehen wirklich furchterregend aus, Mr. Lengly. Das viele Blut...“

„Halb so wild, Jane. Mein Kopf wird sich ein paar Tage anfühlen, als sei eine Atombombe darauf explodiert, aber das wird schon wieder. Was ist denn mit Ihnen, Jane? Sind Sie verletzt? Dieser Kerl wollte sie wohl gerade ins Jenseits befördern, als ich...“

„...als Sie mir das Leben gerettet haben, Sir! Und dafür danke ich Ihnen bis an mein Lebensende, Mr. Lengly! Wenn Sie nicht die Tür aufgebrochen hätten, dann...“

„...dann würde ich mir das nie verzeihen, beste Jane! So! Wir müssen schnell telefonieren, okay? Wie lange war ich denn bewusstlos, Miss Kirkillian?“

„Nur ein paar Minuten, Sir. Hier, nehmen Sie mein Handy, Mr. Lengly, meine Hände zittern nämlich noch immer! Gott, bin ich froh, dass wir das überlebt haben! Sie haben doch auch gesehen, wer uns umbringen wollte, oder?“

„Fällt mir schwer, das zu sagen, aber es war  tatsächlich Fendish, Jane. Wir alle haben uns in ihm getäuscht!“

„Das haben wir wohl alle, Sir. Und Sir...?“

„Was ist, Jane?“

„Die Katze, Sir. Hier ist keine Katze!“

Kapitel 30

Arthur Fendish hatte tatsächlich tief und fest geschlafen, obwohl er anfänglich befürchtete, dass die Zimmertemperatur von mindestens fünfundzwanzig Grad ihn umbringen würde. Stattdessen aber muss er wie ein Baby fast sieben Stunden geschlafen haben und streckte sich genüsslich auf der aufgeklappten Bettcouch aus.

Er sah auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass es auf die Minute genau zehn Uhr morgens war. Ein für diese Jahreszeit und für diese Gegend seltener Besucher kitzelte sein Gesicht, als müsste er den Inspektor außer Diensten ein wenig aufheitern und ihn ans Aufstehen erinnern. Arthur Fendish genoss den Sonnenstrahl wie einen zärtlichen Kuss, der ihn für einen Augenblick von der ganz und gar nicht zärtlichen Realität ablenkte.

Offensichtlich hatte Underbuck irgendwann am Morgen die Jalousie hochgezogen und musste auch die Heizung heruntergedreht haben. „Wir werden noch die besten Freunde, Jake!“ dachte Fendish, während er gleichzeitig registrierte, dass dunkle Wolken den Sonnenstrahl verdrängten, als würden sie Arthur zwingen wollen, endlich der Wirklichkeit ins Auge zu sehen.

Nun gab es die Gelegenheit und auch einen Moment Muße, sich in dem Zimmer umzusehen, das ihm Jake Underbuck als Unterschlupf abgetreten hatte.

Es war ein kleiner quadratischer Raum von etwa fünfzehn Quadratmetern, der spartanisch, aber durchaus sauber und ordentlich eingerichtet war. Vor der aufgeklappten Schlafcouch stand ein flacher schwarzer Couchtisch, wie er für die 70er Jahre und für Haushalte mit dürftigem Einkommen typisch war: viel zu flach, aus irgendeinem Material, das nur sehr entfernt an Holz erinnerte und mit Furnierumrandungen, die wahrscheinlich gleich nach der Anschaffung angefangen hatten, abzubrechen.

Für ein Zimmer, das offenbar seit Jahrzehnten keine Renovierung erfahren hatte, sah es zwar nicht gerade gemütlich, aber durchaus ‚erträglich‘ aus. Irgendjemand musste hier regelmäßig mit weiblicher Gründlichkeit verhindern, dass sich Spinnenweben verbreiteten und sich der Staub wie ein Tuch auf die wenigen Möbelstücke legte.

Fendish sah keinen Fernseher und kein Radio, bemerkte aber stattdessen auf dem einzigen Regal im Zimmer ein analoges Handdiktiergerät, an dem ein Blatt DIN A4 Papier befestigt war. Erst jetzt fiel Fendish auf, dass er lediglich mit einer Unterhose bekleidet war und dass seine Hose, sein Hemd, die Krawatte und das Jackett auf zwei Bügeln verteilt, an einem Garderobenständer neben der Tür hingen.

„Habe ich mich selbst ausgezogen, oder...?“

Der Inspektor wollte diesen Gedanken nicht zu Ende spinnen. Er erhob sich von der Bettcouch und ging erst einmal zum Regal, um einen Blick auf den Zettel zu werfen, der an Diktiergerät hing. Offenbar hatte jemand eine Nachricht für Arthur Fendish auf das Blatt Papier geschrieben und er begann, zu lesen:

„Haben Sie gut geschlafen, Arthur? Ich hielt es für richtig, ein harmloses Mittel in Ihren Tee zu geben, damit Sie ein paar erholsame Stunden Schlaf bekommen. Hoffentlich nehmen Sie’s mir nicht übel, aber ich habe Sie bettfertig gemacht, als Sie eingeschlafen waren. Glauben Sie mir bitte, dass ansonsten nichts zwischen und passiert ist, Inspektor...!

Die Zimmertür ist nicht abgeschlossen, aber es wäre vielleicht besser, wenn Sie nicht ausgehen würden. Ein paar Typen, die in der Gegend wohnen, könnten sich unliebsam an Sie erinnern. Dann gibt’s auch noch die gesamte Polizei im Land, die nach Arthur Fendish als dem ‚Cutter‘ sucht. Bin so schnell es geht zurück und berichte Ihnen, was ich herausgefunden habe, okay?

P.S.: Hören Sie sich mal das Band an, Arthur. Sie werden verstehen, wieso wir jetzt ein verdammt unangenehmes Problem haben!

Jake Underbuck“

Arthur Fendish nahm sich das kleine Panasonic Diktiergerät und drückte die Wiedergabe-Taste. Sofort war eine etwas blechern klingende Stimme zu hören, die der Inspektor zu kennen glaubte:

„...sie wird gegen 11:00 Uhr in der Wohnung sein. Lengly hat ihr gesagt, dass sie sich um die Katze kümmern soll und ich bin sicher, dass die blöde Kuh wie immer pünktlich und natürlich auch ganz alleine dort aufkreuzt.“

Dann eine Stimme, die Fendish nicht kannte, die ihm aber überaus unangenehm erschien:

„Sie wissen, was geschieht, wenn Sie mich reinlegen, Marvin? Dass Ihre Karriere dann beendet ist und Sie als Pädophiler im Knast landen, wird Ihr kleinstes Problem sein. Zuvor werde ich ihnen nämlich ihrem kümmerlichen Schwanz abschneiden und Sie anschließend in einem Präsentkorb dem Yard schicken, O`Brian!“

Marvin O`Brian! Fendish wusste, dass er die Stimme kannte! So hatte also der Killer seine Informationen über Aktionen des Yard erhalten! Dieses verdammte Arschloch O`Brian, das der Inspektor noch nie mochte und dem er am liebsten aus dem Weg ging, war also der Informant des Cutters!

„Die Kirkillian hat’s mir selbst gesagt, Sir! Sie wollte, dass ich ihr Katzenfutter besorge und ich habe sie gefragt, für welche Katze, weil sie ja selbst keine mehr hat. Und dann...“

„Das interessiert mich nicht, O`Brian. Wenn ich die Sache mit Jane Kirkillian erledigt habe, müssen wir uns treffen. Es gibt da etwas, über das wir persönlich reden müssen. Ich rufe Sie wieder an!“

Mehr war auf dem Band nicht zu hören. 

Jetzt war Fendish wirklich wieder in der Realität und diese Realität sah nicht gut aus! Er, der bislang angesehene Inspektor des Yard wurde als Serienmörder gesucht. Wie es aussah, gab es genügend Beweise und Zeugen, so dass Fendish den Rest seiner Tage nicht gemütlich in seiner Wohnung, sondern im Gefängnis verleben würde, sofern er dem Spuk nicht rechtzeitig ein Ende machte. Er war auf der Flucht und in irgendeiner Bude, irgendwo in oder um London, von einem Typen versteckt worden, den er selbst für über zwanzig Jahre hinter Gitter gebracht hatte. So, wie es aussah, gab es einen verdammt gefährlichen Killer, der es auf ihn abgesehen hatte und der wahrscheinlich erst mit dem Morden aufhörte, wenn er sein Ziel erreicht hatte.

Aber was war das Ziel des Mörders? Und wieso hatte er damals, vor dreiundzwanzig Jahren, den Verdacht mit Erfolg auf Underbuck gelenkt, statt sich gleich um Fendish ‚zu kümmern‘? Welche Rolle spielte Jake Underbuck in diesem Film, der selbst eingefleischte Optimisten nicht an ein Happy End glauben ließ?

Ein Klopfen an der Tür riss den Inspektor aus dem Nachdenken.

„Ich bin’s, Arthur. Jake!“

Fendish zuckte zusammen. „Himmel, so fühlt es sich also an, wenn man gesucht wird!“ grummelte er zu sich selbst, während ihm bewusst wurde, dass er noch immer nicht angezogen war.

„Kommen Sie rein, Jake; wie ich halbnackt aussehe, wissen Sie ja leider schon...!“

Kapitel 31

Erstaunlich, wie einfach damals alles war.

Zehn Tage, nachdem er seinen Vater mit der Axt erschlagen hatte, erstattete er eine Vermisstenanzeige bei der Polizei. Er gab an, dass sein Vater schon des Öfteren tagelang verschwunden war, wenn er wieder einmal Geld in der Tasche hatte. „Mein Daddy trinkt immer so viel, Sir!“ sagte der kleine Junge. „Daddy war schon einmal fast eine ganze Woche nicht zu Hause und ich wusste überhaupt nicht, von was ich einkaufen sollte. Was soll ich nur machen, wenn Daddy nicht mehr zurückkommt, Sir...?“

Man sah in ihm einen ordentlich gekleideten, keineswegs verwahrlosten und sich gut artikulierenden Jugendlichen. Stunden hatte er damit zugebracht, sich das Blut und herausgespritztes Hirn aus Haaren, Gesicht und von den Händen zu waschen, hatte seine eigenen blutverschmierten Klamotten und auch die des Vaters im Kamin verbrannt, bis irgendwann auch der letzte Rest der schweren Wolljacke des Vaters in Rauch aufstieg. 

Natürlich wollten die Beamten wissen, wo seine Mutter war und wieso sie sich denn nicht um ihn kümmerte, aber er konnte glaubhaft versichern, dass sich seine Mutter Cora für zwei Wochen zu Verwandten geflüchtet hatte, weil sie die Sauferei ihres Mannes nicht mehr ertragen konnte. Den Umstand, dass die Mutter ihren Mann und ihren Sohn schon vor über zwei Jahren verlassen hatte, verschwieg der Junge, denn ansonsten hätte man ihn wahrscheinlich sofort der Obhut des Jugendamtes übergeben, auch wenn er bereits sechszehn Jahre alt war.

Die Beamten schluckten seine Geschichte. Er verkaufte den Beamten geschickt, dass seine Mutter, im Gegensatz zum Vater, sehr zuverlässig war und das es keinen Zweifel gab, dass sie zurückkommen würde. Auf Nachfrage der Polizistin, eine sehr freundlichen und noch sehr jungen Beamtin mit halblangen blonden Haaren, ob man denn die Mutter nicht irgendwie bei den Verwandten erreichen könne, sagte der Junge, es gäbe so unendlich viele Verwandte, dass er nicht sagen könne, wo seine Mutter hingereist sei.

Er musste einen sehr glaubhaften Eindruck hinterlassen haben, denn die blonde Polizistin gab dem Jungen eine Adresse beim Jugendamt, wo man ihm ein wenig Geld geben würde, mit dem er solange auskommen konnte, bis die Mutter zurück sei.

Artig verabschiedete er sich bei den Beamten, lächelte die Blondine freundlich, aber nicht zu auffällig an, denn immerhin war er ja todtraurig, weil sein Daddy verschwunden war. Auf den Weg zum Jugendamt und somit auch auf das Geld verzichtete er, denn er hatte nicht die geringste Lust, dort weitere, wahrscheinlich intensive und bohrende Fragen, zu beantworten.

Er war alleine, endlich alleine. Lediglich die Frage, wieso er seinem Vater nicht viel früher den Schädel gespalten hatte, wurmte ihn ein wenig, aber es überhaupt getan zu haben, produzierte ihm ein unheimlich intensives Hochgefühl.

Sie würden seinen Vater niemals finden. Mit neunundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit suchte man gar nicht erst nach ihm, weil es keinen Hinweis auf ein Verbrechen oder einen Selbstmord gab. Zum anderen rissen sich die Beamten nicht gerade um den Job, einen vermissten Alkoholiker zu suchen, der vielleicht nur sein Geld bei Nutten ließ oder es beim Zocken verprasste. Es gab wichtigere Arbeiten für die Londoner Polizei und den netten Sechszehnjährigen, der nicht den Eindruck machte, in seiner Verzweiflung zu ertrinken, würde schon irgendwie klarkommen.

So lange war das alles schon her, dass der Mann sich nicht einmal mehr an das Gesicht seines Vaters erinnern konnte. Seine Schläge, seine Brutalität und seine Beschimpfungen hatten sich zwar für alle Zeiten in seinem Bewusstsein eingebrannt, aber ein Gesicht hatte der Mann, der ihn gezeugt hatte, nicht mehr.

Die folgenden drei Jahre nach dem Mord am Vater brachte sich der Junge mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsjob durch, bis er eines Tages Post von der BRITISH LIFE ASSECURANZ erhielt. Gerichtet war der Brief zwar an den Vater, aber der ruhte ja schon lange, portioniert in kleinen Plastiksäckchen, im Garten und interessierte sich nicht mehr für die Eingangspost.

„...Ihnen mitteilen zu können, dass der Zeitpunkt zur Auszahlung Ihrer Kapital-Lebensversicherung erreicht ist.“

Es folgte noch eine Menge unverständlicher Kauderwelsch, der den Jungen nicht interessierte. Was ihn jedoch interessierte, war die Summe, die am Ende des Briefes in dicken Lettern vermerkt war:

„...beträgt die Auszahlungssumme insgesamt 122.917,00 Pfund inklusive Ansparkapital und Gewinn-Überschussbeteiligungen, die wir Ihnen vereinbarungsgemäß in den nächsten Tagen als Scheck per Post zustellen werden.“

So einfach war alles und so einfach hätte es in seinem Leben weitergehen können. Geld war genug da, Daddy trieb ihn nicht mehr in den Garten, um ihn im Schuppen zu misshandeln und Mom sollte besser bleiben, wo sie war, wenn sie nicht ebenfalls in Plastiktüten und im Garten enden wollte. Die Schule hatte er gar nicht mal so schlecht zu Ende gebracht, eben wie sich’s für einen guterzogenen Jungen gehörte und mit dem ausgezahlten Geld der Lebensversicherung musste er sich keine Sorgen um seine Zukunft machen.

Es gab eine paar belanglose, wenn auch hin und wieder ganz intensive Liebeleien, ein oder zweimal glaubte er sogar, verliebt zu sein und wurde schnell eines Besseren belehrt, als immer wieder spürte, dass offenbar keine ernsthafte Beziehung geben konnte, bei der er nicht immer einen Teil seiner Identität preisgeben sollte, der niemanden außer ihn selbst zu interessieren hatte.  So dauerten seine Affären niemals länger als zwei Monate, nach denen er den enttäuschten Mädchen mitteilte, dass er sich anderweitig verliebt habe und dass sie ihn bitte nicht mehr anrufen solle. „Wenn Du mich noch einmal anrufst, werde ich Dir sehr wehtun müssen, hast Du verstanden?“

Keines der Mädchen rief ihn danach noch einmal an.

Er konnte es sich leisten, in den Tag hinein zu leben, konnte so lange schlafen, wie er wollte und scherte sich einen Dreck um die Meinung der Nachbarn, die ihn hin und wieder misstrauisch ansahen, sich aber niemals trauten, ihn auf seine Eltern anzusprechen. Vielleicht lag es an seiner mürrischen Art, die nur auf junge Frauen einen gewissen Reiz ausübte, vielleicht lag es auch daran, wie er seinen Garten umzäunte und bepflanzte, so dass er praktisch von außen vollkommen uneinsichtig wurde. Jedenfalls gab es irgendwann nicht die geringste Kommunikation zwischen ihm und Nachbarn, man vergaß ihn sogar irgendwann und kümmerte sich nicht weiter um ihn.

Eines Tages lernte er in einem Café Amy kennen und von da an veränderte sich sein Leben. Amy war anders, als alle Mädchen, die er zuvor kennen gelernt hatte. Sie wollte ihn nicht verdrehen, verändern, durchleuchten oder einen Teil seiner Identität stehlen. Amy schien ihn so zu lieben, wie er war, nahm ihn mit all seinen Ecken und Kanten und sah überdies so bezaubernd aus, wie er sich immer seine Traumfrau vorstellte.

Sie war Einundzwanzig und er Vierundzwanzig, als sie die erste gemeinsame Nach in seinem Haus verbrachten und es war eine Nacht, die von selbstloser Liebe, Zärtlichkeit und Vertrauen erfüllt war. Wie er ihren Körper liebe, ihre festen Brüste und ihre samtene Haut, so liebte er auch ihre Fähigkeit, mit ihm zu kommunizieren, ohne ein Wort mit ihm zu wechseln. Alles in ihnen vereinigte sich und er erinnerte sich, dass er ihr sagte, sie könnten auch eineiige Zwillinge sein, da sie etwas verband, das unmöglich zwischen Menschen existieren konnte, die sich erst seit ein paar Wochen kannten und nicht denselben Vater und dieselbe Mutter hatten.

Was er niemals für möglich gehalten hatte, geschah in dieser Nacht: Er sagte zum ersten Mal in seinem Leben einer jungen Frau, dass er sie liebt und küsste ihre Tränen weg, während sie liebevoll sein Gesicht streichelte und ihn mit einem Blick ansah, den er niemals in seinem Leben vergessen würde.

Am nächsten Morgen fragte sie ihn nach seinen Eltern, wollte etwas aus seinem Leben erfahren und ihm zeigen, wie sehr sie daran teilhaben wollte, doch er bat sie, ihm Zeit zu lassen. „Es gibt so vieles, das Du wissen sollst, aber bitte lass mir Zeit, ja? Meine Eltern leben nicht mehr hier und irgendwann werde ich Dir erzählen, was zwischen ihnen und mir vorgefallen ist. Kannst Du warten, Amy?“

Amy machte keinen Versuch, weiter in seine Vergangenheit einzudringen. Sie schenkte ihm ein Lächeln und erwiderte: „Wenn Du es möchtest, wirst Du mir etwas erzählen. Bis dahin bleiben wir im Bett liegen und lieben uns, okay? Und wenn’s ein paar Jahre dauert, was macht das schon, hm? Ich müsste nur in ein oder zwei Wochen meine Eltern anrufen und sagen, dass ich viel zu glücklich bin, um nach Hause zu kommen!“

Nur ein halbes Jahr später, in denen kein Gramm Glück verlorenging, stattdessen aber um ein paar Kilo Liebe bereichert wurde, heirateten die beiden. Auch Amys Eltern hatten sich irgendwie damit abgefunden, dass es zu den Eltern des jungen Mannes nichts zu hören gab und da sie ihren neuen Schwiegersohn schnell in ihr Herz geschlossen hatten und spürten, wie glücklich Amy mit ihm war, beließen sie es dabei, vorerst keine Fragen zu stellen.

Ein gutes Jahr später kam Samantha zur Welt und das Glück, das eigentlich keine Steigerung erfahren konnte, explodierte förmlich zu einer Beziehung, die nur für die Ewigkeit gemacht sein konnte.

Dann aber kam dieser bewusste Tag, der das Leben des jungen Vaters aus der Bahn warf, der ihm den letzten Glauben an Gott und an Gerechtigkeit raubte und der aus ihn einen anderen, einen hassenden Menschen machte. Alle Liebe in ihm erstarb und verwandelte sich in brutale gefühllose Kälte, die sich mit jedem darauf folgenden Tag von der Sucht nach Rache nährte.

Kapitel 32

„Zehn Morde, die damaligen drei Morde des Cutters noch gar nicht mitgezählt! Im Vereinigten Königreich hat es noch nie etwas Vergleichbares gegeben, Lady und Gentleman! Abgesehen davon, dass uns die Presse schon längst für unfähig erklärt hat, dass der Innenminister und selbstverständlich auch der Premierminister meinen Kopf bereits angesägt haben, damit er in Kürze auf das berühmte silberne Tablett fällt, sind das noch die kleinsten Probleme, die mich nachts nicht in den Schlaf kommen lassen. Was mir jedoch langsam aber sicher den Angstschweiß auf die Stirn treibt und mir die Luft zum Atmen raubt, ist der Gedanke daran, dass es weitere Morde geben wird und dass wir, da sind wir uns doch wohl einig, keinen Millimeter in unseren Ermittlungen weitergekommen sind, oder sehe ich das falsch?“

Chief-Inspektor Robert Lengly stand mit hochrotem Kopf und schwer atmend, an der Stirnseite des Besprechungsraumes. Er hatte sich mit den Händen auf der Tischplatte abgestützt, stellte sich nun gerade hin und der Schweiß von seinen Händen hinterließ deutlich sichtbare Abdrücke auf dem polierten Holz.

„Vernon, Sie koordinieren alle involvierten Abteilungen. Gibt es auch nur den winzigsten Hauch eines Ermittlungsfortschritts oder tappen wir, nach der Pleite mit Underbuck und der Flucht von Fendish, weiterhin im Dunkeln?“

Vernon Ascot, der Abteilungsleiter des MPS und von den anderen Abteilungsleitern auserkoren, die Brücke zwischen ihnen und Lengly zu bilden, blickte betreten zuerst zum Chief-Inspektor und dann zu Candice Anne Miller, die mit der permanenten psychologischen Fallanalyse betraut war, wenngleich sie mit ihrer anfänglichen Einschätzung zu Jake Underbuck ziemlich danebengelegen hatte. Obwohl sie zur Zeit der ersten Morde, also vor zirka dreiundzwanzig Jahren, gerade ihre Zeit in den Hörsälen der Boston Psychological University verbrachte, war sie es doch, die Jake Underbuck in ihrer Diplomarbeit als ‚Musterbeispiel für zu spät erkannte psychopathische Persönlichkeit mit dominantem Potential für triebgesteuerte Gewalttaten‘ beschrieb.

Candice Anne Miller hatte dazu gelernt.

„Was ist nun, Vernon?“ raunzte Lengly Vernon Ascot an, der zwar ein überdurchschnittlich gutes, fast freundschaftliches Verhältnis zu Lengly pflegte, aber sehr wohl wusste, wann dem Chief-Inspektor mit distanziertem Respekt zu begegnen war. Obwohl er als einziger Mitarbeiter des Yard Robert Lengly bei seinem Vornamen ansprechen durfte, hielt er es für das richtige, in diesem Moment darauf zu verzichten.

„Bei allem Respekt, Chief-Inspektor, aber wir stehen nicht mit so leeren Händen da, wie es die Presse schildert. Immerhin wissen wir nun, wer der tatsächliche Cutter ist, wissen ihn überdurchschnittlich gut einzuschätzen, weil wir ihn alle, die wir mit dem Fall betraut sind, persönlich, zum Teil sogar freundschaftlich kennen, beziehungsweise ihn zu kennen glaubten.“

Lengly stand immer noch vor dem Tisch. Da Candice Anne Miller wie auch Ascot saßen, warf er ihnen von oben herab einen wenig freundlichen Blick zu und erwiderte:

„Du kannst Dir das Gequatsche für den nächstbesten Pressevertreter aufsparen, Vernon! Was ich, was wir jetzt dringend brauchen, sind Fakten, verstehst Du? Und Sie, Miss Miller, verstehen das auch? Insgesamt sind sechsundvierzig Beamte auf den Fall angesetzt, die Abteilungsleiter hierbei noch nicht einmal berücksichtigt. Jeder Constable auf der Straße hat das Bild unseres guten alten Arthur in der Tasche. Alles Material aus Bewachungskameras wird mit doppeltem Personal rund um die Uhr abgeglichen, damit uns der Schweinehund nicht noch länger zum Narren hält. Und was haben wir bis jetzt, hm? Was sagtest Du, Vernon? Wir stehen nicht mit leeren Händen da? Und wie soll ich unser Ermittlungsdesaster sonst nennen? Wie soll ich der Bevölkerung klarmachen, dass man sich nicht mehr lange Sorgen zu machen braucht? Und wie soll ich dem Innenminister glaubhaft versichern, dass wir das richtige Personal auf den Fall angesetzt haben? Dass wir kompetent den Fall lösen werden, bevor noch ein Dutzend Menschen getötet werden?“

Lengly wischte mit dem rechten Ärmel des Jacketts die Schweißflecke von der Tischplatte ab, die seine Hände wieder hinterlassen hatten, setzte sich endlich auf seinen Stuhl und fuhr dann schwer atmend und sichtlich erschöpft fort:

„Miss Miller, Arthur, gibt es irgendeine Entwicklung, die ein winziges bisschen Hoffnung verspricht? Also: Gibt es etwas Neues im Fall Fendish?"

So kannte Candice Robert noch nicht. Zwar hatte sie ihn schon oft in kritischen Situationen erlebt, wenn er mit seinem löchrigen Nervenkostüm kämpfte, aber immer war sie sich sicher, dass er letztendlich felsenfest an eine Lösung des Problems glaube, wie immer diese Lösung auch aussehen mochte. Nun aber machte er einen fast bemitleidenswerten Eindruck und sie war sich nicht mehr so sicher, ob Robert die Situation hundertprozentig unter Kontrolle hatte.

Candice Anne Miller wusste, dass Robert in sie verliebt war. Vielleicht liebte sie ihn auch. Bestimmt liebte sie ihn sogar, wenngleich sie davon überzeugt war, dass sie, im Gegensatz zu Robert, ihre Gefühle niemals aus dem Ruder laufen lassen würde. Solange der Chief-Inspektor und sie zusammen beim Yard arbeiteten, würde es bestenfalls eine auf wenige Stunden im Monat reduzierte Liaison geben, aber niemals eine feste Beziehung mit allen Konsequenzen.

Candice Anne Miller erhob sich ebenfalls von ihrem Stuhl, um Robert Lengly zu antworten. Dabei zeigte sie ihm ein überlegtes, intelligentes und zuversichtliches Gesicht und sagte mit fester Stimme etwas, mit dem sowohl Ascot, als auch Lengly nicht gerechnet hatten:

„Bei Underbuck haben wir uns alle geirrt. Nun irren wir uns bei Arthur Fendish! Ich bin davon überzeugt, dass es einen Unbekannten gibt, der uns genau in die Richtung lenkt, die wir gerade einschlagen, Robert!“

Der Chief-Inspektor schwieg fast eine volle Minute, in der sein zuvor krebsrotes Gesicht sichtlich blasser wurde, sah dabei Candice Anne Miller irritiert an und blickte anschließend zu Vernon Ascot, der seinerseits fassungslos zu Miss Miller blickte.

„Das ist jetzt nicht wahr, oder?“ blafften die beiden Herren fast zeitgleich und Vernon Ascot, der als erster die Fassung wieder erlangte, meinte:

„Sie machen Witze, nicht wahr? Sie werden uns doch nicht ermittlungsrelevante Informationen vorenthalten haben, um sich jetzt besser profilieren zu können?“

Lengly unterbrach Ascot unwirsch:

„Kein schweres Geschütz, Vernon! Hören wir uns erst einmal an, wie Miss Miller zu ihrer neuen Erkenntnis kommt.“

Ascot nickte, wobei man ihm deutlich ansah, wie verärgert er Miss Millers Ausführungen entgegen sah. 

Kapitel 33

16. Mai 1981

Amy liebte die frische Luft, überhaupt liebte sie die Natur und genoss jede freie Minute, die sie mit der süßen zweijährigen Samantha im Garten verbringen konnte.

Wie schön die Welt doch war! Die Entscheidung, ihre erste große Liebe zu heiraten, erwies sich mit jedem neuen Tag als eine gute Entscheidung, denn der Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte, war nicht nur ein verständnisvoller, liebevoller und zärtlicher Ehemann, er war auch ein wunderbarer Vater für Sam, die jedes ab und an aufkeimende Stimmungstief mit ihren strahlend blauen Augen wegzauberte und in ein Lächeln verwandelte.

Obwohl Amys Mann immer betonte, ein hundsmiserabler Handwerker zu sein, der, mit zwei linken Händen gestraft, nicht einmal zwischen Hammer und Schraubendreher unterscheiden könne, hatte Amy ihn gebeten, der kleinen Sam eine Schaukel im Garten zu bauen. Anfangs weigerte sich der angeblich unbegabte Mann mit Händen und Füßen, versprach eine todschicke Schaukel im Baumarkt zu kaufen und informierte sich im Internet über Firmen in der Nähe, die, natürlich für teures Geld, Gartenschaukeln anlieferten und auch aufstellten, aber dann ließ er sich von Amys liebevollen Bitten und Sams erwartungsfrohen Augen überreden.

Er saß stundenlang in seinem Arbeitszimmer, plante, rechnete, kalkulierte und zeichnete, bis er schließlich Lust bekam, die schönste Schaukel für das süßeste Kind der Stadt zu bauen!

Volle zwei Tage lang brauchte ihr Mann, bis er einen Stapel Zeichnungen griff, Sam einen dicken Kuss auf die Wange drückte, Amy mit strahlenden Augen einen mindestens ebenso dicken Kuss auf den Mund gab und dann losfuhr, um das nötige Material für die ‚Super-Schaukel‘ im Toom-Baumarkt einzukaufen.

Amy hörte ihren Mann fast eine Woche lang hämmern, fluchen, jubeln, schimpfen und auch brüllen, wenn wieder einmal die Hammerspitze statt des Nagels einen Daumen traf. Er schraubte, maß von links nach rechts, von oben nach unten und begann schließlich, das Ergebnis seiner Mühe mit roter und blauer Farbe anzumalen.

„Ich bin sicher, dass niemand im Land eine rotblaue Schaukel im Garten hat...!“ rief er Amy zu, die vom Haus aus darauf wartete, mit Sam zusammen, die Schaukel endlich bewundern zu dürfen. „Ich muss nur noch den Sitz befestigen und dann könnt Ihr beiden kommen, okay?“ rief er Amy zu.

Es dauerte noch einmal eine halbe Stunde, bis er die beiden rief, um ihnen das Meisterstück seiner Handwerkskunst zu präsentieren.

Amy hielt Samantha auf dem Arm, hatte ihr die rechte Hand vor die Augen gehalten, um sie erst in dem Moment wegzunehmen, als sie direkt vor der Schaukel standen. Als Amy dann die fertige Schaukel, die rot und blau gestrichene Schaukel mit dem orange lackierten Sitzbrett sah, das ihr Mann auch noch mit lauter kleinen blauen Punkten bemalt hatte, konnte sie’s gar nicht fassen.

„Sam! Sieh nur, was Dein Daddy für Dich gebaut hat! Die allerschönste Schaukel der ganzen Welt!“ jubelte sie, während sie die Hand von Sams Gesicht nahm, die mit weit aufgerissenen strahlenden Augen Daddys Arbeit bestaunte. Sam juchzte vor Freude, klatschte in die Hände und konnte es kaum abwarten, unter den Zweigen des prall gefüllten Pflaumenbaums hin und her zu schaukeln, bis der Himmel ihre kleinen Füßchen kitzelten.

Samantha und Amy ahnten es natürlich nicht und selbst Amys Ehemann hatte es für ein paar Stunden vergessen, aber tief in der Erde unter der Schaukel, wo Amy gerade vor Vergnügen juchzte, moderte der gespaltene Kopf eines Mannes in einem Plastiksack vor sich hin...

Sie waren eine glückliche Familie.

Kurz nach dem Mittagessen hob Amy Samantha in den Buggy, setzte ihr ein kleines rotes Cape auf, um die blasse Gesichtshaut des Mädchens vor der Sonne zu schützen, gab ihrem Mann einen zärtlichen Abschiedskuss. Die nächsten drei Stunden würden sie und Sam spazieren gehen, vielleicht kurz die Großeltern des Mädchens besuchen, die nur eine knappe halbe Stunde Fußweg entfernt wohnten, um dann weiter zum großen Spielplatz Tower Hamlets im Victoria Park zu wandern, wo es einen riesigen Sandkasten und dieses kunterbunte Karussell gab, von dem Sam gar nicht mehr herunterkommen wollte, wenn sie erst einmal aufgestiegen war. Eine Menge Kinder, fast alle in Sams Alter, spielten dort, während es meist ausschließlich Mütter waren, die am Rande des Spielplatzes auf Holzbänken saßen und rege plappernd, Erfahrungen mit dem Nachwuchs austauschten.

Sam freute sich so auf das Karussell, dass Amy auf den Besuch bei ihren Eltern verzichtete. „In zwei Stunden müssen wir aber wieder zu Hause sein, Liebes! Daddy möchte noch etwas mit Mom besprechen und Mom möchte Deinem Daddy auch etwas ganz, ganz Wichtiges mitteilen, Schatz!“

Amy war ganz froh, dass sie ihre Eltern nicht besuchen würden, denn Amy wusste, dass sie dann bestimmt die Neuigkeit ausgeplaudert hätte, die sie aber Ihrem Mann zuerst berichten wollte. „Du kannst Dich bald über ein kleines Brüderchen oder Schwesterchen freuen, Liebes...!“ sagte Amy zu Sam, die noch zu klein war, um vollständig zu verstehen, weshalb ihre Mom so glücklich aussah.

Normalerweise wäre Amy mit Sam auf dem breiten, von kleinen Reihenhäusern umrandeten Weg geblieben, um zum Spielplatz zu gelangen, aber die Vorfreude auf die gute Nachricht, die sie ihrem Mann mitteilen wollte, ließ sie etwas ungeduldig vom Weg abweichen, um eine Abkürzung zu nutzen, die ihr fast zehn Minuten Lauferei ersparte. „Halt Dich schön fest, Sam, es holpert jetzt ein bisschen, okay? Wir sind schon bald beim Karussell, Liebling!“

Es war ein herrlicher sonniger Tag. Zuerst war da die wunderschöne Schaukel, die ihr Mann für Sam gebaut hatte, obwohl sie’s ihm eigentlich nicht zugetraut hatte, und dann war da auch noch die fantastische Nachricht über bevorstehenden Nachwuchs. Sam sah noch süßer aus, je näher sie dem Spielplatz kamen und auch Amys Laune wurde von der Vorfreude in wolkige Höhen katapultiert, wenn sie daran dachte, wie ihr Mann die gute Nachricht aufnehmen würde.

Er war ein guter Daddy. Amy und er hatten schon ein paar Mal über ein zweites Kind gesprochen und sie war überglücklich, als er den gleichen Wunsch äußerte, den sie auch hatte:

„Ein zweites Kind? Okay! Aber nur ein zweites Kind, wenn es danach noch ein drittes Kind gibt, Schatz! Und das dritte Kind will ich nur, wenn es danach ein viertes Kind gibt. Wenn wir ein viertes Kind haben, kann ich natürlich auf das fünfte Kind nicht verzichten und das heißt, dass nur noch ein einziges Kind zum halben Dutzend fehlt, Liebling. Dann noch sechs Kinder und mein Glück mit Dir ist fast komplett, es sei denn, Du möchtest nach dem zwölften Kind noch ein paar niedliche...“  

Sie wusste, dass er sich mit ihr freuen würde. Nachher, wenn sie wieder zuhause waren. Nachher.

Nachher.

Am 16. Mai 1981 gab es kein Nachher für die kleine Familie. Es gab kein Nachher, es gab keine Zukunft und es gab nichts, das Amy ihrem Mann mitteilen konnte. An diesem Tag endete das Glück in Tower Hamlets und etwas anderes, etwas Böses, nahm seinen Lauf!

Kapitel 34

Dachte er doch tatsächlich, besonders schlau zu sein, dieser perverse Arsch? Die Tatsache, dass er als untere Charge beim Yard arbeitete, zeichnete ihn noch lange nicht als cleveres Kerlchen aus. Außerdem gehörte Marvin O`Brian zu all den anderen pädophilen Wichsern, die von ihren krankhaften Neigungen und nicht vom Verstand geleitet wurden.

Was hatte sich O`Brian bloß dabei gedacht, einen kleinen schmierigen Aufpasser zu engagieren, um sich Deckung zu verschaffen? Glaubte O`Brian ernsthaft, dass er auch nur die winzigste Chance hatte, gegen das Unvermeidliche anzukämpfen?

Der Mann grinste innerlich, als er O`Brian beobachtete, der so unauffällig, dass es auffälliger kaum ging, erst nach links, dann nach rechts schaute, im 10-Sekunden-Abstand auf die Armbanduhr sah, von einem Bein aufs andere trat, als würde ihn eine Primaner-Blase quälen und dann wieder gewohnt auffällig die Umgebung mit den Augen absuchte.

Etwa zwei Minuten später griff O`Brian in seine Hemdtasche, holte ein modernes flaches Handy hervor und drückte eine Taste. Der Mann, der Arthur Fendish verdammt ähnlich war, konnte sehen, wie O`Brian daraufhin aufgeregt ins Handy sprach und gleichzeitig noch auffälliger die Umgebung beobachtete.

Knapp einhundert Meter entfernt sah der Mann, mit wem O`Brian telefonierte. Ein schmieriger Typ, eine räudige abgerissene Hyäne stand mit angezogenen Schultern, halb auf dem Hintern hängenden Jeans und mit falsch herum aufgesetztem Baseball-Cape auf der anderen Straßenseite und quatschte immer dann in sein Handy, wenn O`Brian gerade eine Sprechpause einlegte. Die Beiden plauderten offenbar aufgeregt miteinander und der dieses Mal gar nicht so schick gekleidete Mann, der die Szene amüsiert verfolgte, wusste genau, was nun zu tun war.

„Du musst mir sofort Bescheid geben, wenn Du ihn siehst, Mike. Ich habe ihn doch gut genug beschrieben, oder?“

„Geht schon klar, Marvin. Die Fresse sehe ich garantiert, wenn er sich hier rumtreibt. Was hast Du gesagt? Wann seid Ihr verabredet? 23:00 Uhr?“

„So blöd bist Du nicht wirklich, oder? Habe ich’s Dir nicht tausendmal gesagt? Er wird um 23:00 Uhr hier sein, also exakt in zehn Minuten. Sobald Du ihn siehst, wirf Du einen Stein in eine Scheibe, egal, in welche, klar? In dieser beschissenen Gegend kümmert das keine Sau, okay? Und dann schleicht Du Dich von hinten an den Kerl ran und haust ihm den Knüppel über den Schädel. Aber sei vorsichtig, der Schweinehund ist gefährlicher als er aussieht, Mike!“

„Sehe ich etwa aus wie einer, der sich blöde anstellt, hä?“

„Die Antwort willst Du jetzt nicht hören, Arschloch! Also pass gefälligst auf, wenn der Sack auftaucht!“

Aus seinem Versteck konnte er gut hören, was O`Brian seinem Kumpel sagte. „Der Sack ist schon da, Ihr Schwachköpfe. Und wie er da ist...!“

Es ging alles so schnell, dass die Hyäne erst bemerkte, dass es keine Gelegenheit geben würde, sich an irgendjemanden heranzuschleichen, als er für den Bruchteil einer Sekunde einen Schatten hinter sich registrierte. Eine kräftige Hand riss ihn zurück, während die andere Hand des Mannes der Hyäne die Gurgel zudrückte, so dass die Hyäne keine Chance hatte, O`Brian zu warnen. Die Hand drückte so lange auf die Gurgel, bis der Mann sicher war, dass die Hyäne das Bewusstsein verloren hatte. In der nun freien linken Hand blitzte kurz ein Messer auf, mit dem der Hyäne die Kehle von einem zum anderen Ohr die Kehle aufgeschlitzt wurde. Ein letztes, für O´Brien aber unhörbares Glucksen entwich dem Mund des talentlosen Aufpassers und dann war das letzte Leben aus ihm gewichen.

„Nun bist Du dran, O`Brian!“

Marvin O`Brian hatte nicht das Glück des schnellen Ablebens, wie es der Hyäne beschieden war. Für ihn, den pädophilen Mitarbeiter vom New Scotland Yard, hatte der Mann, der trotz der angenehmen und regenfreien Temperaturen einen wasser-undurchlässigen und fast bis zum Boden reichenden Regenmantel trug, ein ganz besonderes Szenario erdacht, das die Freunde vom Yard völlig aus der Fassung bringen würde.

„Mike?“ O´Brian versuchte, die Hyäne zu erreichen. „Mike? Siehst Du ihn schon?“

Der Mann mit dem wasserabweisenden Umhang hatte sein Versteck verlassen. Reichlich auf seinem Umhang gespritztes Blut zeigte, dass der Mann weniger mit Regen, als mit Mengen dieses roten Saftes gerechnet hatte, der sich in Kürze mit dem Blut Marvins zu einem öligen Film vermischen sollte.

„Mike kann nicht mehr kommen, Marvin!“ flüsterte der Mann O´Brian ins Ohr, der fürchterlich zusammenzuckte, als er die Stimme des Mannes vernahm, der offenbar nicht mit eingeschlagenem Schädel sein Wissen über Marvin mit ins Grab nehmen würde. „Du bist tatsächlich so dämlich, wie ich’s mir immer gedacht habe, Marvin!“ fügte der Mann mit süffisanter Stimme hinzu und stieß O´Brian gleichzeitig die Spitze des Ellenbogens so heftig in den Rücken, dass O´Brian vor unerträglichen Schmerzen in die Knie ging und um Luft rang.

Röchelnd versuchte O´Brian, sich am Umhang des Angreifers hochzuziehen, glitt jedoch ab, weil das Blut seines Kumpels einen glitschigen Schmierfilm darauf gebildet hatte. „Sie dürfen mir nichts tun..., ich schwöre, dass ich...“

Der Mann riss den Kopf des Mannes an den Haaren zurück, so dass O´Brian nun in gebückter Haltung nach oben in das böse grinsende Gesicht von Mikes Mörder sah. „Ich darf schon, Marvin. Und schwören brauchst Du nicht, weil ich denke, dass Du schon viel zu viele Meineide geschworen hast. Hatte ich Dir eigentlich schon einmal gesagt, wie abstoßend ich Dich finde? Nein? Nun, dann tue ich das hiermit!“

Marvin O´Brian versuchte, etwas zu erwidern, aber in dem Moment, als er den Mund aufmachte, hatte der Angreifer die Zunge Marvins mit zwei Fingern gepackt und zog sie weit aus Marvins Mund. O´Brian fuchtelte ängstlich mit den Armen; er versuchte, sich trotz der Schmerzen zu erheben und stammelnde unverständliche Laute, die den Mann, der seine Zungenfest zwischen den Fingern hielt, animierte, noch breiter zu grinsen. Der Mann im Regenumhang bückte sich ein wenig, um mit der freien Hand in eine Tasche zu greifen, die neben ihm auf dem Boden stand. Mit irre vor Angst glänzenden Augen verfolgte Marvin die Bewegung des Mannes und verzehnfachte seine Anstrengungen, sich zu befreien, als er sah, was der Mann nun in seiner Hand hielt.

„Na, Marvin, Du ahnst wohl schon, was gleich geschieht, nicht wahr?“ flüsterte der Angreifer, nun wieder dicht mit dem Mund an Marvins Ohr. Marvin strampelte wie ein Berserker, doch bot ihm die hockende Position, in der er sich befand ebenso wenig Möglichkeiten, sich zu befreien, wie andererseits seine körperliche Schwäche, die bestenfalls ausreichte, seinen ‚kleinen Jungs‘, auf die er so stand, Gewalt anzutun.

„Jetzt wird’s etwas kompliziert, Marvin! Also: Ich möchte, dass Du nun Deine Hose ausziehst, auch Deine Unterhose, okay? Ist nicht so leicht, weil ich Deine Zunge weiter festhalten werde, damit Du keine Dummheiten machst. Alle klar? Hose und Unterhose. Jetzt! Und bitte nicht so langsam, ja?“

Zur Bekräftigung seines Wunsches drückte der Mann die Zungenspitze Marvins brutal zusammen und zog gleichzeitig an ihr, bis Marvin, vor Schmerzen wimmernd, heftig mit dem Kopf nickte, was seine Schmerzen nochmals steigerte.

„Brav, Marvin! Los, fang schon an!“

Drei Minuten später hatte Marvin sich irgendwie in gekrümmter Position windend, aus Hose und Boxershorts gequält und Sabber lief aus seinen Mundwinkeln. Er wollte um Gnade betteln, doch was aus seinem weit geöffneten Mund kam, war nur das röchelnde Grunzen eines Schweins, das die bevorstehende Schlachtung in aller Konsequenz begriffen hatte.

Jetzt erst machte der wasserundurchlässige Umhang des Mannes richtig Sinn, denn im gleichen Moment, in dem der Mann die Zunge Marvins losließ, schnellte eine Hand zu Marvins Unterleib, packte dessen Hodensack und auch seinen Penis, umschlossen das Genital und zogen kräftig daran, während die zweite Hand, in der sich ein Skalpell befand, Hodensack und Penis vom Körper Marvins abtrennte. Unmengen Blut spritzten auf den Boden, gegen eine Mauer und natürlich auch auf den Mann im Regenumhang.

Bevor Marvin in der Lage war, seine höllischen Schmerzen herauszuschreien, durchtrennte der Mann mit dem blutigen Skalpell Marvins Kehle, hielt den immer noch extrem blutenden und zuckenden Körper fest umklammert, bis das letzte bisschen Leben aus ihm gewichen war.

„Ich bin gleich weg, Marvin. Muss nur noch schnell etwas erledigen, okay?“ sagte der Mann zum toten Marvin O´Brian. Hoden und Penis des Toten in der rechten Hand haltend, bog der Mann mit der linken Hand Marvins Kiefer weit auseinander und stopfte dann das abgeschnittene Geschlechtsorgan seines nun unbrauchbaren Informanten in Marvins Mund, bis nur noch die schrumpelige Eichel zwischen dessen Lippen zu sehen war.

„Du siehst wirklich Scheiße aus, Marvin!“ sagte der Mann vergnügt, während er den Reißverschluss des Umhangs öffnete, den Umhang in der Tasche auf dem Boden verschwinden ließ und sich fröhlich pfeifend auf den Heimweg machte.   

Kapitel 35

Arthur Fendish und Vernon Ascot hatten in der Vergangenheit so manche gemeinsame Schlacht geschlagen und gewonnen. In eineinhalb Jahrzehnten sind die beiden zu wirklich guten Freunden geworden und Vernon hatte mehr als einmal seinen Freund Arthur um Rat gefragt und stets einen guten Rat erhalten. Auch nach Arthurs Pensionierung waren die beiden Freunde übereingekommen, den Kontakt niemals abbrechen zu lassen.

„Dass ich ein bisschen älter bin als Du, Vernon, ist noch lange kein Grund, Dir gleich einen Jüngeren zu suchen...!“ hatte Fendish an einem der letzten gemeinsamen Tage beim Yard gesagt, wobei Fendish natürlich ganz genau wusste, wie glücklich Vernon mit seiner Mary verheiratet war.

Das alles schien eine Ewigkeit her zu sein, denn jetzt saßen drei Personen im großen Besprechungsraum des Yard und debattierten darüber, wie sie Arthur Fendish, den schlimmsten Serienmörder in der Geschichte des Landes, zur Strecke bringen konnten.

Candice Anne Miller wollte gerade zur Erklärung ansetzen, wieso sie Arthur Fendish plötzlich nicht mehr für den Cutter hielt, als es kurz an der Tür zum Besprechungsraum klopfte, Jane Kirkillian die Tür einen Spalt breit öffnete und zu Lengly gewandt, sagte:

„Bitte verzeihen Sie die Störung, Chief-Inspektor, aber Mr. Bennister meint, er hätte Informationen, die Ihrem Gespräch überaus dienlich seien!“

„So? Meint er das, Jane? Dann lassen Sie ihn reinkommen, damit die Runde der Ratlosen komplett werde!“ knurrte Lengly in Richtung seiner Sekretärin.

Craig Bennister, der Leiter der Forensik, betrat den Raum. Unter dem rechten Arm einen Stapel Akten geklemmt und mit der linken Hand eine Tasse haltend, nickte er kurz den Anwesenden zu und setzte sich auf den Stuhl, den er immer bei Besprechungen benutzte. Bennister war ein typischer Gewohnheitsmensch, der es hasste, etwas Außergewöhnliches, etwas Einmaliges oder gar etwas Revolutionäres in Gang zu setzen, das nicht zuvor von ihm getestet und für gut befunden wurde.

„Miss Miller, Vernon, Chief-Inspektor, ich hatte nicht vor, die Besprechung zu stören. Sie alle wissen, dass ich mich niemals in den Mittelpunkt stelle, selbst dann nicht, wenn ich...“

Robert Lengly war nicht nach Erklärungen. Er unterbrach Bennister unwirsch und forderte ihn auf, wenn er schon einmal da sei, endlich zur Sache zu kommen.

„Natürlich, Sir, ich hatte nicht vor, Sie alle...“

„BENNISTER!“

Prof. Craig Bennister war nicht zum Diplomaten geboren, er war Wissenschaftler mit Leib und Seele und wurde, weit über die Grenzen der Insel hinaus, als Gerichtsmediziner und Leiter der Forensik des Yard geschätzt. Trotz seiner mangelhaften Diplomatie begriff er, dass es Zeit wurde, zur Sache zu kommen.

„Wie Sie sicher alle wissen, kommt statistisch gesehen die aus dem Zellkern sequenzierte DNA unter vierhundert Milliarden Menschen einmal vor. Die einzelnen DNA-Bausteine Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin (ATCG) treten milliardenfach in unterschiedlichen Sequenzen auf und ergeben in ihrer individuellen Anordnung das genetische Profil eines Menschen.“

Der Chief-Inspektor wollte gerade wieder lospoltern, dass er keine Lust und keine Zeit für eine wissenschaftliche Lehrstunde habe, als Bennister schnell zur Sache kam.

„Seit 1989 besitzen wir eine DNA-Datenbank, wenngleich wir zum damaligen Zeitpunkt diese Daten nur begrenzt, also mit den Möglichkeiten, die uns damals zur Verfügung standen, auswerten konnten. Seit einigen Jahren jedoch wissen wir, dass männliche Körperzellen auf dem Y-Chromosom spezielle Marker besitzen, die zweifelsfrei eine spezielle Typisierung des Mannes, also des Täters, ermöglichen. Das heißt, um auf den Punkt zu kommen, dass meine Mitarbeiter nun zweifelsfrei nachweisen können, nachdem wir uns die alten Beweismittel der ersten Cutter-Morde vorgenommen haben, dass es sich bei dem damaligen und heutigen Cutter um Arthur Fendish handelt!“

Candice Anne Miller verlor jede Gesichtsfarbe und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf Bennister, Vernon Ascot verzog zwar keine Miene, aber man konnte erahnen, was in ihm vorging und ‚Long-Lilly‘, Robert Lengly, war der erste, der zu Bennisters Statement etwas sagte:

„Wie sicher ist das, Craig?“

Bennisters Stimme war anzuhören, wie stolz er auf sich und seine Abteilung war, als er antwortete:

„Nahezu 99,999 Prozent, als absolut sicher, Sir!“

Lengly hakte noch einmal nach:

„Und wieso nicht 100 Prozent, Craig?“

„Wir haben unsere Analysedaten einem Labor in Innsbruck zur Gegenkontrolle gesandt, Sir. Ist aber letztendlich nur eine Formsache, deren Ergebnis unsere Arbeit garantiert bestätigen wird!“

„Unmöglich!“ war plötzlich von der Leiterin der Homicide Prevention Unit (HPU), also der Abteilung zur Mordprävention, Candice Anne Miller, zu hören, die sich vom Stuhl erhob und Professor Bennister heftig widersprach:

„Ihre forensische Kompetenz ist zweifelsfrei unbestritten, Craig, aber wäre es nicht möglich, dass eine Person, die wir noch nicht auf unserem Plan haben, sowohl damals vor über zwanzig Jahren, als auch heute, diese sogenannten Beweismittel untergeschoben hat? Ist es hundertprozentig auszuschließen, dass es einen oder mehrere Täter gibt, der oder die im Verlauf von knapp fünfundzwanzig Jahren nur das Ziel verfolgten, erst Underbuck und dann Fendish zu belasten?“

Lengly verfolgte den Austausch von Argumenten, ohne etwas dazu zu sagen. Stattdessen antwortete Craig Bennister seiner Kollegin:

„Ich muss mich an Fakten orientieren, die da lauten, dass es eindeutig die DNA von Fendish ist, die wir den Tatorten zuordnen können. An einem abgetrennten Finger, den wir in der Wohnung von Underbuck fanden, konnten ebenfalls Spuren von Fendish nachgewiesen werden. Und nun sagen Sie mir bitte, junge Kollegin, wie eindeutig diese Beweise sind? Andererseits ist ein gewisses Restrisiko, also eine Manipulation der Beweismittel, nicht absolut auszuschließen, aber eben im Bereich minimaler Wahrscheinlichkeit anzusiedeln!“

Mit der Antwort war Miss Miller noch nicht zufrieden.

„Noch vor eineinhalb Jahrzehnten galt ein Foto, also ein Bild, das den Täter bei der Tat zeigte, als Beweismittel und wurde vor Gericht als Beweis anerkannt. Und heute? Dank der digitalen Bildbearbeitung ist jedes Bild so zu manipulieren, dass es immer das zeigt, was man darauf sehen möchte. Kein Gericht der Welt akzeptiert heute noch Beweisfotos, oder?“

„Was wollen Sie damit sagen, Miss Miller?“ fragte Lengly.

„Ich will sagen, dass es in der Vergangenheit von Arthur Fendish etwas geben muss, das den echten Mörder motiviert hat, alle Morde dem Inspektor anzulasten. Da draußen ist jemand, der Fendish so unendlich hasst, dass er über Jahrzehnte hinweg nur dieses eine Ziel verfolgt, Fendish zu vernichten!“

„Dieser Mister X hätte Fendish einfach umbringen können. Im Laufe von fünfundzwanzig Jahren gab es garantiert genug Gelegenheiten dazu, Miss Miller!“ lenkte Lengly ein und auch Bennister merkte an:

„Ihre Theorie steht auf wackligen Beinen, Miss Miller! Ich hingegen stütze mich auf rein wissenschaftliche Fakten und nicht auf Vermutungen und weibliche Intuitionen...!“

Candice Anne Miller mochte es ganz und gar nicht, wenn man ihr weibliche Gefühlsschwäche vorwarf.

„Dieser Mister X, wie Sie ihn nennen, ist ein Soziopath! Sein Ziel ist nicht die schnelle Rache, sondern das langsame Vernichten. Er will genüsslich zusehen, wie Fendish leidet, wie er selbst gelitten haben muss. Dieser Mann, ich gehe davon aus, das es ein Mann ist, ist hochintelligent und wird nur noch von dem einen Ziel angetrieben, zu zerstören. Menschenleben sind ihm dabei vollkommen egal. Er wird solange weitermorden, bis sein Ziel erreicht ist!“

„Spekulationen, Miss Miller! Wenn das alles ist, was Sie vorzubringen haben, werden wir uns mit aller Kraft auf Fendish konzentrieren. Craig, jetzt möchte ich doch weitere Details hören; aber bitte allgemein verständlich, okay?“

„Das ist aber noch nicht alles, Robert!“

Es war ein ungeschriebenes Gesetz zwischen Candice Anne und Robert Lengly, sich nicht beim Yard mit den Vornamen zu nennen, aber man sah der Psychologin deutlich an, dass sie viel zu aufgebracht war, um an derartige Formalien zu denken. Mit angehobener Stimme sagte sie, statt Bennister zu Wort kommen zu lassen:

„Die Generierung vom Täterprofil unter Verwendung empirisch fundierter, psychologischer Merkmale, macht es nahezu unmöglich, dass Fendish als Täter in Frage kommt, Sir! im Hinblick auf Aggressivität während seiner Vorgeschichte, also im uns bekannten Leben des Arthur Fendish, im Hinblick auf sein Verhalten in Konfliktsituation des Alltags, unterscheidet sich das Planungsniveau der Tat und die Kontrolle bei der Tatausführung ganz erheblich von der Persönlichkeitsstruktur von Fendish!“

Bennister erhob Einspruch:

„Das sind doch alles psychologische Spielchen, Miss Miller! Wir haben Beweise und Sie kommen uns mit halbgaren Kinkerlitzchen!“

„Flexibilität war noch nie Ihre Stärke, Bennister! Aber wenn Sie unbedingt einen Beweis für die Unschuld haben wollen, sollten Sie sich einmal seine Krankenakte genauer ansehen! Im Jahre 1968 sorgte Lyndon Fendish, Arthurs Vater, dafür, dass sein Sohn eine Anstellung beim Yard bekam. Das Ganze war damals noch probeweise und wurde überhaupt nur zugelassen, weil Lyndon Fendish im Ermittlungsteam war, das Bruce Reynolds verhaften konnte.“

Lengly trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. „Was wird das jetzt? Kommen Sie zur Sache, Miss Miller! Ich habe keine Lust, mir jetzt die Geschichte des Großen Postraubes anzuhören, zumal ich auch nicht nachvollziehen kann, wieso das mit unserem Fall zu tun hat!“

Candice Anne Miller lächelte, als sie fortfuhr:

„Natürlich, Sir, Sie haben recht! Ich komme jetzt zur Sache. Lyndon Fendish selbst war beim Yard und wollte für seinen Sohn Arthur, Kontakte spielen lassen, um ihn auch hier unterzubringen. Der damalige Leiter der Personalabteilung, Francis Gordon, verlangte jedoch vom jungen Arthur, dass er sich einem psychologischen Test unterziehen solle, bevor man ihn fest einstellen würde. Dieser Test, oder besser die einwöchige Untersuchung, fand im Institut für Psychiatrie, im Kings’ College, statt und brachte etwas überaus Erstaunliches ans Tageslicht!“

„Und?“ bellte Bennister.

„Lyndon Fendish schaffte es irgendwie, das Ergebnis der psychiatrischen Untersuchung zu manipulieren, weil er ganz genau wusste, was das für seinen Sohn bedeuten würde. Er hat dem Arzt, der Arthur untersucht hat, ein paar kleine Gefallen getan, der dann seinerseits das Gutachten etwas anders erstellte, als er es eigentlich hätte tun sollen.“

„Ich verstehe noch immer nicht, was...“ Robert Lenglys Neugier war geweckt, zumal er im Grunde seines Herzens hören wollte, dass Arthur Fendish nicht der Cutter sein konnte. Aber psychologische Annahmen und Vermutungen alleine würden kaum etwas an der Sachlage ändern.

Candice Anne Miller fuhr fort:

„Die Erklärung liegt im Frontallappen des Gehirns von Arthur Fendish. So wie das Empathieverhalten, das im Frontallappen gesteuert wird, durch verschiedenste Ursachen gestört sein kann, so dass es Menschen gibt, die keinerlei Gewissen haben, nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden können oder absolut nichts dabei empfinden, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, ist auch eine vollkommen gegenteilige empathische Störung möglich, die in Fehlsteuerungen des Frontallappens begründet ist.

Arthur Fendish kann nicht der Cutter sein, weil Arthur Fendish absolut unfähig ist, Gewalt anzuwenden, zu verletzen oder zu töten!“

Die Anwesenden, also Vernon Ascot, Craig Bennister und auch Robert Lengly schnappten nach Luft, als hätte man plötzlich die Atemluft aus dem Raum abgesaugt. Was sie eben gehört hatten, schien so unsinnig, so aberwitzig und so absurd zu sein, dass sie nicht wussten, ob sie Candice Anne Miller mitleidig auslachen oder sie aber, genervt vom gehörten Unsinn, selbst in psychiatrische Behandlung schicken sollten. Vernon Ascot war der erste, der offenbar wieder Luft bekam und auch sofort seine Gegenargumente lieferte:

„Nun, ich bin kein Psychiater und ich traue mir nicht zu, psychiatrische Beurteilungen zu kritisieren, aber ich behaupte einfach mal, dass ich, wie die meisten Anwesenden hier am Tisch, über einen gesunden Menschenverstand verfüge und auch Fakten als solche begreifen kann.“

Vernon Ascot fuhr sich mit seinen schmalen Fingern durchs kurze schwarze Haar und blickte dann Candice Anne Miller an, als ginge es darum, in die tiefsten Tiefen ihres Unterbewusstseins sehen zu wollen. Dann sagte er mit leiser Stimme, die alle anderen zwang, sich auf seine Worte zu konzentrieren:

„Was auch immer irgendein Gutachten besagt, ändert nichts am Umstand, dass Fendish fast einundvierzig Jahre im Polizeidienst tätig war. Er ist bestens ausgebildet worden, hat an unzähligen Schießübungen teilgenommen, war bei ein paar hundert Einsätzen dabei und hat eine Menge Einsätze selbst geleitet. Er trug stets eine Waffe, Miss Miller, mit der er perfekt umzugehen wusste. Er wurde, wie alle jungen Kollegen, in Selbstverteidigung und Nahkampf ausgebildet und es gibt keinen, nicht einen einzigen Hinweis darauf, dass Arthur Fendish so krank im Kopf war, dass er sich nicht verteidigt hätte, wenn es darauf angekommen wäre. Und ich meine mit Verteidigung, das er garantiert jeden Angreifer abgeknallt hätte, der ihm den Kopf vom Hals schießen wollte, oder etwa nicht, Miss Miller?“

Noch immer war Robert Lengly der Meinung, dass es besser war, zuzuhören, als mitzureden. Candice Anne antwortete auf Vernon Ascots Argument:

„Theoretisch haben Sie natürlich Recht, Vernon, aber praktisch sieht’s eben ganz anders aus! Ich habe mir die Mühe gemacht, Arthurs Dienstzeit akribisch aufzuarbeiten und musste dabei feststellen, dass der gute Arthur sich überaus geschickt aus jedem Problem laviert hat, dem er begegnet ist.“

Candice Anne Miller griff einen Stapel Papiere und trug eine präzise Auflistung der Einsätze Fendishs vor. Tatsächlich gab es keinen einzigen Einsatz in alle seinen Dienstjahren, in denen er von seiner Dienstwaffe Gebrauch machen musste; er war nicht ein einziges Mal in eine körperliche Auseinandersetzung verwickelt, musste sich nie seiner Haut wehren und hatte es irgendwie immer wieder geschafft, diese ‚Krankheit‘, wie Miss Miller es nannte, Vorgesetzten und Kollegen gegenüber zu verbergen.

Dann präsentierte Candice Anne Miller das Schmuckstück ihrer Recherche, die auch den Skeptikern Bennister und Ascot die Sprache verschlug. Sie griff nach einer etwas vergilbten Akte und ließ sie lautstark auf den Besprechungstisch fallen, so dass es fast wie das Heruntersausen eines Fallbeils klang, das den Verdacht gegen Arthur Fendish endgültig den Kopf abschlug:

„Das, meine Herren, ist die echte, das heißt, das ist die Originalakte mit dem eigentlichen Gutachten über den jungen Arthur Fendish, die nicht dem Personalbüro vom Yard zugegangen ist, sondern bis zum heutigen Vormittag von jener Person aufbewahrt wurde, die auch für das gefälschte Gutachten verantwortlich war. Ich nehme an, Sie alle wussten nicht, dass Arthurs Vater, Lyndon Fendish, noch am Leben ist, oder?“

Ascot, Bennister und auch Lengly saßen da, sagten kein Wort und schienen noch nicht so recht begriffen zu haben, was es bedeutete, wenn Candice Anne Miller Recht haben würde und wenn sie alle mit Arthur Fendish den falschen Mann als ‚Cutter‘ jagten.

Vernon Ascot bat Miss Miller, ihm das ursprüngliche Gutachten auszuhändigen.

„Sollte sich bestätigen, was Sie uns hier präsentieren, haben wir alle ein ziemlich großes, ein wirklich gewaltig großes Problem, Miss Miller! Ich möchte, dass das Gutachten von Ihnen, Vernon, und von den besten Gutachtern des Landes geprüft wird. Sie, Miss Miller, werden mir nun unter vier Augen erklären, wieso ich nicht vor dieser Besprechung über die aktuelle Entwicklung informiert wurde! Meine Herren, wir müssen in Kürze die Presse informieren und ich persönlich habe die wenig erfreuliche Aufgabe, dem Innenminister zu erklären, wieso wir seit fast zweieinhalb Jahrzehnten die falschen Männer jagen!“ 

„Und was ist mit der DNA an den abgetrennten Gliedmaßen, Sir?“ wollte Bennister noch wissen, aber Lengly, Ascot und Candice Anne Miller hatten sich schon erhoben, um den Besprechungsraum zu verlassen.

„Ich sehe schon die Schlagzeile in der ‚Sun‘ vor mir, die uns allesamt zu stümperhaften Idioten abstempeln wird! Verübeln kann ich’s denen nicht, Sir...!“

Lengly und die anderen hatten den Besprechungsraum längst verlassen und Bennisters Prophezeiung verhallte unkommentiert im Nichts.


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